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Keiner hat mehr Bock auf Eintracht – und ganz Frankfurt weint eine schwarz-weiße Träne

jorono (CC0), Pixabay
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Früher hat die Eintracht Stadien angezündet. Heute schafft sie es nicht mal mehr, die Leute bis zum Abpfiff auf ihren Sitzen zu halten.

Nach dem unerquicklich lustlosen 1:3 gegen Leipzig war im Waldstadion nämlich vor allem eines zu beobachten: Völkerwanderung. Und zwar nicht Richtung Europa, sondern Richtung Ausgang. Schon deutlich vor Schluss machten sich so viele Fans auf den Heimweg, dass auf der Gegentribüne plötzlich wieder der Sitz-Schriftzug „Eintracht vom Main“ sichtbar wurde. Ein historischer Moment. Man hätte fast eine Schweigeminute einlegen können.

Mit anderen Worten: Die Mannschaft hat es geschafft, das Stadion so sehr „zu erwecken“, dass die Leute kollektiv beschlossen haben, lieber wach zu Hause auf dem Sofa zu leiden.

Vorstandssprecher Axel Hellmann sagt ja gern: „Es ist nicht schwer, dieses Stadion zu erwecken.“ Stimmt. Früher reichte dafür ein Grätschen, ein Sprint, ein bisschen Wahnsinn und zwei Bier. Heute reicht offenbar schon ein weiterer Frankfurter Fehlpass im Mittelfeld – und die Fans erwachen schlagartig aus jeder Illusion.

Trainer Albert Riera erklärte nach dem Spiel tapfer: „Wir sind die, die das Feuer übertragen müssen.“
Korrekt. Nur aktuell wirkt dieses Feuer eher wie ein Teelicht im Regen.

Sportvorstand Markus Krösche sprach immerhin aus, was jeder mit Augen, Puls und Restwürde längst wusste: „Wir spielen keinen guten Fußball.“
Ach was. Und der Main fließt Richtung Westen.

Man muss Krösche aber zugutehalten: Ehrlichkeit ist im Profifußball selten geworden. Andere hätten noch etwas von „Phasen“, „Ansätzen“ und „fehlender Effizienz in den Boxen“ gemurmelt. Krösche dagegen sagt sinngemäß: Leute, das ist gerade einfach großer Murks. Und damit hat er vermutlich noch freundlich formuliert.

Denn das Problem ist nicht einmal, dass Eintracht verliert. Am Main kann man Niederlagen verzeihen. Wenn gefightet wird. Wenn einer mit blutendem Knie noch in die Bande rauscht. Wenn man merkt: Die Jungs haben wenigstens versucht, sich in den europäischen Wettbewerb zu grätschen.

Aber gegen Leipzig? Da war von Leidenschaft ungefähr so viel zu sehen wie von Lebensfreude in einer Steuerprüfung. Vorne ideenlos, hinten wacklig, dazwischen dieses unverwechselbare Gefühl von: „Können wir das hier bitte möglichst geräuschlos zu Ende bringen?“

Die Fans haben längst genug von dieser Wackel-Saison, in der die Mannschaft mal wie ein Europa-League-Anwärter aussieht – und dann wieder wie eine Gruppe, die sich beim Firmenkick spontan zusammengefunden hat. Krösche nennt es „nicht stabil“. Die Kurve nennt es vermutlich anders.

Besonders tragisch: Ausgerechnet jetzt ist Europa plötzlich wieder erreichbar. Platz sieben könnte reichen. Europa League! Der geliebte Wettbewerb! Diese magische Hymne! Und nächstes Jahr findet das Finale sogar in Frankfurt statt!

Normalerweise wäre das für Eintracht-Verhältnisse ungefähr so motivierend wie Freibier, Derby und Pyro gleichzeitig.

Doch offenbar muss Trainer Riera seine Mannschaft inzwischen ernsthaft daran erinnern, dass europäische Nächte in Frankfurt etwas Schönes sind. Er sagte nach Abpfiff tatsächlich sinngemäß, man müsse die Spieler motivieren, damit sie nächste Saison wieder europäische Hymnen hören.

Das ist ungefähr so, als müsste man einem Kind erklären, dass Weihnachten eigentlich ganz nett ist.

Und da sitzen sie nun, die Eintracht-Anhänger, irgendwo zwischen Fassungslosigkeit, Galgenhumor und dieser ganz besonderen Fußball-Traurigkeit, die nur echte Fans kennen. Man liebt diesen Verein, man leidet mit diesem Verein, man wird von diesem Verein regelmäßig emotional in den Schwitzkasten genommen – und trotzdem steht man nächste Woche wieder da. Oder zumindest bis zur 72. Minute.

Denn seien wir ehrlich: Genau deshalb weinen wir heute eine kleine schwarz-weiße Träne mit den Eintracht-Fans. Nicht nur wegen der Pleite. Sondern weil diese Mannschaft es gerade schafft, aus einer historischen Chance auf Europa ein kollektives Gähnen zu machen.

Vielleicht kommt im Sommer der große Umbruch. Vielleicht verschwinden einige Stars. Vielleicht ist das auch besser so. Denn aktuell wirken manche Spieler, als würden sie bereits gedanklich die Umzugskartons beschriften, während auf dem Platz noch ein Ball rollt.

Und trotzdem, wie immer in Frankfurt, bleibt irgendwo tief drin diese völlig irrationale Hoffnung. Dass es doch noch kippt. Dass plötzlich drei Siege kommen. Dass die Mannschaft merkt, worum es geht. Dass wieder gebrannt wird statt gebummelt.

Realistisch? Eher nein.

Aber Eintracht-Fan zu sein war noch nie eine rationale Entscheidung.

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