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Argentiniens erster Solarzug fährt durch 10.000 Jahre Geschichte – selbstverständlich als Luxuserlebnis

victoraf (CC0), Pixabay
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In der nordargentinischen Provinz Jujuy fährt seit 2024 Lateinamerikas erster solarbetriebener Zug durch die Quebrada de Humahuaca.

Die Strecke führt vorbei an farbigen Bergen, jahrhundertealten Terrassen, indigenen Dörfern und archäologischen Stätten. Menschen nutzen diesen Korridor bereits seit mehr als 10.000 Jahren.

Neu ist vor allem, dass man die Landschaft nun durch große Panoramafenster betrachten kann, während leise Panflötenmusik läuft und jemand erklärt, dass langsames Reisen eine besonders exklusive Form der Fortbewegung ist.

Zukunft auf einer Strecke aus dem 19. Jahrhundert

Der Zug besteht aus zwei modern gestalteten Wagen mit großen Glasflächen. Er fährt auf einem Teil einer historischen Eisenbahnstrecke aus dem 19. Jahrhundert.

Damit verbindet das Projekt Vergangenheit und Zukunft auf besonders elegante Weise: Alte Schienen tragen neue Technik, und jahrtausendealte Kultur erhält endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdient – sobald sie in ein touristisches Tagespaket passt.

Der Zug verbindet auf einer Strecke von 42 Kilometern die Orte Volcán, Tumbaya, Purmamarca, Maimará und Tilcara. Hinzu kommt ein Halt in Hornillos.

Fahrgäste können zwischen einem kürzeren Erlebnis von zweieinhalb Stunden und einer etwa zehnstündigen Rundreise wählen.

Von diesen zehn Stunden verbringen sie rund 90 Minuten im Zug.

Der Rest besteht aus längeren Aufenthalten, Spaziergängen und vermutlich der Erkenntnis, dass selbst ein Solarzug nicht überall bis direkt vor den Souvenirstand fahren kann.

33 Kilometer pro Stunde – Entschleunigung mit Fahrplan

Der Zug erreicht eine Geschwindigkeit von ungefähr 33 Kilometern pro Stunde.

Das wird als „Slow Travel“ bezeichnet.

Früher nannte man eine solche Geschwindigkeit einfach langsam. Heute ist sie ein bewusstes Reiseerlebnis, das Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und ausreichend Zeit für Fotos bietet.

Bei rund 300 Sonnentagen im Jahr gleiten die Wagen nahezu geräuschlos durch die Landschaft.

Das ist angenehm für Reisende und Tiere – und problematisch für alle, die einen Zug traditionell erst dann ernst nehmen, wenn er dröhnt, quietscht und fünf Minuten Verspätung hat.

Die Landschaft liefert das Farbkonzept

Die Quebrada de Humahuaca gehört zum Unesco-Welterbe. Ihre Berge erscheinen in Rot, Rosa, Violett, Ocker und weiteren Farbtönen, für die Reiseveranstalter vermutlich noch passende Markennamen entwickeln werden.

Besonders bekannt ist der Cerro de los Siete Colores, der Berg der sieben Farben bei Purmamarca.

Hinter den niedrigen Lehmhäusern erhebt sich eine Landschaft, die so auffällig gefärbt ist, dass selbst hochwertige Fotofilter vorübergehend arbeitslos werden.

Besucher können auf einem Rundweg durch die farbigen Felsen spazieren.

Die Gegend wird dabei gerne als „marsähnlich“ beschrieben, weil offenbar selbst eine jahrtausendealte südamerikanische Kulturlandschaft noch überzeugender wirkt, wenn man sie mit einem anderen Planeten vergleicht.

Traditionelle Lehmziegel, jetzt mit Reiseleitung

In Tumbaya führt der Reiseleiter die Besucher durch gepflasterte Straßen und weist auf Häuser aus sonnengetrockneten Lehmziegeln hin.

Die Bautechnik wird seit mehr als tausend Jahren von Generation zu Generation weitergegeben.

Sie funktioniert ohne moderne Baustoffkonzerne, ohne Influencer-Kooperation und vermutlich sogar ohne zehnteilige Videoreihe mit dem Titel „So bauten die Anden wirklich“.

Für die Bewohner ist es Alltag.

Für Touristen ist es authentische Architektur.

Der Unterschied liegt hauptsächlich darin, wer danach wieder in den klimatisierten Zug steigt.

Ein stilles Dorf, außer wenn Hunderttausende kommen

Tumbaya wirkt an gewöhnlichen Tagen ruhig. Vor Ostern ziehen jedoch Hunderttausende Menschen durch den Ort, um an der Wallfahrt nach Punta Corral teilzunehmen.

Die religiöse Tradition gehört zu den wichtigsten Ereignissen der Region.

Das Dorf wechselt damit regelmäßig zwischen fast vollständiger Stille und einer Besucherzahl, bei der selbst größere Städte kurz über ein Verkehrskonzept nachdenken müssten.

Der Zug soll künftig weitere Gäste bringen – diesmal geordnet, nachhaltig und mit reserviertem Sitzplatz.

Opfergaben bitte nicht wegräumen

In Purmamarca werden Besucher ausdrücklich darauf hingewiesen, Dosen, Flaschen, Kokablätter oder Zigaretten an bestimmten Steinhaufen nicht als Müll zu behandeln.

Es handelt sich um Opfergaben an Pachamama, Mutter Erde.

Die kleinen Steinhaufen, sogenannte Apachetas, dienen dazu, Dankbarkeit auszudrücken und um eine sichere Weiterreise zu bitten.

Für Außenstehende ist diese Erklärung wichtig.

Der moderne Tourist ist schließlich darauf trainiert, entweder alles zu fotografieren oder alles wegzuräumen, was nicht in sein Verständnis einer ordentlich inszenierten Landschaft passt.

In diesem Fall gilt: ansehen, respektieren und liegen lassen.

Pachamama benötigt keine spontane Aufräumaktion aus dem Reisebus.

10.000 Jahre Verkehrsgeschichte

Die Quebrada wurde bereits um 9000 vor Christus von Jägern und Sammlern genutzt.

Später zogen Händler der Omaguaca durch das Tal. Sie transportierten unter anderem Salz und Töpferwaren.

Danach kamen die Inka, die den Weg in ihr großes Straßennetz Qhapaq Ñan integrierten. Dieses verband Gebiete vom heutigen Kolumbien bis nach Argentinien und Chile.

Mit der spanischen Eroberung wurde die Route Teil der kolonialen Silberstraße. Später folgten Maultiertreiber, Eisenbahnarbeiter und schließlich Reisende mit Kameras und Erwartungen an ein nachhaltiges Mittagessen.

Die Strecke hat damit fast jede Form menschlicher Mobilität erlebt.

Der Solarzug ist lediglich die erste, die ausdrücklich mit „null Emissionen“ und „Luxus“ beworben wird.

Ein Museum für Menschen, die früher ebenfalls unterwegs waren

In Hornillos steht eine ehemalige Post- und Raststation aus dem Jahr 1772.

Händler und Kuriere übernachteten dort auf dem Weg zwischen Buenos Aires und Oberperu, dem heutigen Bolivien.

Im Museum erfahren Besucher, dass die menschliche Geschichte des Tals viele Jahrtausende älter ist als das Gebäude selbst.

Das ist eine nützliche Erinnerung daran, dass koloniale Bauten nicht automatisch den Beginn der lokalen Geschichte markieren.

Sie sind lediglich der Abschnitt, ab dem besonders viele Dokumente in europäischen Archiven liegen.

Landwirtschaft auf 1.500 Jahre alten Terrassen

Auf dem Weg nach Maimará verändert sich die Landschaft. Weinberge, Obstgärten und alte, von Mauern eingefasste Felder prägen das Tal.

Auf einigen Terrassen wird seit mehr als tausend Jahren Quinoa angebaut.

In vielen europäischen Großstädten wurde Quinoa erst vor vergleichsweise kurzer Zeit entdeckt und anschließend erfolgreich als modernes Superfood vermarktet.

In den Anden wusste man schon lange vorher, dass man es essen kann.

Dort war es allerdings ein Grundnahrungsmittel und noch keine Zutat für eine Schale, die 16 Euro kostet.

Der Markt riecht nach Kräutern und wirtschaftlicher Hoffnung

Vor dem Bahnhof von Maimará verkaufen Händler schwarze Minze, Andensafran, Heilkräuter, Kartoffeln in verschiedenen Farben, Pfirsiche, Feigen und Trauben.

Auch Empanadas mit Quinoa und Ziegenkäse werden angeboten.

Weitere Speisen wie Humita en Chala und Tamales basieren auf Rezepten, deren Ursprünge mehrere Tausend Jahre zurückreichen.

Eine Gastwirtin erklärt, sie freue sich über die zusätzlichen Kunden, die der Zug bringe. Dadurch könne sie weiter kochen und die Gerichte ihrer Vorfahren mit Besuchern teilen.

Hier wird deutlich, worum es neben der schönen Aussicht tatsächlich geht: Einkommen.

Kultur erhält sich leichter, wenn die Menschen, die sie leben, davon auch ihren Alltag finanzieren können.

Der Zug soll Abwanderung verhindern

Die Verantwortlichen hoffen, dass der Solarzug dauerhaft Arbeitsplätze schafft und jüngeren Bewohnern ermöglicht, in ihren Heimatorten zu bleiben.

Viele Menschen mussten bisher in größere Städte ziehen, weil es außerhalb der Ferienzeiten kaum Beschäftigung gab.

Der Tourismus soll nun regelmäßige Einnahmen für Gastronomie, Handwerk, Führungen, Museen und Märkte bringen.

Das klingt überzeugend.

Allerdings hängt damit künftig auch ein Teil der lokalen Wirtschaft von Reisenden ab, die zuverlässig erscheinen, Geld ausgeben und die Region möglichst nicht nur als Hintergrund für soziale Medien behandeln.

Nachhaltiger Tourismus bedeutet eben nicht nur, dass der Zug mit Sonnenenergie fährt.

Er bedeutet auch, dass die Menschen entlang der Strecke mehr erhalten als vorbeiziehende Kameras.

Pucará de Tilcara: Festung mit Aussicht

Am Ende der Strecke liegt Tilcara. Von dort führt ein etwa 30-minütiger Fußweg zur archäologischen Anlage Pucará de Tilcara.

Die befestigte Siedlung wurde vor mehr als 1.100 Jahren von den Omaguaca errichtet. Vermutlich lebten dort einst bis zu 2.000 Menschen.

Von den Mauern auf dem Hügel lässt sich das gesamte Tal überblicken.

Die Lage war strategisch sinnvoll: gut zu verteidigen, fruchtbar und mit weitem Blick auf herannahende Besucher.

Damals waren es möglicherweise Händler oder feindliche Gruppen.

Heute sind es Reisegruppen, die nach dem richtigen Fotowinkel suchen.

Luxus, Nachhaltigkeit und ein wenig Widerspruch

Der Zug wird als emissionsfreies Luxusangebot beschrieben.

Diese Kombination klingt modern, wirft aber Fragen auf.

Wie nachhaltig ist eine Reise, wenn internationale Gäste zunächst mit dem Flugzeug nach Argentinien kommen?

Wie viel des Umsatzes bleibt tatsächlich in den Gemeinden?

Wie verhindert man, dass steigende Besucherzahlen Wasser, Wohnraum und lokale Preise belasten?

Und wie schützt man eine lebendige Kultur davor, irgendwann nur noch als pünktlich vorführbares Programm zwischen zwei Zughalten zu erscheinen?

Ein solarbetriebener Zug löst diese Fragen nicht automatisch.

Er kann aber ein sinnvoller Teil einer Entwicklung sein, sofern die Gemeinden selbst darüber mitentscheiden und wirtschaftlich profitieren.

Die Landschaft ist kein Freilichtmuseum

Die Quebrada de Humahuaca ist nicht nur eine historische Route.

Menschen leben dort, bauen Lebensmittel an, feiern religiöse Feste, stellen Textilien und Keramik her und bewahren Traditionen, die nicht für Touristen erfunden wurden.

Der Solarzug bringt Besucher durch diese Welt.

Er sollte sie nicht in eine Kulisse verwandeln.

Die entscheidende Frage ist deshalb weniger, wie futuristisch die Wagen aussehen oder wie viele Emissionen sie vermeiden.

Wichtiger ist, ob die neue Bahn den Menschen entlang der Strecke langfristig mehr Möglichkeiten eröffnet, ohne ihnen die Kontrolle über ihre Heimat zu nehmen.

10.000 Jahre Geschichte – Abfahrt täglich

Der Zug fährt sieben Tage pro Woche.

Damit erhält eine Route, die seit Jahrtausenden Menschen, Waren und Ideen verbindet, einen neuen Fahrplan.

Jäger und Sammler, indigene Händler, Inka-Boten, Kolonialbeamte, Maultiertreiber und Eisenbahner waren bereits hier unterwegs.

Nun folgen Reisende in einem gläsernen Solarzug.

Sie bringen Kameras, Sonnencreme und das Bedürfnis nach authentischen Erfahrungen mit.

Für die Gemeinden kann das neue Einkommen, Arbeit und Zukunft bedeuten.

Für die Besucher ist es ein besonderer Ausflug.

Oder, wie ein Reiseleiter sinngemäß erklärt: Einige Tage Erholung für den Gast können das Leben der Menschen vor Ort verändern.

Das ist vermutlich die wichtigste Information der gesamten Fahrt.

Selbst wenn sie sich weniger gut auf ein Werbeplakat drucken lässt als „Lateinamerikas erster Solar-Luxuszug“.

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