Allgemeines

ICE Video

TheDigitalArtist (CC0), Pixabay
Teilen

In Minneapolis bringt ein neues Überwachungsvideo eine heikle Geschichte der US-Einwanderungsbehörde ICE ins Wanken – und zwar gründlich. Was Behördenvertreter nach einem Schusswaffeneinsatz im Januar zunächst als beinahe tödlichen Angriff auf einen Bundesbeamten schilderten, wirkt inzwischen eher wie ein Lehrstück darüber, wie schnell aus einer dramatischen Behördenversion ein massives Glaubwürdigkeitsproblem werden kann. Das nun veröffentlichte Stadtvideo zeigt die Sekunden vor dem Schuss, bei dem der Venezolaner Julio Cesar Sosa-Celis von einem Bundesagenten getroffen wurde. Und es legt nahe, dass zentrale Teile der ursprünglichen Darstellung von ICE und dem Heimatschutzministerium schlicht nicht mit den Bildern übereinstimmen.

Laut der ersten offiziellen Version sollen Sosa-Celis und sein Cousin Alfredo A. Aljorna einen Beamten heftig attackiert haben. Es war von einem gewaltsamen Angriff die Rede, von einem Kampf um Leben und Tod, von einem Einsatz in Notwehr. Besonders schwer wog der Vorwurf, die Männer hätten den Agenten mit einer Schneeschaufel oder einem Besenstiel geschlagen. Doch genau dieses Narrativ zerfällt nun Bild für Bild. Das neunminütige Video zeigt zwar eine Rangelei – aber sie dauert offenbar nur rund zwölf Sekunden. Von einem minutenlangen Kampf, wie ihn der Agent später schilderte, ist nichts zu sehen. Und auch die behauptete Attacke mit einer Schaufel wirkt in der Aufnahme fragwürdig: Einer der Männer hält zwar zunächst eine Schaufel, lässt sie aber fallen, bevor das Gerangel überhaupt beginnt. Danach liegt sie während der gesamten Szene sichtbar im Schnee.

Die Folgen sind bereits spürbar. Die ursprünglich gegen Sosa-Celis und Aljorna erhobenen Bundesanklagen wurden schon im Februar fallen gelassen. Das Justizministerium verwies damals auf „neu entdeckte Beweise“, die den bisherigen Behördenangaben widersprachen. Zwei ICE-Agenten, die laut Behörde unter Eid falsche Aussagen gemacht haben sollen, wurden inzwischen beurlaubt. Nun ermittelt die US-Staatsanwaltschaft weiter. Laut einem ICE-Sprecher könnten den Beamten nicht nur disziplinarische Konsequenzen bis hin zur Entlassung drohen, sondern möglicherweise auch strafrechtliche Schritte. Der Fall ist damit längst nicht mehr nur ein umstrittener Schusswaffeneinsatz – er ist zu einer Belastungsprobe für die Glaubwürdigkeit der beteiligten Bundesbehörden geworden.

Brisant ist der Vorfall auch deshalb, weil er in eine ohnehin hochumstrittene Phase der US-Migrationspolitik fällt. Der Einsatz geschah während der groß angelegten Operation „Metro Surge“ in den Twin Cities, einer monatelangen Offensive des Heimatschutzministeriums gegen irreguläre Migration. Mehr als 4000 Menschen ohne Aufenthaltsstatus wurden laut DHS festgenommen. Zugleich starben während des Einsatzes auch zwei US-Staatsbürger durch das Handeln von Bundesbeamten. Der damalige Ton aus Washington war entsprechend martialisch. Ex-Heimatschutzministerin Kristi Noem sprach im Zusammenhang mit dem Vorfall von einem „versuchten Mord an Bundesbeamten“. Umso gravierender wirkt nun, dass genau diese Version der Ereignisse offenbar nicht hält.

Auch zwischen den Behörden selbst gab es früh Widersprüche. Das Heimatschutzministerium erklärte zunächst, Sosa-Celis sei bei einer Verkehrskontrolle geflohen – erst mit dem Auto, dann zu Fuß – und habe dabei einen Beamten angegriffen. Zwei weitere Männer seien hinzugekommen und hätten den Agenten ebenfalls attackiert. Einen Tag später schilderte das Justizministerium den Fall in einem Gerichtsdokument bereits anders: Nicht Sosa-Celis, sondern Aljorna habe das verfolgte Fahrzeug gelenkt. Beide Männer hätten dann den Beamten mit einer Schaufel oder einem Besen angegriffen. Schon damals klang die Geschichte nicht mehr ganz sauber. Jetzt, mit dem Video, wirkt sie noch fragiler.

Die Verteidigung hatte von Anfang an eine andere Version erzählt – und die scheint durch die Bilder zumindest teilweise gestützt zu werden. Demnach verlor Aljorna auf eisglatter Fahrbahn die Kontrolle über das Auto und landete in einem Schneehaufen. Er flüchtete, ein ICE-Agent brachte ihn zu Boden, doch Aljorna konnte sich aus seiner Jacke befreien und zu seinem Cousin laufen. Beide hätten sich dann hinter eine Tür zurückgezogen, als der Schuss fiel. Familienmitglieder und Partnerinnen hatten diese Darstellung schon kurz nach dem Vorfall in Interviews und sogar in Livestreams von Notrufen bekräftigt. Damals stand diese Erzählung gegen das Gewicht einer Bundesbehörde. Nun steht sie plötzlich gegen deren Aktenlage – und gewinnt an Plausibilität.

Minneapolis’ Bürgermeister Jacob Frey formulierte es am Montag ungewöhnlich deutlich: Das Video mache „glasklar“, dass die Darstellung der Bundesregierung nicht zu den Fakten passe – nicht nur in diesem Fall, sondern auch in anderen Situationen während „Operation Metro Surge“. Es ist ein Satz, der weit über Minneapolis hinausweist. Denn der Fall zeigt exemplarisch, wie schnell aus einem dramatischen Sicherheitsnarrativ ein politisches Problem werden kann, wenn Kamerabilder auftauchen, die das Gegenteil nahelegen. Und er wirft eine Frage auf, die in den USA inzwischen regelmäßig im Raum steht, sobald Bundesbehörden von Gewaltanwendungen berichten: Wie belastbar ist die offizielle Wahrheit – bevor das Video erscheint?

Kommentar hinterlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kategorien

Ähnliche Beiträge
Allgemeines

Strippenzieher

Der iranische General Ahmad Vahidi rückt im aktuellen Konflikt um Iran zunehmend...

Allgemeines

Erzgebirge Aue:Na wenigstens können wir noch Derby und Pokal

Also ganz ehrlich: Nach dieser Saison beim FC Erzgebirge Aue muss man...

Allgemeines

Job-Scamming: Wie Betrüger Arbeitssuchende in Schulden und Ermittlungen treiben

Ein neuer Job, ein solides Gehalt, Homeoffice und flexible Arbeitszeiten – genau...

Allgemeines

Donald Trump: Der Mann, der niemals verlieren will

Donald Trump polarisiert wie kaum ein anderer Politiker der Gegenwart. Für die...