Zhang Zhidong studierte Spanisch an der renommierten Universität Peking. Anschließend zog er nach Mexiko, arbeitete zunächst für ein chinesisches Bergbauunternehmen und soll später zu einer Schlüsselfigur im internationalen Handel mit Drogenchemikalien geworden sein.
So zumindest lautet der Vorwurf amerikanischer und mexikanischer Behörden.
Der heute 39-Jährige wartet in den Vereinigten Staaten auf seinen Prozess. Ihm werden Drogenhandel und Geldwäsche vorgeworfen. Zhang hat auf nicht schuldig plädiert.
In der Unterwelt soll er unter Namen wie „Brother Wang“, „Mr T“ oder „Fentanyl-König“ bekannt gewesen sein.
Das ist ein beachtlicher Aufstieg für jemanden, dessen akademische Ausbildung ursprünglich vor allem dazu befähigte, spanische Verben korrekt zu konjugieren.
Ein Mann für offizielle und inoffizielle Kontakte
Ehemalige Kollegen beschreiben Zhang als intelligent, anpassungsfähig und äußerst kontaktfreudig.
Er habe hervorragend Spanisch gesprochen, schnell die Umgangssprache gelernt und Beziehungen zu praktisch allen Menschen aufgebaut, die vor Ort wichtig waren.
Dazu gehörten offenbar Vertreter der offiziellen Wirtschaft – und jene Akteure, deren Geschäftsstellen nicht unbedingt im Handelsregister zu finden sind.
In einigen Regionen Mexikos kontrollieren Kartelle weite Teile des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Wer dort Geschäfte machen möchte, muss deshalb möglicherweise mit zwei Verwaltungen umgehen: der staatlichen und der tatsächlichen.
Zhang soll in beiden Welten gut zurechtgekommen sein.
Die Bergbaufirma verschwindet, Zhang bleibt
Als das Bergbauunternehmen 2013 zusammenbrach, kehrten viele chinesische Beschäftigte in ihre Heimat zurück.
Zhang blieb in Mexiko.
Ein ehemaliger Kollege berichtet, dass Zhang einige Zeit später in einer WeChat-Gruppe für frühere Studierende der Universität Peking besonders günstige Währungswechsel angeboten habe.
Der Kollege vermutete dahinter Geldwäsche.
In gewöhnlichen Alumni-Gruppen werden Stellenangebote, Klassentreffen und Fotos von Kindern geteilt. Bei besonders erfolgreichen Netzwerken gibt es möglicherweise zusätzlich internationale Devisendienstleistungen.
Der angebliche Einstieg in den Fentanylhandel
Nach Angaben von Kartellmitgliedern soll Zhang später Vorprodukte für die Herstellung von Fentanyl angeboten haben.
Diese chemischen Substanzen sind nicht automatisch illegal. Viele werden auch in regulären Industrien verwendet. In den richtigen Händen entstehen daraus Medikamente oder Kunststoffe.
In den falschen Händen entsteht Fentanyl.
Die Chemikalien sollen aus China per Schiff oder Flugzeug nach Mexiko gelangt sein. Von dort seien sie an geheime Labore im Bundesstaat Sinaloa verteilt worden.
Zhang soll damit eine Verbindung zwischen chinesischen Chemieunternehmen, mexikanischen Kartellen und dem amerikanischen Absatzmarkt geschaffen haben.
Internationalisierung funktioniert offenbar auch ohne Freihandelsabkommen.
Lieferkette mit tödlichem Endprodukt
Fentanyl ist ein synthetisches Opioid, das ungefähr 50-mal stärker als Heroin wirkt. Schon wenige Körnchen können tödlich sein.
In den Vereinigten Staaten sterben jedes Jahr Zehntausende Menschen an Überdosierungen.
Der Handel benötigt dafür eine arbeitsteilige Lieferkette:
Chemieproduzenten stellen Ausgangsstoffe her.
Zwischenhändler organisieren Beschaffung und Transport.
Kartelle betreiben Labore.
Kuriere bringen das fertige Produkt über die Grenze.
Geldwäscher sorgen dafür, dass die Einnahmen anschließend möglichst nach legaler Geschäftstätigkeit aussehen.
Das System ist hochgradig international, effizient und flexibel.
Eigenschaften, für die Unternehmen bei Wirtschaftskongressen normalerweise Preise erhalten.
Arbeitsschutz im geheimen Labor
Ein ehemaliger Fentanyl-Koch berichtet, er habe in improvisierten Laboren gearbeitet. Mindestens fünf Kollegen seien vor seinen Augen gestorben, vermutlich weil giftige Substanzen durch Lücken in der Schutzkleidung gelangten.
Manchmal seien Arbeiter einfach bewusstlos geworden und hätten aus dem Raum getragen werden müssen.
Arbeitsschutzkontrollen waren in diesen Betrieben offenbar selten.
Das überrascht wenig. Ein Unternehmen, das sein Hauptprodukt heimlich herstellt und dessen Beschäftigte alternativ bewaffnet auf Patrouille schicken lässt, verfügt vermutlich nicht über einen besonders aktiven Betriebsrat.
Der Mann erklärte, er habe versucht, die Laborarbeit aufzugeben. Sein Vorgesetzter habe ihm zwei Möglichkeiten angeboten: weiter Fentanyl herstellen oder mit Schutzweste und Waffe kämpfen gehen.
Unter diesen Bedingungen wird aus „freier Berufswahl“ ein vergleichsweise theoretisches Konzept.
„Arbeit ist Arbeit“
Ein ranghohes Kartellmitglied räumte ein, dass sogar ein eigener Angehöriger an einer Fentanyl-Überdosis gestorben sei.
Das erschüttere das Gewissen, sagte er.
Dann fügte er hinzu: „Arbeit ist Arbeit.“
Dieser Satz fasst die moralische Buchhaltung des organisierten Verbrechens bemerkenswert präzise zusammen.
Die Opfer befinden sich auf der einen Seite.
Das Geschäftsmodell befindet sich auf der anderen.
Solange beide nicht in derselben Tabelle erscheinen, kann der Betrieb weiterlaufen.
Eine Schlüsselfigur zwischen drei Kontinenten
Ermittler und Fachleute beschreiben Broker wie Zhang als besonders wichtig. Sie bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Chemieindustrie, Kartellen und Finanzsystem.
Menschen mit Kontakten in China, Mexiko und den Vereinigten Staaten seien selten.
Mexikanische Behörden werfen Zhang vor, für den Export und Vertrieb von mehr als 1.000 Kilogramm Kokain, 1.800 Kilogramm Fentanyl und 600 Kilogramm Methamphetamin verantwortlich gewesen zu sein.
Außerdem soll er jährlich Drogengelder von mehr als 150 Millionen Dollar bewegt haben.
Die Vorwürfe müssen noch vor Gericht bewiesen werden.
Sollten sie zutreffen, hätte Zhang sein Spanischstudium jedenfalls auf eine Weise international eingesetzt, die vermutlich nicht im Alumni-Magazin vorgesehen war.
Mehr als 100 Firmen für Geld ohne Herkunft
Nach Darstellung des US-Justizministeriums soll Zhang Personen angeworben haben, die Bankkonten für mehr als 100 Scheinfirmen eröffneten.
Bargeld sei in den Vereinigten Staaten eingesammelt, auf diese Konten eingezahlt und anschließend an weitere Empfänger im Ausland überwiesen worden.
Der Zweck solcher Konstruktionen besteht darin, Geld möglichst oft zwischen Unternehmen und Ländern zu bewegen, bis niemand mehr genau erklären kann, woher es ursprünglich stammt.
Geldwäsche ist damit im Wesentlichen ein sehr kompliziertes Reiseprogramm für Banknoten.
Am Ende ist das Geld noch da.
Nur seine Vergangenheit hat das Gepäck verloren.
China verweist auf strenge Kontrollen
China ist einer der weltweit größten Hersteller und Exporteure chemischer Vorprodukte.
Nach einem Bericht des US-Außenministeriums gibt es dort rund 160.000 Chemieunternehmen. Die Überwachung der riesigen Branche sei trotz regulatorischer Maßnahmen personell und technisch unzureichend.
Die chinesische Botschaft betont dagegen, das Land gehöre zu den Staaten mit den strengsten Regeln gegen Drogen.
Fentanylähnliche Stoffe seien seit 2019 umfassend kontrolliert. Viele der verwendeten Chemikalien könnten jedoch nicht vollständig verboten werden, weil sie auch für legale Produkte benötigt würden.
Das Problem ist damit international bekannt: Eine Chemikalie hat keinen Reisepass, keine politische Haltung und kein Gewissen.
Sie wird erst durch ihren Käufer, ihren Transportweg und ihren Verwendungszweck zum Bestandteil eines Verbrechens.
Hausarrest mit unerwarteter Wandöffnung
Zhang wurde im Oktober 2024 in Mexiko festgenommen.
Ein Richter ordnete anschließend Hausarrest an.
Das erwies sich als optimistische Maßnahme.
Zhang soll durch ein Loch in einer Wand entkommen und anschließend mit einem Privatflugzeug nach Kuba und weiter nach Russland geflogen sein.
Hausarrest funktioniert grundsätzlich gut, solange das Haus keine zusätzliche Ausgangsmöglichkeit erhält.
In Russland sollen Grenzbeamte seine gefälschten Dokumente entdeckt haben. Er wurde nach Kuba zurückgeschickt, von dort nach Mexiko überstellt und schließlich an die Vereinigten Staaten ausgeliefert.
Seine Flucht endete damit nicht an einer spektakulären internationalen Fahndung, sondern offenbar an schlecht genug gefälschten Papieren.
Universität überrascht über berühmten Absolventen
Die Nachricht über Zhangs Festnahme sorgte im Netzwerk der Universität Peking für Aufsehen.
Ein ehemaliger Studienkollege erklärte, Zhang sei möglicherweise einer der berühmtesten Menschen, die die Hochschule hervorgebracht habe.
Das dürfte an einer Universität mit zahlreichen Politikern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsführern eine diskutierbare Einschätzung sein.
Bekanntheit ist schließlich nicht dasselbe wie akademischer Erfolg.
Auch ein international gesuchter mutmaßlicher Drogenhändler kann das Hochschulmarketing vor besondere Herausforderungen stellen.
Nach der Festnahme fehlt plötzlich die Ware
Kartellmitglieder berichten, dass nach Zhangs Festnahme die Beschaffung wichtiger Chemikalien deutlich schwieriger geworden sei.
Er sei derjenige mit den entscheidenden Kontakten in China gewesen. Nach seinem Verschwinden habe man neue Lieferwege aufbauen müssen.
Zur gleichen Zeit stellte die US-Drogenbehörde einen Rückgang der Reinheit von Fentanyl fest. Das könne darauf hindeuten, dass mexikanische Labore Schwierigkeiten hatten, bestimmte Vorprodukte zu beschaffen.
Die Festnahme einer einzelnen Person hatte demnach möglicherweise reale Auswirkungen auf die Lieferkette.
Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte folgt unmittelbar.
Der Markt sucht bereits einen Nachfolger
Fachleute warnen, dass Störungen im Drogengeschäft meist nur vorübergehend sind.
Werden bestimmte Chemikalien kontrolliert, suchen Produzenten nach Ersatzstoffen.
Wird ein Transportweg geschlossen, entsteht ein neuer.
Wird ein Broker festgenommen, übernimmt ein anderer dessen Kontakte.
Ein Kartellmitglied erklärte, es gebe bereits einen möglichen Nachfolger aus China. Mehr könne er aus Sicherheitsgründen nicht sagen.
Ein anderer sagte, Zhang habe genügend Verbindungen hinterlassen, damit das Geschäft weiterlaufe.
„Wenn er weg ist, wird jemand anderes einspringen. Das Geschäft wird nicht aufhören.“
Damit endet die Geschichte nicht mit dem angeblichen „Fentanyl-König“.
Sie zeigt vielmehr, dass es im globalen Drogengeschäft offenbar gar keinen unverzichtbaren König gibt.
Nur freie Stellen.
Ein globales System statt eines einzelnen Täters
Es ist verlockend, den Fentanylhandel auf eine besonders auffällige Person zu reduzieren.
Ein Elite-Absolvent mit mehreren Decknamen, Kontakten auf drei Kontinenten, einer spektakulären Flucht und dem Spitznamen „Brother Wang“ bietet eine nahezu perfekte Erzählung.
Doch das eigentliche Problem ist größer.
Solange in den Vereinigten Staaten eine enorme Nachfrage besteht, mexikanische Kartelle Produktion und Vertrieb kontrollieren, internationale Firmen Chemikalien liefern und das Finanzsystem Geldwäsche ermöglicht, kann die Festnahme eines einzelnen Vermittlers die Lieferkette nur vorübergehend stören.
Zhang Zhidong wartet nun auf seinen Prozess. Über seine persönliche Verantwortung muss ein Gericht entscheiden.
Das globale Geschäft hat diese Entscheidung offenbar nicht abgewartet.
Es sucht bereits den nächsten Mann mit Sprachkenntnissen, Kontakten und möglichst flexiblem Verständnis von internationalem Handel.
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