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Interview: „Anleger müssen verstehen, dass hier ein Totalverlustrisiko besteht“ – Rechtsanwalt Maurice Högel zur The Generation Forest eG

parveender (CC0), Pixabay
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Redaktion: Herr Rechtsanwalt Högel, die The Generation Forest eG wirbt mit Nachhaltigkeit, Aufforstung und langfristigem Waldaufbau in Panama. Viele Anleger sehen darin ein grünes Zukunftsprojekt. Wie bewerten Sie das Modell juristisch und wirtschaftlich?

Maurice Högel:
Zunächst muss man sagen: Nachhaltigkeit allein ersetzt keine wirtschaftliche Tragfähigkeit. Das Geschäftsmodell klingt emotional sehr attraktiv – Regenwald, Klimaschutz, Generationenprojekt. Aber Anleger dürfen nicht vergessen, dass sie hier unternehmerisches Risiko tragen. Und zwar ein erhebliches.

Die Bilanz zeigt sehr deutlich, dass aktuell praktisch keine klassischen operativen Erträge vorhanden sind. Das gesamte Modell basiert derzeit im Wesentlichen auf Mitgliedereinzahlungen und der Hoffnung auf spätere Holzerlöse in vielleicht 20 Jahren. Das ist aus Anlegersicht hochspekulativ.

„Das ist kein Sparbuch und keine sichere Geldanlage“

Redaktion: Viele Mitglieder dürften die Genossenschaft trotzdem als vergleichsweise sichere Anlage wahrnehmen.

Maurice Högel:
Genau darin liegt das Problem. Der Begriff „Genossenschaft“ vermittelt vielen Menschen automatisch Sicherheit und Solidität. Historisch kennt man Wohnungsbaugenossenschaften oder Volksbanken. Doch eine Genossenschaft ist rechtlich zunächst einmal nur eine Unternehmensform.

Auch eine Genossenschaft kann wirtschaftlich scheitern.

Anleger müssen verstehen: Es gibt hier keine garantierte Verzinsung, keine Einlagensicherung und keine garantierte Rückzahlung des eingesetzten Kapitals. Im schlimmsten Fall besteht ein vollständiges Totalverlustrisiko.

„20 Jahre Hoffnung sind keine Renditegarantie“

Redaktion: Die Gesellschaft erklärt selbst, dass erst in rund 20 Jahren größere Erträge aus Holzverkäufen entstehen sollen.

Maurice Högel:
Das ist ein enorm langer Zeithorizont. Niemand kann seriös prognostizieren:

  • wie sich Holzpreise entwickeln,
  • welche klimatischen Schäden auftreten,
  • ob politische Risiken in Panama zunehmen,
  • oder ob die Flächen tatsächlich die erwarteten Erträge liefern.

Hier wird heute Kapital eingesammelt auf Basis von Annahmen, die sich erst Jahrzehnte später bewahrheiten sollen. Das ist wirtschaftlich äußerst ambitioniert.

Hohe Kapitalbindung in Panama

Redaktion: Kritisch wirkt vor allem die starke Kapitalbindung in panamaischen Gesellschaften.

Maurice Högel:
Absolut. Die Genossenschaft hat über 20 Millionen Euro als Ausleihungen an verbundene Unternehmen in Panama vergeben. Gleichzeitig weisen diese Gesellschaften teils sehr geringe Eigenkapitalwerte aus.

Das wirft zwangsläufig Fragen zur Werthaltigkeit der Forderungen auf.

Hinzu kommt:
Wenn es später Streitigkeiten oder wirtschaftliche Probleme gibt, befinden sich die wesentlichen Vermögenswerte und Gesellschaften eben nicht in Deutschland, sondern in Panama. Das erschwert die rechtliche Durchsetzung von Ansprüchen erheblich.

„Die Liquidität wirkt überraschend dünn“

Redaktion: Auch die Liquiditätslage fällt auf.

Maurice Högel:
Ja. Bei einer Bilanzsumme von fast 26 Millionen Euro erscheinen die kurzfristig verfügbaren Mittel vergleichsweise gering.

Zugleich bestehen hohe offene Mitgliedseinzahlungen von rund 3,75 Millionen Euro. Bedeutet: Ein Teil des bilanzierten Eigenkapitals wurde noch gar nicht vollständig eingezahlt.

Wenn Mitglieder ausfallen oder Zahlungsprobleme bekommen, kann das schnell problematisch werden.

Gefahr falscher Anlegererwartungen

Redaktion: Was ist aus Ihrer Sicht die größte Gefahr für Anleger?

Maurice Högel:
Dass emotionale Nachhaltigkeitsargumente wirtschaftliche Risiken überdecken.

Viele Anleger investieren vermutlich mit dem Gefühl:
„Ich tue etwas Gutes für die Umwelt und bekomme irgendwann eine solide Rendite.“

Doch tatsächlich handelt es sich um ein langfristiges unternehmerisches Hochrisikomodell mit zahlreichen Unsicherheiten.

Man sollte das eher wie ein spekulatives Impact-Investment betrachten – nicht wie eine sichere Altersvorsorge.

„Anleger sollten die Unterlagen kritisch prüfen“

Redaktion: Was raten Sie Interessenten oder bestehenden Mitgliedern?

Maurice Högel:
Anleger sollten die wirtschaftlichen Risiken sehr genau prüfen und sich insbesondere folgende Fragen stellen:

  • Wie realistisch sind die langfristigen Ertragsprognosen?
  • Wie werthaltig sind die Panama-Strukturen tatsächlich?
  • Welche Rechte habe ich als Mitglied im Krisenfall?
  • Wie komme ich überhaupt wieder aus der Beteiligung heraus?
  • Welche Kündigungsfristen und Auszahlungsvorbehalte bestehen?

Und ganz wichtig:
Man sollte nur Kapital investieren, dessen Verlust man finanziell verkraften kann.

Denn bei aller grünen Vision bleibt am Ende ein Fakt bestehen:
Es gibt keine Garantie, dass das Modell wirtschaftlich jemals die erhofften Erträge erzielt.

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