Der Boom rund um Abnehmspritzen geht in die nächste Runde – und diesmal könnte es noch deutlich drastischer werden. Der US-Pharmakonzern Eli Lilly hat neue Studiendaten zu seinem experimentellen Medikament Retatrutid veröffentlicht und spricht von einem möglichen Durchbruch in der Behandlung von Adipositas.
Die Zahlen wirken spektakulär: Teilnehmer verloren laut dem Unternehmen je nach Dosierung zwischen 19 und 28 Prozent ihres Körpergewichts. In einzelnen Fällen sollen die Ergebnisse sogar mit einer Magenverkleinerung vergleichbar gewesen sein.
Bis zu 70 Pfund Gewichtsverlust
Besonders hohe Gewichtsverluste wurden bei den stärkeren Dosierungen beobachtet. Menschen, die die höchste getestete Menge des Medikaments erhielten, verloren im Durchschnitt rund 70 Pfund – also mehr als 30 Kilogramm.
Fast die Hälfte dieser Teilnehmer verlor sogar mehr als 30 Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichts. Werte, die bislang eher aus der bariatrischen Chirurgie bekannt waren.
Zum Vergleich: Viele bisher verfügbare GLP-1-Medikamente wie Wegovy oder Zepbound erreichen zwar ebenfalls deutliche Erfolge, liegen im Durchschnitt aber meist darunter.
Der nächste Milliardenmarkt der Pharmaindustrie
Die Studie zeigt, wie rasant sich der Markt für Abnehmmedikamente entwickelt. Medikamente wie Ozempic, Wegovy oder Zepbound haben in den vergangenen Jahren bereits einen weltweiten Hype ausgelöst.
Prominente, Influencer und Millionen Patienten hoffen auf eine einfache Lösung für Übergewicht – und die Pharmaindustrie verdient Milliarden daran.
Mit Retatrutid könnte nun die nächste Generation dieser Medikamente entstehen. Eli Lilly besitzt bereits mit Zepbound eines der erfolgreichsten Präparate auf dem Markt. Nun versucht der Konzern offenbar, die eigene Konkurrenz noch einmal zu übertreffen.
Warum das neue Medikament anders funktioniert
Retatrutid unterscheidet sich technisch von vielen bisherigen Abnehmspritzen. Während klassische GLP-1-Medikamente vor allem ein bestimmtes Hormon nachahmen, setzt das neue Präparat gleich auf drei verschiedene Wirkmechanismen gleichzeitig.
Das Medikament kombiniert sogenannte GIP-, GLP-1- und Glukagon-Rezeptor-Agonisten. Vereinfacht gesagt soll dadurch der Stoffwechsel noch stärker beeinflusst, das Hungergefühl reduziert und der Energieverbrauch erhöht werden.
Genau deshalb hoffen Forscher auf deutlich stärkere Effekte als bei bisherigen Medikamenten.
Nebenwirkungen bleiben ein Problem
Ganz ohne Risiken kommt allerdings auch die neue Wunderspritze nicht aus. Teilnehmer der Studie berichteten unter anderem über Übelkeit, Verstopfung, Erbrechen und Infektionen der oberen Atemwege.
Solche Nebenwirkungen sind bei GLP-1-Medikamenten bereits bekannt und gelten mittlerweile fast als typische Begleiterscheinung der Therapie.
Kritiker warnen zudem davor, die Medikamente als einfache Lifestyle-Lösung zu betrachten. Denn viele Patienten müssen die Präparate dauerhaft nehmen, um ihr Gewicht zu halten. Sobald die Behandlung endet, kehren die verlorenen Kilos oft teilweise zurück.
Noch keine Zulassung
Bislang handelt es sich allerdings weiterhin um ein experimentelles Medikament. Eli Lilly hat die Ergebnisse zunächst nur in einer Pressemitteilung veröffentlicht. Eine wissenschaftliche Begutachtung durch unabhängige Fachleute steht noch aus.
Auch eine Zulassung durch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA gibt es bislang nicht. Der Konzern könnte den Antrag allerdings noch in diesem Jahr einreichen.
Sollte Retatrutid zugelassen werden, dürfte sich der Konkurrenzkampf auf dem boomenden Markt für Abnehmmedikamente weiter verschärfen.
Denn längst geht es nicht mehr nur um medizinische Innovation – sondern um einen der profitabelsten Pharmamärkte der Welt.
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