Neue Einblicke in die Suche nach Josef Mengele – doch wer war der Mann, den Ermittler jahrzehntelang jagten?
Der Schweizer Nachrichtendienst hat umfangreiche Unterlagen über Josef Mengele öffentlich zugänglich gemacht. Es geht um Hinweise, Fahndungsspuren, mögliche Aufenthalte und den Verdacht, dass sich einer der berüchtigtsten NS-Verbrecher nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise auch in der Schweiz aufgehalten haben könnte.
Die Dokumente stammen aus Beständen des früheren Polizeidienstes der Schweizer Bundesanwaltschaft, einer Vorgängerorganisation des heutigen Nachrichtendienstes des Bundes.
Das Dossier enthält zahlreiche Zeitungsberichte, polizeiliche Unterlagen und Hinweise aus verschiedenen Jahren. Einzelne Passagen wurden aus Gründen des Personen- und Quellenschutzes geschwärzt.
Bemerkenswert ist vor allem, wie lange die vollständige Einsicht in diese Unterlagen verhindert wurde. Historiker hatten wiederholt versucht, Zugang zu bekommen. Noch im Februar 2026 war dies mit Verweis auf eine Schutzfrist bis 2071 abgelehnt worden.
Erst eine erfolgreiche Beschwerde des Historikers Gérard Wettstein beim Schweizer Bundesverwaltungsgericht führte dazu, dass das Material nun zugänglich gemacht wurde.
Hinweise führten auch in die Schweiz
Die Dokumente zeigen, wie schwierig die internationale Suche nach Mengele über Jahrzehnte war.
Immer wieder gingen Hinweise ein, er könne sich in der Schweiz aufgehalten haben oder unter falschem Namen eine Einreise planen.
Andere Spuren führten unter anderem nach Irland, Argentinien und Chile.
Besonders interessant ist ein Dokument aus dem Jahr 1964. Demnach soll sich ein israelischer Agent, als Student getarnt, in der Schweiz aufgehalten haben, um Hinweisen auf Mengele nachzugehen.
Ob all diese Spuren tatsächlich belastbar waren, ist eine andere Frage.
Gerade bei international gesuchten NS-Tätern kursierten nach dem Krieg viele Hinweise, Gerüchte und Falschmeldungen. Manche führten zu echten Erkenntnissen, andere verliefen im Nichts.
Das nun veröffentlichte Dossier erlaubt erstmals einen genaueren Blick darauf, was Schweizer Behörden wussten, welchen Spuren sie nachgingen und welche Informationen damals kursierten.
Wer war Josef Mengele?
Josef Mengele wurde 1911 im bayerischen Günzburg geboren.
Er studierte Medizin und Anthropologie und beschäftigte sich schon früh mit sogenannter Erbbiologie und Rassenhygiene.
1937 arbeitete er am Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene in Frankfurt. Sein wissenschaftliches Umfeld war eng mit den rassistischen Vorstellungen des Nationalsozialismus verbunden.
1943 wurde Mengele als SS-Arzt nach Auschwitz-Birkenau versetzt.
Dort wurde er zu einem der bekanntesten Täter des Holocaust.
Sein Name ist vor allem mit den sogenannten Selektionen auf der Rampe verbunden.
Wenn Deportationszüge Auschwitz erreichten, entschieden SS-Ärzte innerhalb weniger Augenblicke, wer zunächst zur Zwangsarbeit eingesetzt und wer unmittelbar in die Gaskammern geschickt wurde.
Mengele gehörte zu den Ärzten, die solche Selektionen durchführten.
Er entschied damit mit über Leben und Tod.
Menschenversuche ohne jede medizinische Ethik
Besonders berüchtigt wurde Mengele wegen seiner Experimente an Gefangenen.
Er interessierte sich unter anderem für Zwillinge, Kinder, Menschen mit körperlichen Besonderheiten sowie für jüdische und Roma-Häftlinge.
Seine Versuche waren keine medizinische Behandlung.
Sie wurden ohne Zustimmung der Betroffenen durchgeführt und missachteten jede Form medizinischer Ethik und Menschenwürde.
Gefangene wurden Untersuchungen, Injektionen und Eingriffen ausgesetzt, die schwere Schmerzen, bleibende Schäden oder den Tod verursachten.
Viele Opfer starben an den Folgen der Experimente oder wurden anschließend ermordet, damit ihre Körper untersucht werden konnten.
Mengele verwendete die nationalsozialistische Rassenideologie als Rechtfertigung für diese Verbrechen. Seine Tätigkeit stand zugleich in Verbindung mit wissenschaftlichen Einrichtungen und Forschern außerhalb des Konzentrationslagers.
Gerade das macht seine Geschichte so erschreckend.
Mengele war nicht einfach ein isolierter „verrückter Arzt“.
Er war gut ausgebildet, wissenschaftlich vernetzt und Teil eines Systems, in dem Medizin und Forschung in den Dienst einer verbrecherischen Ideologie gestellt wurden.
Warum nannte man ihn den „Todesengel von Auschwitz“?
Mengele wurde später häufig als „Todesengel von Auschwitz“ bezeichnet.
Dieser Begriff entstand vor allem aus den Erinnerungen Überlebender und seiner besonderen Bekanntheit.
Er war regelmäßig an der Rampe zu sehen und suchte dort gezielt nach Menschen, insbesondere nach Zwillingen, die er für seine Experimente verwenden wollte.
Sein Name wurde deshalb wie kaum ein anderer mit den medizinischen Verbrechen von Auschwitz verbunden.
Allerdings war Mengele keineswegs der einzige Arzt, der dort an Selektionen oder Menschenversuchen beteiligt war.
Gerade deshalb ist es historisch wichtig, ihn nicht als Ausnahmeerscheinung darzustellen.
Er war Teil eines größeren Systems.
Das Verbrechen bestand nicht nur darin, dass ein einzelner Mann seine Macht missbrauchte.
Es bestand darin, dass Ärzte, Wissenschaftler, Verwaltungsbeamte, SS-Angehörige und Institutionen gemeinsam ein System ermöglichten, in dem Menschen entrechtet, misshandelt und ermordet wurden.
Flucht statt Prozess
Als sich die Rote Armee Anfang 1945 Auschwitz näherte, floh Mengele.
Nach Kriegsende geriet er sogar kurzzeitig in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Doch seine Identität wurde nicht erkannt.
Er wurde wieder freigelassen.
Danach lebte er jahrelang unter falschem Namen in Deutschland.
1949 gelang ihm die Flucht nach Südamerika.
Zunächst lebte er in Argentinien.
Später hielt er sich unter anderem in Paraguay und schließlich in Brasilien auf.
Über Jahre wurde er von deutschen Behörden, israelischen Stellen und internationalen Ermittlern gesucht.
Doch Mengele wurde niemals vor Gericht gestellt.
Der Mann, den die Justiz nie bekam
Gerade deshalb entwickelte sich Mengele nach dem Krieg zu einem Symbol.
Andere führende NS-Verbrecher wurden gefasst und vor Gericht gestellt.
Adolf Eichmann beispielsweise wurde 1960 vom israelischen Geheimdienst in Argentinien aufgespürt, nach Israel gebracht, dort vor Gericht gestellt und 1962 hingerichtet.
Mengele dagegen entkam.
Über Jahrzehnte.
Obwohl sein Name weltweit bekannt war.
Obwohl Geheimdienste und Ermittler nach ihm suchten.
Obwohl es immer wieder Hinweise auf seinen Aufenthaltsort gab.
1979 starb Josef Mengele in Brasilien.
Er erlitt beim Schwimmen einen Schlaganfall und ertrank.
Er starb unter falschem Namen und ohne sich jemals vor Gericht für seine Verbrechen verantworten zu müssen.
Erst Jahre später konnte seine Identität endgültig bestätigt werden.
Warum die Schweizer Akten heute noch wichtig sind
Man könnte fragen:
Warum ist ein solches Dossier fast acht Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs überhaupt noch relevant?
Weil es nicht nur um Josef Mengele geht.
Es geht auch darum, wie europäische Staaten nach 1945 mit der Suche nach NS-Verbrechern umgingen.
Welche Informationen lagen vor?
Welche Hinweise wurden verfolgt?
Welche wurden möglicherweise nicht ernst genug genommen?
Wie arbeiteten Geheimdienste und Polizeibehörden zusammen?
Welche Rolle spielten falsche Identitäten, politische Interessen und mangelnder Informationsaustausch?
Und warum gelang es einem international bekannten Kriegsverbrecher, sich bis zu seinem Tod der Justiz zu entziehen?
Genau hier können solche Akten neue Erkenntnisse liefern.
Transparenz nach jahrzehntelanger Sperre
Das Schweizer Verteidigungsministerium erklärt, dass nur diejenigen Stellen geschwärzt wurden, bei denen gesetzliche Schutzinteressen bestehen.
Dazu zählen personenbezogene Daten ehemaliger oder heutiger Mitarbeiter von Nachrichtendienst und Vorgängerorganisationen, Informationen unter Quellenschutz sowie Daten von Drittpersonen mit überwiegenden Persönlichkeitsrechten.
Das Dossier selbst war bereits 2001 an das Schweizer Bundesarchiv übergeben worden.
Dass Historiker dennoch bis 2026 um Zugang kämpfen mussten, wirft eine zusätzliche Frage auf:
Wie lange darf historische Aufarbeitung hinter Geheimhaltungsfristen zurückstehen?
Gerade bei Dokumenten über einen Täter wie Josef Mengele überwiegt aus heutiger Sicht das öffentliche Interesse an Aufklärung in besonderem Maße.
Ein Name, der für mehr steht als für einen einzelnen Täter
Josef Mengele ist bis heute einer der bekanntesten Namen unter den NS-Verbrechern.
Aber seine Geschichte sollte nicht auf das Bild eines monströsen Einzelgängers reduziert werden.
Das wäre zu einfach.
Mengele war Arzt.
Wissenschaftler.
SS-Offizier.
Nationalsozialist.
Und Täter.
Er nutzte medizinisches Wissen nicht zur Heilung, sondern zur Durchführung rassistisch motivierter Experimente an Menschen, denen das NS-System jede Würde und jedes Recht abgesprochen hatte.
Genau deshalb bleibt seine Geschichte so wichtig.
Sie zeigt, dass Bildung, akademische Titel und wissenschaftliche Ausbildung allein keinen Menschen vor moralischem Versagen schützen.
Wissenschaft braucht Ethik.
Medizin braucht Menschlichkeit.
Und staatliche Macht braucht Grenzen.
Josef Mengele verkörperte das Gegenteil.
Dass nun auch die Schweizer Akten über die jahrzehntelange Suche nach ihm zugänglich werden, ist deshalb mehr als eine historische Fußnote.
Es ist ein weiteres Stück Aufarbeitung über einen Mann, der Tausende Menschen quälte und an ihrer Ermordung beteiligt war – und der dennoch bis zu seinem eigenen Tod der Justiz entkam.
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