Lange galt Kanada für viele junge Inderinnen und Inder als Traumziel: ein Studium im Ausland, gute Jobchancen und oft auch die Hoffnung auf ein dauerhaftes Leben in Nordamerika. Doch dieses Versprechen bröckelt. Strengere Visa-Regeln, steigende Lebenshaltungskosten und unsichere Berufsaussichten haben den Zustrom indischer Studierender zuletzt massiv einbrechen lassen.
Noch vor wenigen Jahren war Kanada für viele Familien aus der indischen Mittelschicht die erste Wahl. An Bildungsberatungen in Städten wie Delhi dominierten Broschüren kanadischer Colleges und Universitäten. Heute sieht das anders aus: Statt Kanada interessieren sich viele junge Menschen inzwischen eher für Deutschland, Italien oder Australien.
„Bis 2023 entfiel der Großteil unserer Bewerbungen auf Kanada“, sagt Bildungsberater Shobhit Anand aus Delhi. Inzwischen sei die Zahl der Anfragen um rund 80 Prozent eingebrochen. „Viele wollen gar nicht mehr nach Kanada. Dazu kommt eine sehr hohe Ablehnungsquote bei Visa.“
Ein dramatischer Einbruch
Wie stark sich der Trend gedreht hat, zeigt auch ein Bericht der kanadischen Rechnungsprüferin an das Parlament: Der Anteil indischer Studierender an den internationalen Neuaufnahmen lag im September 2025 nur noch bei 8,1 Prozent. Im Jahr 2023 hatte er noch 51,6 Prozent betragen.
Der Rückgang hat mehrere Gründe:
- strengere Visa- und Einwanderungsregeln
- deutlich gestiegene Lebenshaltungskosten
- schwächere Jobperspektiven
- sowie die diplomatische Krise zwischen Indien und Kanada im Jahr 2023, die das Verhältnis beider Länder belastete
Zwar haben sich die Beziehungen inzwischen wieder etwas verbessert, doch der Imageschaden wirkt nach.
Vom Migrationsversprechen zur Unsicherheit
Kanada war für viele indische Familien attraktiv, weil es nicht nur ein Studium versprach, sondern oft auch einen relativ klaren Weg zur dauerhaften Niederlassung.
Das Modell war lange simpel:
Ein zwei- oder dreijähriger Studiengang an einem privaten College, danach ein Job, einige Jahre Berufserfahrung – und schließlich der Antrag auf permanente Aufenthaltsgenehmigung. Für viele galt Kanada deshalb weniger als reines Studienland, sondern als Einwanderungsmodell mit Bildungslabel.
Doch genau dieses Modell ist ins Wanken geraten.
Strengere Regeln treffen vor allem private Colleges
Anfang 2024 führte Kanada eine auf zwei Jahre angelegte Beschränkung für internationale Studierende in Bachelor- und Diplomprogrammen ein. Die Zahl der Studiengenehmigungen wurde auf rund 350.000 pro Jahr gedeckelt. Postgraduale Programme blieben davon weitgehend ausgenommen.
Besonders hart traf das jene, die über kleinere oder private Colleges nach Kanada wollten – also genau jene Gruppe, für die Bildung vor allem ein Weg in den Arbeitsmarkt und später in die Einwanderung war.
Hinzu kam eine deutliche Verschärfung bei den finanziellen Anforderungen:
Die sogenannte Guaranteed Investment Certificate (GIC), also der verpflichtende Nachweis ausreichender Mittel für Studium und Lebensunterhalt, wurde 2024 von 10.000 auf mehr als 20.000 kanadische Dollar erhöht.
Für viele Familien ist das kaum noch zu stemmen.
Visa-Ablehnungen auf Rekordniveau
Auch die Visa-Vergabe wurde deutlich restriktiver. Laut ICEF Monitor, einem Fachportal für internationale Bildungsmobilität, stieg die Ablehnungsquote bei kanadischen Studienvisa von 38 Prozent im Jahr 2023 auf 52 Prozent im Jahr 2024.
Gerade in preissensiblen Märkten wie Indien, wo Auslandsstudien meist mit großer finanzieller Planung verbunden sind, wirkt das abschreckend. Viele Familien stellen sich inzwischen nicht mehr die Frage, wie man nach Kanada kommt – sondern ob sich das Risiko überhaupt noch lohnt.
„Es gibt echte Angst“, sagt Anand. „Selbst wenn man zugelassen wird – kann man sich dort überhaupt halten?“
Schnellspur-System abgeschafft
Zusätzliche Unsicherheit brachte das Ende des sogenannten Student Direct Stream (SDS), eines beschleunigten Visaverfahrens, das besonders bei indischen Antragstellern beliebt war.
Das System ermöglichte schnellere Entscheidungen für Bewerber, die bestimmte Sprach- und Finanzanforderungen erfüllten. Laut dem Bericht der Rechnungsprüferin stiegen die Bewilligungsquoten für indische SDS-Anträge von 61 Prozent im Jahr 2022 auf 98 Prozent im Jahr 2024.
Gleichzeitig häuften sich laut Behörden Hinweise auf Missbrauch:
- gefälschte Unterlagen
- Studierende, die gar nicht am Unterricht teilnahmen
- steigende Asylanträge
Ende 2024 wurde das Verfahren abgeschafft. Seither wird deutlich strenger geprüft.
Studium ja – aber wo ist der Job?
Ein weiteres Problem: Der Arbeitsmarkt kann mit dem Boom internationaler Studierender nicht Schritt halten.
Viele private Colleges hatten in den vergangenen Jahren stark expandiert und profitierten vom internationalen Studierendenboom – besonders nach der Pandemie. Experten kritisieren jedoch, dass manche dieser Einrichtungen vor allem als gewinnorientierte Geschäftsmodelle agierten und akademisch nur begrenzten Wert boten.
Die Folge:
Viele Absolventinnen und Absolventen fanden keine stabilen Jobs und konnten die hohen Kosten ihres Auslandsstudiums nicht wieder hereinholen.
Anand berichtet von einem ehemaligen Schüler, der vor zwei Jahren nach Kanada ging. Nach seinem Abschluss fand der 24-Jährige keine feste Arbeit, hielt sich mit Teilzeitjobs über Wasser und kehrte schließlich nach Indien zurück.
„Er konnte sich dort schlicht nicht über Wasser halten“, sagt Anand.
Top-Universitäten bleiben stabiler
Nicht alle Einrichtungen sind gleichermaßen betroffen. Große und renommierte Universitäten wie McGill in Montreal spüren den Einbruch deutlich weniger.
McGill-Präsident Deep Saini unterscheidet zwischen zwei Gruppen indischer Studierender:
- akademisch orientierte Bewerber, die gezielt an Spitzenuniversitäten in Kanada, den USA oder Europa studieren wollen
- Studierende, die Bildung primär als Weg zur Migration sehen und sich eher an kleineren Colleges einschreiben
Genau diese zweite Gruppe wurde von den neuen Restriktionen besonders hart getroffen.
Saini spricht bei den Auswirkungen auf McGill eher von „Kollateralschäden“ als von einem direkten Schlag. Nach einem leichten Rückgang seit 2023 normalisiere sich die Zahl indischer Studierender an seiner Universität inzwischen wieder.
Leichte Entspannung – aber kein alter Glanz
Mit dem Amtsantritt des neuen kanadischen Premierministers Mark Carney haben sich die Beziehungen zwischen Indien und Kanada wieder verbessert. Carney reiste Anfang des Jahres nach Indien, begleitet von Vertretern mehrerer führender kanadischer Universitäten.
Beide Seiten bemühen sich um einen Neustart – etwa durch neue Bildungskooperationen und Stipendienprogramme.
Doch selbst bei jenen, die Kanada weiterhin attraktiv finden, ist die Entscheidung heute deutlich komplizierter.
Der 17-jährige Tanishq Khurana wollte ursprünglich schon im vergangenen Sommer einen Antrag stellen. Nach Gesprächen mit Bildungsberatern zögerte er jedoch.
„Mir wurde von steigenden Visa-Ablehnungen und begrenzten Studienplätzen berichtet. Das hat mich alles infrage stellen lassen“, sagt er.
Inzwischen will er sich trotzdem erneut bewerben – unter anderem, weil seine Schwester und mehrere Cousins bereits in Kanada leben. Das Land sei ihm vertraut, und Bildung sowie Berufsperspektiven erschienen ihm weiterhin besser als in Indien.
Das alte Versprechen gilt nicht mehr automatisch
Kanada bietet internationalen Absolventinnen und Absolventen nach wie vor eine Arbeitsgenehmigung von bis zu drei Jahren nach dem Studium – ein wichtiger Anreiz.
Doch anders als früher ist das längst keine Garantie mehr für den nächsten Schritt.
Steigende Mieten, härterer Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt und strengere Einwanderungsregeln sorgen dafür, dass viele junge Menschen zwar legal im Land bleiben dürfen – aber nicht jenes Leben aufbauen können, das sie sich erhofft hatten.
Fazit
Kanada ist für indische Studierende nicht verschwunden – aber der Mythos vom sicheren Weg zu Studium, Job und Daueraufenthalt hat deutlich an Strahlkraft verloren.
Was lange als verlässliches Einwanderungsmodell galt, ist heute ein riskanteres und deutlich teureres Unterfangen.
Für viele Familien in Indien ist Kanada deshalb nicht mehr automatisch das Traumziel von früher – sondern nur noch eine Option unter vielen.
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