Kanada nutzt die wachsende Unsicherheit an amerikanischen Universitäten gezielt für sich. Im Rahmen eines neuen staatlichen Programms wechseln 64 Professorinnen und Professoren aus aller Welt nach Kanada – 48 davon kommen aus den USA.
Die Regierung stellt dafür insgesamt 504 Millionen kanadische Dollar bereit. Gefördert werden unter anderem Forschung zu Klimawandel, Medizin und gesellschaftlicher Resilienz.
Hintergrund ist auch die Wissenschaftspolitik der Trump-Regierung. Washington hat zahlreiche Forschungsprogramme eingefroren oder gekürzt und Universitäten unter anderem wegen Diversity-Programmen, politischer Ausrichtung und des Umgangs mit Antisemitismus scharf kritisiert.
Für einige Wissenschaftler wird Kanada dadurch attraktiver.
Der Klimaforscher Seth Guikema verlässt etwa die University of Michigan und wechselt an die Western University in Ontario. Dort erhält er über acht Jahre rund acht Millionen kanadische Dollar, um an besseren Schutzkonzepten gegen Naturkatastrophen wie Waldbrände und Stürme zu forschen.
Guikema erklärte, das Finanzierungsumfeld für Klima- und Resilienzforschung in den USA sei zunehmend schwieriger geworden. In Kanada habe er ein Umfeld gefunden, in dem er wissenschaftlich arbeiten und zugleich praktische Wirkung erzielen könne.
Auch renommierte Forscher von Harvard und anderen Spitzenuniversitäten wechseln.
Peter Caravan, der rund zwei Jahrzehnte am Massachusetts General Hospital und an der Harvard Medical School tätig war, geht an die University of British Columbia. Dort will er seine Forschung zur früheren Erkennung von Krebs und chronischen Erkrankungen fortsetzen.
Kanadas Industrieministerin Mélanie Joly begrüßte die neuen Wissenschaftler ausdrücklich. Auf die Frage, ob Kanada gezielt amerikanische Talente abwerbe, reagierte sie nüchtern: Die US-Regierung treffe ihre Entscheidungen – Kanada treffe seine eigenen.
Kritiker in den USA warnen inzwischen vor langfristigen Folgen. Hochschulvertreter fürchten weniger einen kurzfristigen „Brain Drain“ als vielmehr die Gefahr, dass die Vereinigten Staaten dauerhaft an Attraktivität für Spitzenforscher verlieren könnten.
Noch gehören MIT, Stanford und Harvard zu den besten Universitäten der Welt. Doch wenn Fördergelder unsicherer werden und Wissenschaftler anderswo bessere Bedingungen finden, könnte sich das Kräfteverhältnis langsam verschieben.
Kanada scheint jedenfalls entschlossen, genau diese Gelegenheit zu nutzen – und macht aus der amerikanischen Wissenschaftskrise ein eigenes Standortprogramm.
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