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Einmal zu laut, für immer leiser: Das Ohr führt keine Reparaturwerkstatt

Clker-Free-Vector-Images (CC0), Pixabay
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Muskeln lassen sich trainieren, Kondition kann zurückkommen und selbst ein vernachlässigter Garten sieht nach einigen Wochen Arbeit wieder halbwegs bewohnbar aus.

Das Gehör ist weniger nachsichtig.

Sind die empfindlichen Sinneszellen im Innenohr erst beschädigt, wachsen sie nicht einfach wieder nach. Das Ohr kennt weder Neustart noch Werkseinstellung. Es speichert jede überlaute Party, jedes Konzert ohne Schutz und jede Kopfhörersitzung bei maximaler Lautstärke dauerhaft in seiner persönlichen Schadensbilanz.

Oder, wie Hörakustiker es deutlich formulieren: Was weg ist, bleibt weg.

Das Innenohr besitzt keinen Ersatzteilservice

Tief im Innenohr befindet sich die sogenannte Cochlea. In dieser mit Flüssigkeit gefüllten Struktur sitzen Tausende winzige Haarzellen.

Schallwellen versetzen ihre feinen Härchen in Bewegung. Daraus entstehen elektrische Signale, die über den Hörnerv an das Gehirn weitergeleitet und dort als Sprache, Musik oder der Laubbläser des Nachbarn erkannt werden.

Zu laute Geräusche wirken auf diese Härchen wie ein Sturm auf einen jungen Wald. Sie können sich verbiegen oder abbrechen.

Der entscheidende Unterschied zum Wald: Es wächst nichts nach.

Der Mensch kommt mit sämtlichen Haarzellen zur Welt, die ihm sein gesamtes Leben lang zur Verfügung stehen. Wer sie frühzeitig beschädigt, hat später entsprechend weniger davon.

Das Ohr arbeitet somit nach einem sehr strengen Geschäftsmodell: lebenslange Nutzung, keine Garantie und kein Umtausch.

Hörverlust beginnt nicht erst im Rentenalter

Lange galt Schwerhörigkeit als Problem älterer Menschen. Audiologen beobachten jedoch zunehmend Schäden bei Jugendlichen und sogar bei Kindern unter zehn Jahren.

Die Ursache ist selten ein einzelnes spektakuläres Ereignis. Meist summieren sich viele kleine Belastungen:

laute Kopfhörer,

Konzerte,

Sportveranstaltungen,

Motorradfahrten,

Rasenmäher,

Werkzeuge,

offene Autofenster bei hoher Geschwindigkeit und

der weitverbreitete Glaube, dass Lautstärke nur dann schädlich ist, wenn anschließend sichtbar Rauch aus den Ohren steigt.

Die Auswirkungen können erst Jahre später auffallen. Das Gehör vergisst offenbar nichts – außer irgendwann den oberen Frequenzbereich.

Konzerte: Die Musik soll man nicht nur heute hören können

Livekonzerte sind gewöhnlich so laut, dass bereits nach zehn bis 15 Minuten eine schädliche Belastung entstehen kann.

Das ist problematisch, weil die meisten Konzerte geringfügig länger dauern.

Wer bis zur Zugabe bleiben und die Musik auch Jahre später noch hören möchte, sollte deshalb Ohrstöpsel verwenden.

Einfache Schaumstoffstöpsel reduzieren zwar den Schall, können aber auch den Klang verändern. Musikliebhabern werden sogenannte High-Fidelity-Ohrstöpsel empfohlen. Sie senken die Lautstärke gleichmäßiger, ohne das Konzert sofort in eine Unterwasseraufnahme zu verwandeln.

Gute Modelle sind bereits für relativ wenig Geld erhältlich. Maßgefertigte Musikerstöpsel kosten mehr, sind aber noch immer günstiger als jahrzehntelanges „Wie bitte?“.

Stadien feiern Dezibelrekorde

Auch Sportarenen werben gerne mit der Lautstärke ihrer Fans.

Manche Stadien sind stolz darauf, besonders hohe Dezibelwerte zu erreichen. Das Publikum soll beweisen, dass es seine Mannschaft unterstützt, indem es kollektiv die eigenen Haarzellen belastet.

Bei Kindern sieht man inzwischen häufiger Ohrenschützer. Die Eltern daneben tragen dagegen oft keinen Schutz.

Offenbar ist das eigene Gehör weniger wichtig, sobald man die nächste Generation erfolgreich geschützt hat.

Dabei wäre es durchaus hilfreich, das Kind später noch verstehen zu können – insbesondere wenn es irgendwann fragt, warum die Eltern ständig den Fernseher lauter stellen.

Kopfhörer: Das Konzert direkt am Trommelfell

Die häufigste Lärmbelastung entsteht für viele Menschen nicht bei seltenen Großveranstaltungen, sondern täglich durch Kopfhörer.

Musik, Videos, Spiele und Podcasts werden oft stundenlang gehört. Steht die Lautstärke zu hoch, erhält das Innenohr keine ausreichenden Erholungspausen.

Schätzungen zufolge könnten weltweit bis zu 1,35 Milliarden Menschen unter 35 Jahren durch laute persönliche Abspielgeräte und verstärkte Musik einem Risiko für frühzeitigen Hörverlust ausgesetzt sein.

Moderne Geräte besitzen häufig Lautstärkebegrenzungen und Warnmeldungen.

Diese Hinweise werden vom Nutzer gewöhnlich sorgfältig gelesen und anschließend mit derselben Entschlossenheit ignoriert wie Datenschutzbestimmungen.

Eine einfache Faustregel lautet: Kann man mit Kopfhörern eine nahestehende Person noch normal verstehen, ist die Lautstärke wahrscheinlich akzeptabel.

Muss die Person schreien oder mit Gegenständen werfen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, könnte die Musik zu laut sein.

Sechs Jahre alt und bereits Hörschäden

Eine Audiologin berichtete von einem sechsjährigen Kind, bei dem sie Hinweise auf lärmbedingte Schäden feststellte.

Die Ursache war offenbar die maximale Lautstärke des Schul-Laptops.

Damit zeigt sich, wie erfolgreich die Digitalisierung des Unterrichts fortgeschritten ist: Kinder können nun nicht nur früh lesen, schreiben und rechnen lernen, sondern auch erste Erfahrungen mit dauerhafter Lärmbelastung sammeln.

Die Familie hatte zuvor keine Veränderung bemerkt.

Hörschäden beginnen häufig schleichend. Betroffene verstehen Sprache in ruhigen Räumen noch gut, haben aber Schwierigkeiten, Gesprächen bei Hintergrundgeräuschen zu folgen.

Später glaubt man dann, alle anderen würden undeutlich sprechen.

Das ist psychologisch deutlich angenehmer, als dem eigenen Kopfhörerverhalten die Schuld zu geben.

Auch der Garten greift das Gehör an

Nicht nur Musik ist laut.

Rasenmäher, Laubbläser, Motorsensen und elektrische Sägen können erhebliche Schallpegel erzeugen.

Der Heimwerker möchte vielleicht nur ein Regal bauen. Sein Innenohr erlebt währenddessen jedoch ein industrielles Großprojekt.

Bei solchen Arbeiten empfehlen Fachleute Ohrstöpsel, Kapselgehörschutz oder eine Kombination aus beidem.

Kapselgehörschützer sind besonders praktisch, weil sie leichter korrekt aufzusetzen sind. Ohrstöpsel funktionieren nur dann zuverlässig, wenn sie richtig eingesetzt werden – eine Voraussetzung, die Menschen regelmäßig kreativer interpretieren als vorgesehen.

Wer während der Arbeit Musik oder Podcasts hören möchte, sollte auf geeigneten Gehörschutz mit integrierter Geräuschunterdrückung setzen.

Die Alternative, die Kopfhörer einfach lauter als den Rasenmäher zu stellen, gilt medizinisch nicht als Wettbewerbsstrategie.

Das offene Autofenster schlägt zurück

Ein geöffnetes Fenster bei einer Fahrt auf der Autobahn wirkt zunächst harmlos.

Frische Luft, Fahrtwind und ein Gefühl von Freiheit – bis das Innenohr die Rechnung erhält.

Der starke Luftstrom erzeugt erheblichen Lärm. Wer regelmäßig mit offenem Fenster fährt, kann sogar einseitige Hörprobleme entwickeln.

Hinzu kommt, dass Autofahrer das Radio lauter stellen, um es über den Wind hinweg zu verstehen.

Das Ohr bekommt damit gleichzeitig Windlärm und Musik.

Audiologen nennen das einen doppelten Angriff.

Autofahrer nennen es Sommer.

Motorradfahren: Freiheit mit Ohrstöpseln

Motorradfahrer sind besonders stark dem Wind- und Motorgeräusch ausgesetzt.

Auch unter einem Helm kann der Schallpegel so hoch sein, dass dauerhafte Schäden drohen.

Empfohlen werden hochwertige Ohrstöpsel, die den Lärm reduzieren, aber Warnsignale, Sirenen und andere Verkehrsteilnehmer noch hörbar lassen.

Der Motor darf dann weiterhin kraftvoll klingen. Er muss lediglich nicht mehr so klingen, als würde er direkt im Innenohr gestartet.

Ohrstöpsel sind hilfreich – aber nicht rund um die Uhr

Nach all diesen Warnungen könnte man zu dem Schluss kommen, die Ohren künftig dauerhaft zu verschließen.

Auch das ist keine ideale Lösung.

Wer ständig Ohrstöpsel trägt, kann Ohrenschmalz tiefer in den Gehörgang drücken. Dadurch können Druckgefühle, Juckreiz, Infektionen oder vorübergehend gedämpftes Hören entstehen.

Das Ohr reinigt sich normalerweise selbst. Haut und Ohrenschmalz bewegen sich langsam nach außen, unterstützt durch Kieferbewegungen beim Sprechen und Kauen.

Das Ohr ist damit eine Art selbstreinigender Backofen.

Der Mensch stört diesen Prozess gerne mit Wattestäbchen, Ohrstöpseln und anderen Gegenständen, die nach Ansicht medizinischer Fachleute dort wenig verloren haben.

Wattestäbchen entfernen Ohrenschmalz häufig nicht, sondern schieben es weiter nach hinten.

Sie sind somit weniger Reinigungsgerät als Verdichtungswerkzeug.

Bei Verstopfung bitte nicht selbst bohren

Wer das Gefühl hat, dass sich Ohrenschmalz angesammelt hat, sollte einen Arzt oder Audiologen aufsuchen.

Es gibt auch frei verkäufliche Tropfen, die Ablagerungen aufweichen können. Anschließend kann das Ohr vorsichtig mit körperwarmem Wasser gespült werden.

Von eigenständigen Expeditionen mit Haarnadeln, Stiften, Schlüsseln oder Werkzeugen aus dem Badezimmer ist abzuraten.

Der Gehörgang ist kein Abflussrohr.

Und das Trommelfell reagiert ausgesprochen empfindlich auf Heimwerkerlösungen.

Hörverlust kann einsam machen

Schwerhörigkeit betrifft nicht nur das Hören selbst.

Menschen, die Gespräche häufig missverstehen, ziehen sich möglicherweise aus sozialen Situationen zurück. Sie vermeiden Gruppen, Restaurants oder Familienfeiern, weil das Verstehen anstrengend oder peinlich wird.

Dadurch kann soziale Isolation entstehen.

Mehrere Studien zeigen zudem einen Zusammenhang zwischen altersbedingtem Hörverlust und kognitivem Abbau oder Demenz.

Das beweist allerdings nicht, dass Schwerhörigkeit unmittelbar Demenz verursacht. Möglicherweise haben beide Entwicklungen gemeinsame Ursachen. Außerdem können Hörprobleme fälschlich wie kognitive Einschränkungen wirken.

Wer eine Frage nicht beantwortet, hat sie womöglich nicht vergessen.

Er hat sie vielleicht schlicht nicht gehört.

Wann sollte das Gehör getestet werden?

Traditionell wird empfohlen, spätestens vor dem 60. Lebensjahr einen Hörtest durchführen zu lassen.

Da Schäden aber in jedem Alter auftreten können, sollte man nicht auf einen runden Geburtstag warten.

Warnzeichen sind insbesondere:

Probleme, Gespräche in Restaurants oder Gruppen zu verstehen,

häufiges Nachfragen,

das Gefühl, andere Menschen würden nuscheln,

eine deutlich höhere Lautstärke von Fernseher oder Smartphone und

Ohrgeräusche nach starker Lärmbelastung.

Tinnitus – also Pfeifen, Rauschen oder Klingeln im Ohr – kann ein frühes Warnsignal sein.

Wer nach einem Konzert nach Hause kommt und die Stille plötzlich ein eigenes Geräusch produziert, hat möglicherweise mehr als nur einen gelungenen Abend erlebt.

Vorbeugung bleibt die beste Behandlung

Forscher arbeiten an Gentherapien, mit denen sich beschädigte Haarzellen möglicherweise eines Tages regenerieren lassen.

Einige Tiere, darunter Zebrafische und Hühner, können solche Zellen neu bilden.

Der Mensch besitzt diese Fähigkeit bislang nicht.

Bis die Wissenschaft eine funktionierende Therapie entwickelt, bleibt daher nur Prävention:

Lautstärke reduzieren,

Pausen einlegen,

bei Konzerten und lauten Arbeiten Gehörschutz tragen,

Warnsignale ernst nehmen und

das Gehör frühzeitig testen lassen.

Das klingt weniger spektakulär als eine zukünftige Gentherapie.

Es hat allerdings den Vorteil, bereits heute zu funktionieren.

Das Ohr verzeiht vieles – aber nicht alles

Wir leben in einer Welt, in der nahezu jedes Gerät Geräusche produziert und viele Produkte besonders beeindruckend wirken sollen, wenn sie besonders laut sind.

Autos müssen röhren.

Stadien müssen beben.

Kopfhörer müssen „vollen Sound“ liefern.

Laubbläser müssen offenbar noch drei Straßen weiter beweisen, dass ein Blatt erfolgreich bewegt wurde.

Das Ohr nimmt all diese Erlebnisse geduldig entgegen.

Es beschwert sich oft erst spät.

Dann allerdings dauerhaft.

Die wichtigste Regel für gesundes Hören lautet deshalb nicht, sämtliche Geräusche zu vermeiden. Es geht darum, Lautstärke und Dauer vernünftig zu begrenzen.

Denn das Gehör besitzt keinen Lautstärkeregler für die Vergangenheit.

Was einmal zerstört ist, bleibt still.

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