GSK will sein Dresdner Impfstoffwerk schließen – und ausgerechnet Sachsens Wirtschaftsminister denkt über den Wechsel ins Leipziger Rathaus nach
Wieder eine Hiobsbotschaft aus dem Osten. Wieder Sachsen. Wieder Industriearbeitsplätze. Und wieder stehen Politiker vor der Frage, ob aus Betroffenheit irgendwann auch entschlossenes Handeln wird.
Diesmal trifft es Dresden.
Der Pharmakonzern GSK will sein traditionsreiches Impfstoffwerk bis Sommer 2028 schließen. Rund 650 Beschäftigte wären betroffen. Die Produktion von Grippeimpfstoffen soll künftig stärker am kanadischen Standort Ste-Foy konzentriert werden. GSK begründet die Pläne unter anderem mit einer weltweit rückläufigen Nachfrage nach traditionellen ei-basierten Grippeimpfstoffen und Überkapazitäten.
115 Jahre Impfstoffgeschichte in Dresden könnten damit enden.
Und wieder stellt sich dieselbe Frage:
Was passiert eigentlich gerade mit dem Industriestandort Sachsen?
Denn GSK ist längst keine isolierte Meldung mehr.
Die IG BCE spricht allein in ihren sächsischen Branchen inzwischen von 4.250 bekannten Arbeitsplatzverlusten und Abbauplänen. Nur wenige Tage vor der GSK-Nachricht warnten Betriebsräte vor einem dramatischen Niedergang industrieller Strukturen. Auch die sächsischen Industrie- und Handelskammern fordern mittlerweile einen grundlegenden Kurswechsel und warnen davor, dass der Freistaat zu abhängig von Entscheidungen externer Konzernzentralen geworden sei.
Das sollte eigentlich sämtliche Alarmglocken schrillen lassen.
In Dresden.
Und in Berlin.
Herr Merz, schöne Worte retten keinen Arbeitsplatz
Bundeskanzler Friedrich Merz hat erst im Juni beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum die Bedeutung Ostdeutschlands für Deutschlands industrielle Zukunft hervorgehoben.
Im Juli lobte er die neue Infineon-Fabrik in Dresden als strategisch bedeutendes Signal für Sachsen, Deutschland und Europa. Rund fünf Milliarden Euro Investitionen und mehr als 1.000 neue Arbeitsplätze sind tatsächlich eine Erfolgsgeschichte.
Aber genau hier liegt das Problem.
Man kann nicht bei jeder neuen Fabrik erklären, wie hervorragend sich Ostdeutschland entwickelt – und gleichzeitig bei jeder nächsten Werksschließung so tun, als handele es sich um einen bedauerlichen Einzelfall.
Natürlich ist die GSK-Entscheidung zunächst eine Unternehmensentscheidung.
Natürlich kann Friedrich Merz nicht per Kanzlerdekret festlegen, wo ein britischer Pharmakonzern seinen Grippeimpfstoff produziert.
Und natürlich kann auch Sachsens Wirtschaftsminister nicht jedes Werk retten.
Das wäre eine unseriöse Erwartung.
Aber Politik entscheidet über Rahmenbedingungen.
Über Energiekosten.
Über Unternehmenssteuern.
Über Bürokratie.
Über Genehmigungen.
Über Investitionsanreize.
Über öffentliche Beschaffung.
Und gerade bei Arzneimitteln und Impfstoffen auch über die Frage, wie viel eigene Produktionskapazität Europa aus Gründen der Versorgungssicherheit erhalten will.
Genau deshalb trifft der Hinweis der Gewerkschaft einen empfindlichen Punkt: Seit der Corona-Pandemie wird ständig über strategische Souveränität und Versorgungssicherheit gesprochen. Wenn Produktionskapazitäten anschließend trotzdem Europa verlassen, muss Politik erklären, was diese Begriffe praktisch wert sind.
Und Herr Panter? Der möchte nach Leipzig
Noch bemerkenswerter ist allerdings die Situation des sächsischen Wirtschaftsministers Dirk Panter.
Denn während sich die wirtschaftlichen Problemmeldungen in Sachsen häufen, bereitet Panter seinen möglichen Wechsel nach Leipzig vor.
Der Leipziger SPD-Stadtvorstand hat den amtierenden sächsischen Wirtschaftsminister für die Oberbürgermeisterwahl 2027 nominiert. Am 26. September soll die Partei ihren Kandidaten formell aufstellen.
Natürlich darf ein Minister politische Ambitionen haben.
Natürlich ist das Amt des Oberbürgermeisters einer Großstadt wie Leipzig keine politische Nebenbeschäftigung.
Und selbstverständlich kann ein Politiker zu der Überzeugung gelangen, dass er einer Stadt mehr geben kann als einem Ministerium.
Aber auch hier geht es um den Zeitpunkt.
Und dieser Zeitpunkt könnte schlechter kaum sein.
Sachsens Industrie steht unter enormem Veränderungsdruck.
Die Automobilindustrie kämpft.
Zulieferer kämpfen.
Chemieunternehmen kämpfen.
Energiekosten bleiben ein Standortthema.
Nun steht ein traditionsreicher Pharmastandort vor dem Aus.
Und der Mann, dessen Ressort Wirtschaftspolitik verantwortet, beschäftigt sich gleichzeitig mit der Frage, ob er demnächst lieber Oberbürgermeister von Leipzig werden möchte.
Das darf man politisch hinterfragen.
Mehr noch:
Man muss es hinterfragen.
Wer Wirtschaftsminister ist, sollte gerade jetzt Wirtschaftsminister sein wollen
Politik lebt auch von einem Signal.
Und das Signal, das Panters Kandidatur in dieser Situation aussendet, ist zumindest unglücklich.
Denn die Beschäftigten in Dresden interessiert vermutlich im Moment weniger, wer 2027 im Leipziger Rathaus sitzt.
Sie wollen wissen, ob ihr Werk noch eine Zukunft hat.
Unternehmer in Sachsen wollen wissen, ob die Politik ihre Probleme verstanden hat.
Betriebsräte wollen wissen, ob jemand kämpft.
Investoren wollen wissen, ob Sachsen wettbewerbsfähig bleibt.
Und diejenigen, die gerade um ihre Arbeitsplätze fürchten, erwarten von einem Wirtschaftsminister vor allem eines:
volle Konzentration auf seinen Job.
Panter selbst zeigt durchaus, dass er wirtschaftspolitische Probleme benennt. Erst im August forderte er angesichts niedriger Gasspeicherstände den Bund zum Handeln auf und warnte davor, die Versorgungssicherheit dem Wetter und den Märkten zu überlassen.
Umso mehr stellt sich die Frage:
Warum will jemand, der offensichtlich selbst sieht, wie angespannt die Situation ist, ausgerechnet jetzt seinen politischen Schwerpunkt verlagern?
Leipzig braucht keinen Kandidaten, der gedanklich noch Minister ist
Und auch aus Leipziger Sicht sollte man diese Frage stellen.
Ein Oberbürgermeisteramt ist kein Ausweichposten.
Leipzig braucht einen Oberbürgermeister, der dieses Amt wirklich will.
Nicht als nächsten Karriereschritt.
Nicht als politische Alternative.
Nicht als Rückzugsposition.
Sondern weil er überzeugt davon ist, die kommenden Jahre vollständig dieser Stadt widmen zu wollen.
Genau deshalb darf man die Frage zuspitzen:
Ist ein Wirtschaftsminister, der mitten in einer der schwierigsten wirtschaftlichen Phasen Sachsens bereits über sein nächstes Amt nachdenkt, wirklich der richtige Oberbürgermeister für Leipzig?
Unsere Antwort fällt derzeit skeptisch aus.
Nicht weil Dirk Panter zwangsläufig ein schlechter Oberbürgermeister wäre.
Sondern weil Führung immer auch etwas mit Prioritäten zu tun hat.
Und Sachsens wirtschaftliche Lage verlangt gerade eine sehr klare Priorität.
GSK ist mehr als eine weitere Werksschließung
Das Dresdner Serumwerk steht seit 1911.
Es produzierte Impfstoffe gegen Krankheiten wie Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und später Influenza.
Es überstand Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit, DDR, Wiedervereinigung und Treuhand.
Nun könnte ausgerechnet 2028 Schluss sein.
Das ist nicht nur Nostalgie.
Es geht um industrielle Kompetenz.
Um Fachkräfte.
Um pharmazeutisches Know-how.
Um Versorgungssicherheit.
Und um eine grundlegende Frage:
Welche Industrie wollen wir eigentlich noch in Deutschland haben?
Wir sprechen ständig von Resilienz.
Von strategischer Unabhängigkeit.
Von Lieferketten.
Von eigener Produktion.
Von einem stärkeren Europa.
Wenn aber Produktionsstandorte geschlossen und Kapazitäten nach Kanada verlagert werden, wird aus diesen politischen Begriffen sehr schnell ein Glaubwürdigkeitstest.
Sachsen kann nicht von Leuchttürmen allein leben
Ja, Sachsen hat Erfolge.
Die Halbleiterindustrie in Dresden ist einer davon.
Infineon investiert Milliarden.
Der Standort „Silicon Saxony“ gehört zu den wichtigsten Mikroelektronikregionen Europas.
Das darf und muss man anerkennen.
Aber ein Wirtschaftsstandort besteht nicht nur aus Leuchttürmen.
Eine Region kann nicht gleichzeitig einige milliardenschwere Neuansiedlungen feiern und den schleichenden Verlust bestehender industrieller Substanz ignorieren.
Denn genau dort entstehen politische Frustration und Misstrauen.
Der Bürger sieht nicht nur die neue Fabrik mit 1.000 Arbeitsplätzen.
Er sieht auch:
hier 650 weg.
Dort 500 weg.
Anderswo Kurzarbeit.
Wieder ein Zulieferer in Schwierigkeiten.
Wieder ein traditionsreicher Standort vor dem Ende.
Und irgendwann glaubt er politischen Erfolgsmeldungen nicht mehr.
Herr Merz und Herr Panter: Jetzt geht es um Ergebnisse
Deshalb ist GSK mehr als eine Unternehmensmeldung.
Es ist ein weiterer Weckruf.
An Bundeskanzler Friedrich Merz.
An die Bundesregierung.
An Sachsens Landesregierung.
Und ganz besonders an Wirtschaftsminister Dirk Panter.
Die Beschäftigten brauchen jetzt keine ritualisierten Sätze darüber, wie bedauerlich die Entscheidung sei.
Sie brauchen den Versuch, Alternativen zu finden.
Kann ein Käufer gefunden werden?
Kann eine andere pharmazeutische Produktion am Standort aufgebaut werden?
Welche Rolle können Bund und Freistaat spielen?
Welche europäischen Programme kommen infrage?
Wie kann hochqualifiziertes Personal gehalten werden?
Und welche politischen Rahmenbedingungen führen überhaupt dazu, dass ein Konzern seine Produktion lieber in Kanada konzentriert?
Darüber muss gesprochen werden.
Sofort.
Herr Panter, vielleicht ist Dresden im Moment wichtiger als Leipzig
Politik bedeutet Verantwortung auf Zeit.
Dirk Panter ist derzeit nicht Oberbürgermeister von Leipzig.
Er ist Sachsens Wirtschaftsminister.
Und genau dieses Amt könnte in den kommenden Monaten wichtiger sein als seit vielen Jahren.
Deshalb sollte er sich eine Frage gefallen lassen:
Herr Panter, warum wollen Sie ausgerechnet jetzt über den Sprung ins Leipziger Rathaus nachdenken, wenn Ihnen in Ihrem derzeitigen Verantwortungsbereich eine wirtschaftliche Hiobsbotschaft nach der anderen auf den Tisch kommt?
Vielleicht braucht Leipzig Sie irgendwann.
Aber Sachsen braucht seinen Wirtschaftsminister jetzt.
Und möglicherweise liegt genau darin der entscheidende Unterschied.
Denn wer in einer Krise bereits über das nächste Amt nachdenkt, muss damit rechnen, dass die Bürger sich fragen:
Will dieser Mann die Krise wirklich lösen – oder will er nur weg, bevor sie noch schwieriger wird?
Das mag hart formuliert sein.
Aber nach 115 Jahren Impfstoffproduktion und rund 650 bedrohten Arbeitsplätzen darf Politik auch einmal mit einer unbequemen Frage konfrontiert werden.
Sachsen braucht derzeit keinen Wirtschaftsminister auf dem Sprung.
Sachsen braucht einen Wirtschaftsminister, der kämpft.
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