Wer gestern in Israel pünktlich irgendwo ankommen wollte, hatte offenbar die spirituelle Dimension des Tages unterschätzt. Tausende ultraorthodoxe Juden protestierten gegen die Wehrpflicht – und verwandelten das Land kurzerhand in ein gigantisches Freiluft-Parkhaus.
Straßen wurden blockiert, Autobahnen lahmgelegt und sogar Bahngleise als Demonstrationsfläche entdeckt. Pendler lernten dabei eine wichtige Lektion: Im Kampf zwischen Google Maps und religiösem Protest gewinnt meist der Protest.
Besonders kreativ zeigte man sich auf der Bahnstrecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Demonstranten betraten die Gleise, Züge blieben stehen, Reisende strandeten, und der Flughafen Ben Gurion durfte für einige Stunden ausprobieren, wie sich ein Escape Room mit mehreren hundert Teilnehmern anfühlt.
Die Polizei reagierte mit Wasserwerfern und Blendgranaten. Beobachter sprachen von chaotischen Szenen. Autofahrer sprachen vermutlich von ganz anderen Dingen, die aus Jugendschutzgründen nicht wiedergegeben werden können.
Auslöser der Proteste war die Festnahme ultraorthodoxer Wehrdienstverweigerer. Seit die jahrzehntelange Ausnahme von der Wehrpflicht ausgelaufen ist, wird die Frage diskutiert, wer das Land verteidigen soll. Die Antwort eines Teils der Demonstranten lautete offenbar: „Jedenfalls nicht wir – und bis das geklärt ist, fährt hier niemand mehr irgendwohin.“
Am Ende stand das Land stundenlang im Stau, Züge standen auf freier Strecke, und selbst Menschen, die mit dem eigentlichen Streit nichts zu tun hatten, wurden unfreiwillig zu Teilnehmern der Demonstration.
Die gute Nachricht: Der Flugverkehr lief weiter.
Die schlechte Nachricht: Man musste erst einmal zum Flughafen kommen.
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