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Ein 150 Jahre alter Grönlandhai gibt Forschern neue Rätsel auf

Franziska_Stier (CC0), Pixabay
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An der sturmgepeitschten Westküste Irlands werden immer wieder tote Meerestiere angespült. Doch der Fund, den Wissenschaftler und freiwillige Helfer im April 2026 an der Küste der Grafschaft Sligo machten, war außergewöhnlich: Erstmals war in Irland ein Grönlandhai gestrandet.

Das grau-beige Tier war ungefähr drei Meter lang und dürfte mehr als 150 Jahre alt gewesen sein. Es könnte zu einer Zeit geboren worden sein, als Königin Victoria und US-Präsident Abraham Lincoln lebten, Segelschiffe die Weltmeere beherrschten und das Automobil noch nicht erfunden war.

Für einen Grönlandhai war das Tier allerdings noch vergleichsweise jung. Die Art gilt als das langlebigste bekannte Wirbeltier der Welt. Schätzungen zufolge können Grönlandhaie etwa 300 bis 500 Jahre alt werden. Einige heute lebende Exemplare könnten demnach bereits zur Zeit William Shakespeares existiert haben.

Die Meeresbiologin Emilie De Loose vom Irish Whale and Dolphin Group bedauerte besonders, dass der Hai vermutlich gerade erst die Geschlechtsreife erreicht hatte. Möglicherweise hatte er noch keine Gelegenheit gehabt, sich fortzupflanzen und damit zum Erhalt seiner Art beizutragen.

Für die Wissenschaft bot der ungewöhnliche Fund dennoch eine seltene Chance. Über das Leben der Grönlandhaie ist trotz ihrer enormen Größe und ihrer weiten Verbreitung bis heute erstaunlich wenig bekannt. Die Untersuchung des toten Tieres sollte deshalb neue Erkenntnisse über die geheimnisvolle Art liefern.

Zunächst musste der mehr als 200 Kilogramm schwere Hai von der Küste in ein Labor gebracht werden. Helfer bedeckten den Körper mit Seetang, um ihn vor Möwen und anderen Tieren zu schützen. Am folgenden Tag hob ein Kran den Hai unter Aufsicht des irischen Nationalmuseums auf einen Lastwagen.

In einem regionalen Veterinärlabor begann anschließend die Obduktion. Die beteiligten Wissenschaftler trugen Masken, Handschuhe und Schutzkleidung. Bei einem Tier, das möglicherweise mehrere Jahrhunderte gelebt hat, könne man nicht ausschließen, dass sich unbekannte Bakterien, Viren oder Krankheitserreger im Körper befinden, erklärten die Forscher. Außerdem war zunächst vollkommen unklar, woran der Hai gestorben war.

Grönlandhaie leben in den kalten Gewässern des Nordatlantiks und der Arktis, unter anderem vor Grönland, Kanada und Island. Sie bewegen sich ausgesprochen langsam und ernähren sich sowohl von Aas als auch von lebender Beute.

Obwohl sie gemächlich schwimmen, können sie offenbar sogar Robben erbeuten. Möglich ist, dass sie schlafende, verletzte oder im Eis eingeschlossene Tiere überraschen. Mit einem kräftigen Sog können sie ihre Beute ins Maul ziehen und teilweise vollständig verschlucken.

Der Körper des Grönlandhais ist perfekt an das eisige Wasser angepasst. Bestimmte chemische Stoffe wirken in seinem Gewebe wie ein Frostschutzmittel. Diese Anpassung hat allerdings einen Nebeneffekt: Das Fleisch des Hais ist in unverarbeitetem Zustand giftig.

Viele grundlegende Fragen über die Tiere sind noch immer unbeantwortet. Wissenschaftler wissen beispielsweise nicht genau, wo sich Grönlandhaie paaren oder wo sie ihre Jungen zur Welt bringen. Bislang wurde nur ein einziges trächtiges Weibchen beobachtet. Daher ist auch unbekannt, wie viele Jungtiere ein Weibchen bekommt und wie häufig sich die Tiere fortpflanzen.

Weil diese Informationen fehlen, lässt sich die weltweite Population kaum zuverlässig schätzen. Das erschwert auch den Schutz der Art. Besonders gefährlich ist der unbeabsichtigte Fang in Netzen und an Langleinen. Ohne Kenntnisse über Paarungs- und Geburtsgebiete können wichtige Lebensräume nur schwer gezielt geschützt werden.

Bei der Untersuchung des irischen Exemplars suchten die Forscher zunächst nach äußeren Verletzungen. Sie wollten feststellen, ob der Hai möglicherweise durch ein Fischernetz, einen Schiffskontakt oder andere menschliche Einflüsse gestorben war.

Doch sie fanden keine entsprechenden Spuren.

Anschließend wurde die Haut vorsichtig entfernt. Sie ist mit winzigen, scharfkantigen Strukturen bedeckt, sogenannten Dentikeln. Die Haut wird nun eingefroren aufbewahrt und soll später präpariert werden.

Das irische Nationalmuseum hofft, das Tier eines Tages ausstellen zu können. Besucher sollen dadurch mehr über eine der geheimnisvollsten Haiarten der Welt und über die wissenschaftlichen Methoden zu ihrer Erforschung erfahren.

Bei der Obduktion kam auch die gewaltige Leber des Tieres zum Vorschein. Sie wog ungefähr 50 Kilogramm und wurde zur Untersuchung in ein großes Stahlbecken gelegt. Sämtliche Organe wurden vermessen, gewogen und beprobt.

Besonders wichtig waren die Augen. Die Linsen sollen mithilfe der Radiokarbonmethode untersucht werden. Dadurch wollen die Forscher das tatsächliche Alter des Hais möglichst genau bestimmen.

Lange Zeit galten Grönlandhaie als fast blind. Ein Grund dafür sind kleine, fadenartige Parasiten, die sich häufig an ihren Augen festsetzen. Neuere Forschungen aus dem Jahr 2026 widersprechen dieser Annahme jedoch.

Demnach sind die Augen und Netzhäute der Tiere auch nach mehr als einem Jahrhundert noch intakt. Ihr Sehsystem ist besonders gut an die dunklen Tiefen des Arktischen Ozeans angepasst und funktioniert ähnlich wie eine Kamera für schwaches Licht.

Selbst bei sehr alten Tieren seien die für das Sehen benötigten Zellen und molekularen Mechanismen noch vorhanden und gesund. Auch die Parasiten beeinträchtigen die Sehkraft offenbar deutlich weniger als lange vermutet.

Diese Widerstandsfähigkeit unterscheidet den Grönlandhai erheblich vom Menschen. Während die menschliche Sehkraft mit zunehmendem Alter häufig nachlässt, scheint das Sehvermögen der Haie über Jahrhunderte erhalten zu bleiben.

Eine mögliche Erklärung könnte in der Fähigkeit der Tiere liegen, beschädigte DNA zu reparieren. Forscher fanden heraus, dass bestimmte Gene, die an solchen Reparaturprozessen beteiligt sind, bei Grönlandhaien besonders aktiv sind.

Das ist von großer Bedeutung, weil Schäden an der DNA und eine nachlassende Reparaturfähigkeit bei vielen Lebewesen eng mit dem Alterungsprozess verbunden sind.

Eine Muskelprobe des in Irland gefundenen Hais soll außerdem mit einer experimentellen Methode untersucht werden. Dabei wird die Länge der Telomere gemessen. Dabei handelt es sich um Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, die mit zunehmendem Alter und unter dem Einfluss von Umweltstress kürzer werden.

Auch das Herz des Hais lieferte bemerkenswerte Erkenntnisse. Es wog rund 34 Kilogramm. Zum Vergleich: Ein menschliches Herz bringt durchschnittlich nur etwa 300 Gramm auf die Waage.

Das Organ wirkte trotz des hohen Alters gesund. Studien an anderen Grönlandhaien hatten zwar typische Altersspuren wie Vernarbungen festgestellt. Dennoch blieben die Herzen funktionsfähig.

Diese ungewöhnliche Kombination könnte ein Schlüssel zur extremen Langlebigkeit der Tiere sein. Der Grönlandhai scheint widerstandsfähig gegen Alterserscheinungen zu sein, die bei Menschen und vielen anderen Tierarten zu schweren Herzerkrankungen führen würden.

Auch das Gebiss des Tieres war perfekt an seine Lebensweise angepasst. Die geraden, sehr scharfen Zähne im Oberkiefer können Fleischstücke aus Tierkadavern reißen. Die unteren Zähne zeigen in unterschiedliche Richtungen und funktionieren nahezu wie eine Säge.

Der gesamte Verdauungstrakt wurde unversehrt entfernt und für weitere Untersuchungen aufbewahrt. Der Magen schien leer zu sein, doch ein Teil des Darms war gefüllt. Das deutete darauf hin, dass der Hai vor seinem Tod noch Nahrung verdaut hatte.

Ein leerer Magen muss für die Tiere nicht ungewöhnlich sein. Grönlandhaie besitzen einen sehr langsamen Stoffwechsel und benötigen vergleichsweise wenig Energie. Diese Anpassung dürfte ihnen helfen, in einer Umgebung zu überleben, in der Nahrung knapp und nur saisonal verfügbar ist.

Bei der Untersuchung entdeckten die Wissenschaftler einen verdrehten Hoden und eine ungewöhnliche Färbung der Milz. Insgesamt machte das Tier jedoch einen gesunden Eindruck.

Möglicherweise litt der Hai an einer Erkrankung, die äußerlich und während der ersten Obduktion nicht erkennbar war. Erst die Analyse der Gewebe- und Organproben könnte zeigen, woran er tatsächlich starb.

Für die Forscher bleibt der Fund deshalb gleichermaßen faszinierend und traurig. Nach menschlichen Maßstäben war das Tier uralt. Als Grönlandhai hätte es jedoch möglicherweise noch einen großen Teil seines Lebens vor sich gehabt.

Der gestrandete Hai könnte bereits mehr als anderthalb Jahrhunderte durch die kalten Tiefen des Atlantiks geschwommen sein. Welche Veränderungen er während dieser Zeit erlebte, wird sich niemals vollständig klären lassen.

Sein Tod bietet der Wissenschaft nun jedoch die seltene Gelegenheit, mehr über eine Tierart zu erfahren, deren Augen, Herz und Körper offenbar dafür geschaffen sind, Jahrhunderte zu überdauern.

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