Bankfiliale? Braucht man nicht. IBAN? Auch nicht. Online-Banking mit Zwei-Faktor-Authentifizierung? Viel zu modern.
Beim Hawala-System funktioniert internationaler Geldtransfer nach einem erstaunlich einfachen Prinzip: Einer gibt irgendwo Bargeld ab, ein anderer zahlt es Tausende Kilometer entfernt wieder aus. Dazwischen stehen Händler, sogenannte Hawaladare, die sich gegenseitig vertrauen und später untereinander abrechnen.
Klingt ein bisschen wie: „Ich geb Mehmet hier 10.000 Euro, und sein Cousin kennt da jemanden in Istanbul.“
Nur dass über dieses informelle System weltweit schätzungsweise mehr als 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr bewegt werden.
Die Schattenbank mit WhatsApp-Anschluss
Hawala hat eine lange Tradition und wird von vielen Migranten genutzt, um schnell und günstig Geld an Familien in ihren Herkunftsländern zu schicken. In der EU ist der Betrieb ohne entsprechende Lizenz allerdings illegal.
Und wo viel Bargeld diskret bewegt werden kann, dauert es erfahrungsgemäß nicht lange, bis auch Menschen auftauchen, deren Steuerberater wahrscheinlich regelmäßig Kopfschmerzen bekommt.
Europol bezeichnet Hawala deshalb als eine Art paralleles Finanzsystem und sogar als „Lebenselixier des organisierten Verbrechens“. Geldwäsche, Drogenhandel, Schlepperei und Terrorismusfinanzierung spielen dabei eine große Rolle.
Kommuniziert wird teilweise erstaunlich unspektakulär über WhatsApp.
In einer Gruppe namens „The Traders of Great Europe“ sollen mehr als 500 Hawaladare Geldgeschäfte abgewickelt haben. Ermittler stießen dabei auf rund 82.000 Nachrichten und Transfers in Höhe von hunderten Millionen Euro.
Also ungefähr eine WhatsApp-Familiengruppe – nur mit deutlich weniger Urlaubsfotos und deutlich mehr Geldwäsche.
Österreich mittendrin
Auch in Österreich soll Hawala in mehreren hundert Geschäften angeboten werden.
Besonders spektakulär war ein Fall in Wien: Im Hinterzimmer eines Kebabrestaurants am Gürtel soll eines der größten Hawala-Büros des Landes betrieben worden sein. Dort wurden nach Angaben der Ermittler unter anderem Zahlungen für zahlreiche Schleppungen abgewickelt.
Vorne also möglicherweise Döner mit allem.
Hinten internationales Schattenbanking.
Man muss der organisatorischen Effizienz zumindest eine gewisse Kreativität zugestehen.
Wobei der Fall selbst alles andere als lustig war: Im Umfeld des Netzwerks kam es zu schweren Straftaten, darunter Gewalt- und Sexualdelikte. Mehrere Angeklagte erhielten lange Haftstrafen.
Auch der Handyshop kann plötzlich Bank sein
Bei der „Operation Ancora“ stießen Ermittler außerdem auf einen Wiener Handyshop, der eine zentrale Rolle bei Zahlungen eines großen Schleppernetzwerks gespielt haben soll.
130 Menschen wurden festgenommen. Das Netzwerk soll innerhalb von eineinhalb Jahren an der Schleppung von rund 100.000 Menschen beteiligt gewesen sein und mehr als eine Milliarde Euro kriminellen Gewinn erzielt haben.
Nach außen wirkten die Beteiligten offenbar völlig unscheinbar. Keine Luxusautos, keine dicken Goldketten.
Eben ganz normale Geschäftsleute.
Nur dass hinter der Handyhülle möglicherweise gerade ein paar Millionen Euro verrechnet wurden.
Vertrauen statt Überweisungsträger
Besonders ungewöhnlich ist die Rolle von Hawala bei Schleppungen. Das Geld wird teilweise erst dann an die Schlepper ausgezahlt, wenn die geschleuste Person tatsächlich am Ziel angekommen ist.
Für die Betroffenen funktioniert das damit wie eine Art Treuhandsystem.
Das zeigt auch, warum Hawala so schwer eindeutig zu bewerten ist: Für manche Familien ist es eine günstige und wichtige Möglichkeit, Geld über Grenzen zu schicken. Für kriminelle Netzwerke ist dieselbe Infrastruktur zugleich nahezu ideal.
Am Ende bleibt ein Finanzsystem, das offenbar nach dem Motto funktioniert:
Keine Filiale. Keine Kreditkarte. Keine App. Nur Bargeld, Vertrauen – und hoffentlich niemand von Europol in der WhatsApp-Gruppe.
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