Jetzt ist es offiziell: Das zweite Song-Contest-Semifinale ist vorbei, alle Finalacts stehen fest – und musikalisch war alles dabei zwischen Opernrock, Mittelmeer-Hüftschwung und Männern mit Schnauzer in Latzhose. Kurz gesagt: Europa hat wieder kollektiv beschlossen, jede Form von Geschmack gleichzeitig zu feiern.
Wie schon am Dienstag begann auch die zweite Show mit maximalem Alarmzustand in der Halle. Bulgarien schickte Dara mit ihrem Dancefloor-Brett „Bangaranga“ ins Rennen – irgendwo zwischen Fitnessstudio, Klassenzimmer und Techno-Fiebertraum. Sesseltanz inklusive. Finale? Natürlich.
Überhaupt schien heuer die Devise zu gelten: Warum sichtbar auftreten, wenn man sich auch in eine Kiste sperren kann? Der Tscheche Daniel Žižka sang seine zarte Ballade „Crossroads“ fast komplett in einem Spiegelkabinett, sodass das Hallenpublikum zeitweise aussah wie Leute, die versehentlich im falschen Escape Room gelandet sind. Hat aber funktioniert.
Der Däne Søren Torpegaard Lund setzte ebenfalls auf das Motto „Mann in Box“, allerdings immerhin transparent. Während er in seinem Glaswürfel melancholisch „Før vi går hjem“ sang, diskutierten Fans bereits ernsthaft über mögliche Siegchancen. Nordeuropäische Traurigkeit bleibt eben ein Exportschlager.
Australien wiederum wollte nach zwei Halbfinal-Blamagen diesmal absolut nichts riskieren und schickte Superstar Delta Goodrem mit einer Powerballade ins Rennen, die ungefähr so subtil war wie ein Feuerwerk in einer Kathedrale. Die Wettquoten explodierten prompt.
Dann wurde gerockt. Rumänien schrie sich mit „Choke Me“ irgendwo zwischen Metal-Festival und Opernhaus ins Finale. Norwegen brachte mit Jonas Lovv einen White-Stripes-Klon auf die Bühne, der oberkörperfrei in Latzhose „Ya Ya Ya“ sang und dabei aussah, als hätte ein Holzfäller plötzlich Indie-Rock entdeckt. Europa sagte: Ja, warum eigentlich nicht?
Zypern setzte dagegen auf bewährte Song-Contest-Wissenschaft: Esstisch, Pyrotechnik, Hüftschwung, wenig Stoff. Funktionierte selbstverständlich tadellos. Malta schob gleich noch eine romantische LED-Gartenlaube hinterher, Albanien servierte sehnsüchtige Heimatsschmerzen mit maximalem Balkan-Balladenfaktor.
Nicht alle überlebten das musikalische Gemetzel. Armenien turnte artistisch durchs Bürodrama „Paloma Rumba“, Luxemburg beschwor barfuß Mutter Natur herauf und Aserbaidschan brachte die obligatorische Herzschmerz-Ballade des Jahres. Europa reagierte ungefähr mit der Begeisterung eines Montagmorgens.
Die Schweiz wiederum verlor sich irgendwo zwischen Stalking-Popsong, rotem Seilkäfig und ästhetischer Midlife-Crisis. Man verstand wenig, aber immerhin war es rot beleuchtet.
Für Österreich durfte Cosmó außer Konkurrenz die Halle zerlegen. Heimvorteil, Bass und „Tanzschein“ sorgten dafür, dass die Stadthalle kurz kollektiv vibrierte. Frankreich schickte mit der erst 17-jährigen Monroe eine Popera-Maschine mit Siegerinnenaura, während Großbritannien versuchte, sein ESC-Trauma mit einem singenden Computerbastler namens Look Mum No Computer wegzulöten.
Moderiert wurde das Ganze erneut von Victoria Swarovski und Michael Ostrowski, die den Abend mit einer Parodie eröffneten und damit bewiesen: Beim Song Contest ist selbst die Eröffnung inzwischen Teil des Fiebertraums.
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