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„Ich musste in die freie Welt“ – chinesischer Dissident flieht in einem Schlauchboot übers Meer

Ronile (CC0), Pixabay
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Mehr als 40 Stunden lang kämpfte Dong Guangping in einem kleinen Schlauchboot gegen hohe Wellen, Erschöpfung und die Angst, auf dem offenen Meer die Orientierung zu verlieren. Der 68-jährige chinesische Dissident hatte seit zwei Tagen kaum geschlafen. Seine Haut war von der Sonne verbrannt, der Akku seines Mobiltelefons fast leer und die Powerbank bereits ausgefallen.

Um ihn herum waren nur der Himmel und das Meer. Dong konnte lediglich hoffen, dass ihn der digitale Kompass seines Telefons in Richtung Südkorea führte, bevor auch der letzte Rest Energie verbraucht war.

„Ohne Navigation wäre es schrecklich gewesen. Ich hätte zurück nach China treiben können“, berichtete er später in einem Gespräch mit BBC Chinese.

Am Abend des 27. Mai wurde Dong nach einer mehr als 300 Kilometer langen Fahrt von der südkoreanischen Küstenwache und Fischern gerettet. Nach einer kurzen Inhaftierung in Südkorea konnte er schließlich nach Kanada weiterreisen, wo seine Familie bereits lebte.

Für Dong war die lebensgefährliche Flucht nicht nur der Versuch, ein Land zu verlassen. Sie war der vorläufige Höhepunkt eines jahrzehntelangen Kampfes um Freiheit.

„Ich kann in China nicht überleben“, sagte er aus Toronto. Wäre er geblieben, hätte er nach eigenen Worten niemals Frieden gefunden. Er habe der Kommunistischen Partei zeigen müssen, dass sie ihn nicht für immer kontrollieren könne.

Vom Polizisten zum Menschenrechtsaktivisten

Dong war früher selbst Polizist. Nach 13 Jahren im Dienst verlor er 1999 seine Stelle, weil er eine Petition zum zehnten Jahrestag der gewaltsamen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz unterzeichnet hatte.

2001 wurde er wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. 2014 kam er erneut in Haft, nachdem er an einer weiteren Gedenkveranstaltung für die Opfer des Tiananmen-Massakers teilgenommen hatte.

Mehrfach versuchte Dong, China zu verlassen. Vier Fluchtversuche scheiterten – doch jeder Rückschlag verstärkte offenbar seinen Entschluss.

„Ich habe immer an einer Überzeugung festgehalten: Ich muss in die freie Welt gelangen“, sagte er.

Kurz vor der Ausreise nach Kanada deportiert

Im September 2015 floh Dong gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter nach Bangkok. Die Vereinten Nationen erkannten die Familie als Flüchtlinge an, Kanada stimmte einer Aufnahme zu.

Doch nur wenige Tage vor der geplanten Ausreise wurde Dong von den thailändischen Behörden nach China abgeschoben. Dort wurde er erneut festgenommen und wegen „Anstiftung zur Untergrabung“ sowie des illegalen Grenzübertritts zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Nach seiner Freilassung im Jahr 2019 versuchte er, schwimmend die taiwanische Insel Kinmen zu erreichen. Chinesische Fischer entdeckten ihn jedoch und übergaben ihn der Polizei.

Ein Jahr später gelang ihm die Flucht nach Vietnam. Zwei Jahre lang lebte er versteckt in Hanoi, bevor er erneut nach China abgeschoben und für fast ein weiteres Jahr inhaftiert wurde.

2023 kam Dong wieder frei. Trotz aller gescheiterten Versuche gab er seinen Wunsch nach einem Leben in Sicherheit und Freiheit nicht auf.

Mit wenigen Stunden Erfahrung aufs offene Meer

Sein neuer Plan war besonders riskant: Von der chinesischen Provinz Shandong wollte er mit einem nur 3,3 Meter langen motorisierten Schlauchboot das Gelbe Meer überqueren. Ursprünglich plante er, entlang der südkoreanischen Küste bis nach Japan zu gelangen.

Dong wusste, dass er dabei sein Leben aufs Spiel setzte. Vor dem Aufbruch hatte er lediglich einige Stunden Erfahrung im Steuern eines Bootes gesammelt.

Schlechtes Wetter zwang ihn schließlich dazu, den Kurs zu ändern und direkt Südkorea anzusteuern. Während der langen Fahrt wurde er zunehmend erschöpft und schwindelig. Einmal schlief er ein und bemerkte erst nach dem Aufwachen, dass sein Boot nur knapp an einem großen Frachtschiff vorbeigetrieben war.

„Hätte ich 20 Sekunden länger geschlafen, wäre ich damit zusammengestoßen“, erzählte er.

Als er schließlich ein Fischerboot entdeckte, rief er verzweifelt um Hilfe und bat die Besatzung, die Polizei zu verständigen. Wenig später wurde er im südkoreanischen Landkreis Taean an Land gebracht.

Freiheit – aber auch ein schmerzlicher Abschied

Nach seiner Rettung kam Dong zunächst in ein Flüchtlingszentrum in Incheon. Später erhielt er politisches Asyl in Kanada.

Als er erfuhr, dass sein Flug nach Toronto bestätigt worden war, hielt er das Ticket in den Händen und wurde nach eigenen Worten von seinen Gefühlen überwältigt. Nach Jahren der Haft, Verfolgung und gescheiterten Fluchtversuche konnte er endlich zu seiner Familie zurückkehren.

Doch seine Freiheit ist mit einem tiefen persönlichen Verlust verbunden. Nur wenige Tage vor seiner Flucht hatte Dong noch den 95. Geburtstag seiner Mutter gefeiert. Von seinem gefährlichen Plan erzählte er ihr nichts.

Dass er nun nicht mehr für sie da sein könne, werde sein größtes Bedauern bleiben, sagte er: „Meine Pflichten als Sohn nicht erfüllen zu können, ist mein allergrößter Schmerz.“

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