Der britische Kapitalmarkt steckt in einem zunehmend sichtbaren Problem: Immer mehr große Unternehmen verlassen die Londoner Börse, wechseln ihren Börsenplatz oder entscheiden sich von vornherein für einen Börsengang in den USA.
Nun warnt ausgerechnet die Chefin der London Stock Exchange vor den Folgen dieser Entwicklung.
Dame Julia Hoggett fordert von der britischen Regierung deutlich stärkere Anreize, damit Unternehmen und Anleger dem heimischen Kapitalmarkt treu bleiben.
Ihr Kernargument ist einfach:
Großbritannien verfüge sowohl über erfolgreiche Unternehmen als auch über ausreichend Kapital. Dieses Kapital fließe jedoch zunehmend ins Ausland – insbesondere in die Vereinigten Staaten.
Immer mehr Unternehmen verlassen London
Die London Stock Exchange gehört weiterhin zu den bedeutendsten Börsenplätzen der Welt.
Im Hauptsegment sind rund 930 Unternehmen gelistet. Zusammen kommen sie auf einen Börsenwert von ungefähr 4,9 Billionen Pfund.
Fast 40 Prozent dieser Unternehmen stammen aus dem Ausland.
Doch die beeindruckende Größe kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass London seit Jahren Unternehmen verliert.
Mehrere bekannte Konzerne haben ihren Börsenplatz bereits verlagert oder London ganz verlassen.
Der Essenslieferdienst Just Eat wechselte nach Amsterdam.
Der Reisekonzern TUI entschied sich für Frankfurt.
Flutter Entertainment, der Mutterkonzern des Wettanbieters Paddy Power, verlagerte den Schwerpunkt seines Börsenhandels nach New York.
Andere britische Unternehmen wurden von ausländischen Finanzinvestoren übernommen und anschließend von der Börse genommen.
Für den Finanzplatz London ist diese Entwicklung zunehmend problematisch.
USA ziehen Börsengänge an
Besonders deutlich wird der Unterschied bei neuen Börsengängen.
In Großbritannien gab es im vergangenen Jahr lediglich 23 Börsengänge. Dabei wurden insgesamt etwa 2,1 Milliarden Pfund eingesammelt.
In den Vereinigten Staaten waren es dagegen 354 Börsengänge mit einem Emissionsvolumen von rund 44 Milliarden Dollar.
Natürlich ist der amerikanische Kapitalmarkt wesentlich größer als der britische.
Dennoch zeigt der Vergleich, wie stark sich das Kräfteverhältnis inzwischen verschoben hat.
Gerade Technologieunternehmen und schnell wachsende Firmen versprechen sich von einer Notierung an der Wall Street häufig höhere Bewertungen und einen besseren Zugang zu internationalen Investoren.
Britisches Geld finanziert zunehmend amerikanische Unternehmen
Besonders paradox ist aus Sicht der Londoner Börsenchefin, dass Großbritannien zwar über erhebliche private Vermögen verfügt, ein zunehmender Anteil dieses Geldes aber in amerikanische Aktien fließt.
Britische Anleger suchen dort höhere Renditen.
Damit entsteht ein Kreislauf.
Weniger britisches Geld fließt in britische Aktien.
Die Bewertungen heimischer Unternehmen bleiben vergleichsweise niedrig.
Dadurch wird eine Börsennotierung in London für Unternehmen weniger attraktiv.
Und weitere Firmen beginnen darüber nachzudenken, ihren Börsenplatz zu wechseln.
Dame Julia Hoggett bringt das Problem sinngemäß auf einen einfachen Punkt:
Großbritannien spreche ständig davon, Wachstum im eigenen Land schaffen zu wollen – gleichzeitig finanzierten britische Anleger zunehmend Wachstum in den USA.
Kritik an der eigenen schlechten Stimmung
Die Börsenchefin sieht allerdings nicht nur steuerliche und regulatorische Ursachen.
Sie kritisiert auch die öffentliche Wahrnehmung des britischen Wirtschaftsstandortes.
Großbritannien neige dazu, den eigenen Standort schlechter darzustellen, als er tatsächlich sei.
Diese negative Stimmung habe in der Vergangenheit möglicherweise dazu beigetragen, dass Unternehmen ihre Zukunft eher außerhalb Großbritanniens gesehen hätten.
Aus ihrer Sicht müsse das Land wieder selbstbewusster mit seinen Unternehmen und seinem Kapitalmarkt umgehen.
Denn an erfolgreichen Firmen mangele es nicht.
Auch Kapital sei grundsätzlich vorhanden.
Die entscheidende Frage sei vielmehr, wie dieses Kapital stärker in britische Unternehmen gelenkt werden könne.
Börsenchefin fordert Abschaffung einer Steuer auf Aktienkäufe
Eine konkrete Forderung betrifft die sogenannte Stamp Duty.
Beim Kauf britischer Aktien fällt derzeit grundsätzlich eine Abgabe von 0,5 Prozent an.
Wer dagegen ausländische Aktien kauft, muss diese britische Abgabe nicht bezahlen.
Kritiker sehen darin einen erheblichen Wettbewerbsnachteil.
Ausgerechnet der Kauf eines britischen Unternehmens werde steuerlich belastet, während der Kauf amerikanischer oder anderer ausländischer Aktien von dieser Abgabe verschont bleibe.
Dame Julia Hoggett fordert deshalb die Abschaffung dieser Steuer auf Aktienkäufe.
Damit könnte es für britische Anleger attraktiver werden, wieder stärker in heimische Unternehmen zu investieren.
Steuerliche Vorteile für Investitionen in britische Unternehmen?
Zusätzlich steht eine weitere Idee im Raum.
Anleger könnten steuerliche Vergünstigungen erhalten, wenn sie ihr Kapital gezielt in britische Unternehmen investieren.
Ein ähnliches System existierte in Großbritannien bereits früher und wurde 2016 abgeschafft.
Die Börsenchefin hält eine Rückkehr solcher Anreize für sinnvoll.
Der Grundgedanke:
Wenn die Regierung möchte, dass britisches Kapital verstärkt britische Unternehmen finanziert, könnte sie genau dieses Verhalten steuerlich fördern.
Auch Wirtschaft fordert schnelle Reformen
Die Kritik kommt längst nicht nur von der London Stock Exchange.
Auch britische Wirtschaftsverbände fordern Maßnahmen gegen die Abwanderung von Unternehmen.
Dabei geht es insbesondere um drei Punkte:
weniger Regulierung,
eine bessere internationale Vermarktung des Finanzplatzes London
und stärkere finanzielle Anreize für Investoren.
Die Sorge dahinter ist erheblich.
Wenn immer mehr erfolgreiche Unternehmen London verlassen, verliert die Börse nicht nur Prestige.
Auch Unternehmensbewertungen könnten dauerhaft niedriger bleiben.
Das wiederum erschwert es Firmen, neues Kapital aufzunehmen.
Warum das auch den britischen Staat betrifft
Ein schwächerer Kapitalmarkt kann langfristig auch Auswirkungen auf die öffentlichen Finanzen haben.
Wenn Unternehmen ihren Sitz oder wichtige Teile ihrer Geschäftstätigkeit ins Ausland verlagern, können Steuereinnahmen verloren gehen.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass wichtige Unternehmensentscheidungen künftig nicht mehr in Großbritannien getroffen werden.
Aus einem Börsenproblem kann deshalb langfristig ein Standortproblem werden.
Denn Börsenplätze sind nicht nur Handelsplattformen.
Sie bilden häufig ganze wirtschaftliche Netzwerke aus Banken, Rechtsanwaltskanzleien, Wirtschaftsprüfern, Fondsmanagern, Beratern und Technologieunternehmen.
London hat über Jahrzehnte massiv von diesem Umfeld profitiert.
London gegen New York
Der eigentliche Konkurrent heißt vor allem New York.
Die amerikanischen Kapitalmärkte sind wesentlich größer und verfügen über enorme Mengen institutionellen Kapitals.
Dazu kommen große Pensionsfonds, Investmentgesellschaften und Privatanleger.
Für Unternehmen bedeutet das:
Eine Notierung in den USA kann einen deutlich größeren Kreis potenzieller Investoren erschließen.
Insbesondere Wachstumsunternehmen versprechen sich davon höhere Bewertungen.
Genau hier muss London nach Ansicht der Börsenchefin attraktiver werden.
Die Regierung hält sich bislang bedeckt
Ob die britische Regierung tatsächlich Änderungen bei der Besteuerung von Aktien plant, ist bislang offen.
Die Regierung wollte sich nicht dazu äußern, ob entsprechende Maßnahmen Bestandteil der nächsten Haushaltsplanung werden könnten.
Steuerentscheidungen würden grundsätzlich vom Finanzminister im Rahmen der offiziellen Haushaltsplanung bekannt gegeben.
Damit ist die politische Debatte eröffnet, aber noch längst nicht entschieden.
Es geht um mehr als eine Börse
Die Diskussion zeigt ein grundsätzliches wirtschaftspolitisches Problem.
Ein Land kann erfolgreiche Unternehmen hervorbringen.
Doch wenn diese Unternehmen ihr Wachstum anschließend über Kapitalmärkte im Ausland finanzieren, profitiert der heimische Finanzplatz davon nur begrenzt.
Noch problematischer wird es, wenn gleichzeitig heimische Anleger einen immer größeren Teil ihres Vermögens ebenfalls im Ausland investieren.
Dann finanziert britisches Geld amerikanische Unternehmen, während britische Unternehmen in die USA gehen, um dort Kapital einzusammeln.
Für Großbritannien ist das langfristig keine besonders attraktive Entwicklung.
London muss wieder attraktiver werden
Die London Stock Exchange wird deshalb kaum um Reformen herumkommen.
Dabei geht es nicht darum, Anleger zu zwingen, britische Aktien zu kaufen.
Investoren werden immer dort investieren, wo sie das beste Verhältnis zwischen Risiko und Rendite erwarten.
Der britische Staat kann jedoch die Rahmenbedingungen beeinflussen.
Steuern, Regulierung, Altersvorsorge, Kapitalmarktregeln und die Attraktivität von Börsengängen spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Wenn heimische Aktien gegenüber ausländischen Investments steuerlich benachteiligt sind, stellt sich zwangsläufig die Frage, warum Anleger ausgerechnet Großbritannien bevorzugen sollten.
Fazit: Großbritannien muss aufpassen, seinen wichtigsten Finanzplatz nicht langsam auszuhöhlen
London bleibt einer der bedeutendsten Finanzplätze der Welt.
Doch der Trend ist nicht zu übersehen.
Unternehmen gehen.
Börsengänge bleiben aus.
Britisches Kapital fließt verstärkt in amerikanische Aktien.
Und New York gewinnt weiter an Attraktivität.
Die Warnung der Londoner Börsenchefin sollte deshalb nicht als bloße Lobbyarbeit abgetan werden.
Wenn ein Kapitalmarkt über Jahre Unternehmen, Investoren und Börsengänge verliert, kann irgendwann eine Entwicklung entstehen, die sich nur schwer wieder umkehren lässt.
Großbritannien muss deshalb eine grundsätzliche Frage beantworten:
Will das Land lediglich erfolgreiche Unternehmen hervorbringen?
Oder will es auch dafür sorgen, dass diese Unternehmen anschließend in Großbritannien wachsen, Kapital aufnehmen und langfristig Teil des heimischen Wirtschaftsstandortes bleiben?
Genau darum geht es bei der aktuellen Diskussion um die Zukunft der Londoner Börse.
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