Seit 1976 wissen Fernsehzuschauer: Alle lieben Maja. Spätestens wenn Karel Gott die ersten Töne des Titelliedes anstimmt, fühlen sich ganze Generationen schlagartig wieder so jung, dass ein Marmeladenbrot und eine Folge Zeichentrick vollkommen ausreichen, um glücklich zu sein.
Dabei ist Maja keineswegs nur die niedliche Honigbiene mit den großen Augen. Sie ist neugierig, eigensinnig und ausgesprochen schlecht darin, sich an die Vorschriften des Bienenstocks zu halten. Während andere Bienen gewissenhaft arbeiten, organisiert Maja lieber einen unangemeldeten Betriebsausflug auf die Klatschmohnwiese.
An ihrer Seite befindet sich Willi, der vermutlich einzige Fernsehdarsteller, dessen konsequente Arbeitsvermeidung über Jahrzehnte hinweg als liebenswert gilt. Ergänzt wird das Duo durch den Grashüpfer Flip, der stets so wirkt, als habe er gerade einen Volkshochschulkurs in Lebensberatung erfolgreich abgeschlossen.
Schon die Geburt verlief nicht nach Vorschrift
In Deutschland flimmerte die erste Folge am 9. September 1976 über die Bildschirme. Österreich musste sich zehn Tage länger gedulden. Die Auftaktfolge trug den wenig überraschenden Titel „Maja wird geboren“.
Bereits beim Schlüpfen zeigte sich, dass Maja keine gewöhnliche Biene werden würde. Sie kämpfte sich eigenständig aus ihrer Brutzelle und stellte sinngemäß fest, dass sie offenbar schon bei ihrer Geburt alles selbst erledigen müsse. Außerdem war sie zu spät dran.
Damit waren ihre wichtigsten Charaktereigenschaften bereits nach wenigen Minuten geklärt: selbstbewusst, neugierig und mit den betrieblichen Abläufen des Bienenstocks nur mäßig vertraut.
Die strenge Erzieherin Kassandra versucht zwar, aus Maja eine ordentliche Arbeiterin zu machen. Doch das ist ungefähr so erfolgversprechend wie der Versuch, einer Katze das Sortieren von Steuerbelegen beizubringen. Maja schleicht regelmäßig aus dem Stock, lernt Käfer, Fliegen, Ameisen und andere Wiesenbewohner kennen und entwickelt eine besondere Faszination für Menschen.
Willi wurde für das Fernsehen erfunden
Die Zeichentrickserie basiert auf dem 1912 erschienenen Buch „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ von Waldemar Bonsels. Allerdings gingen die Fernsehmacher mit der Vorlage ausgesprochen frei um.
Majas bester Freund Willi kommt im ursprünglichen Buch beispielsweise überhaupt nicht vor. Auch Grashüpfer Flip wurde für die Serie deutlich ausgebaut. Das war vermutlich eine gute Entscheidung, denn eine Fernsehwelt ohne Willis Appetit und Flips gute Ratschläge wäre erheblich ärmer gewesen.
Die Grundidee blieb jedoch erhalten: Eine junge Biene verlässt die geordneten Verhältnisse ihres Volkes, entdeckt die Welt und begegnet anderen Lebewesen mit großer Neugier. Maja widersetzt sich Autoritäten, stellt Fragen und möchte ihre eigenen Erfahrungen machen. Für eine Figur, die in einem streng organisierten Insektenstaat lebt, ist das durchaus revolutionär.
Der problematische Mann hinter der Biene
So heiter Majas Abenteuer erscheinen, so kritisch muss die Geschichte ihres Erfinders betrachtet werden.
Waldemar Bonsels wurde durch sein Bienenbuch zu einem der meistgelesenen deutschen Schriftsteller seiner Zeit. Das Werk war sofort erfolgreich, wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt und machte seinen Autor weltbekannt. Bonsels wollte jungen Lesern ursprünglich auch den biologischen Kreislauf der Natur näherbringen.
Seine politische Haltung steht jedoch in einem deutlichen Gegensatz zu der späteren Botschaft der Fernsehserie. Bonsels vertrat extreme antisemitische Ansichten, veröffentlichte judenfeindliche Schriften und stellte sich in den Dienst der nationalsozialistischen Propaganda.
Während 1933 zahlreiche Bücher anderer Schriftsteller verbrannt wurden, durfte Bonsels weiter veröffentlichen. Er wurde in die Reichskulturkammer aufgenommen und unterstützte das nationalsozialistische Weltbild. Nach dem Krieg erhielt er vorübergehend ein Publikationsverbot.
Diese Vergangenheit gehört zur Geschichte der Biene Maja und darf nicht verschwiegen werden. Gleichzeitig entwickelte sich die Fernsehfigur weit von den Ansichten ihres Autors weg. Die moderne Maja steht für Neugier, Toleranz, Freundschaft und das friedliche Zusammenleben sehr unterschiedlicher Wesen.
Auf der Klatschmohnwiese zählt schließlich nicht, wo jemand herkommt oder wie viele Beine er besitzt. Entscheidend ist, ob man bereit ist, anderen zu helfen – und ob Willi noch etwas vom Frühstück übrig gelassen hat.
Filmstar mit echten Insekten
Majas Karriere auf der Leinwand begann erstaunlich früh. Bereits 1926 erschien eine erste Verfilmung, an der Bonsels selbst mitwirkte. Statt gezeichneter Figuren kamen echte Insekten zum Einsatz.
Das war für die damalige Zeit eine technische Sensation. Gleichzeitig kann man sich vorstellen, dass die Dreharbeiten nicht einfach waren. Eine Biene lässt sich schließlich nur schwer mit den Worten beruhigen: „Die Szene war gut, aber beim nächsten Mal bitte etwas mehr Gefühl.“
Bis zur bekannten Zeichentrickserie sollten dennoch weitere 50 Jahre vergehen.
Die Biene kam im Taxi zur Welt
Die Idee zur Fernsehserie entstand nicht in einem großen Konferenzraum und auch nicht während einer sorgfältig geplanten Programmsitzung. Sie entstand in einem Taxi in München.
Josef Göhlen, der damalige Leiter des ZDF-Kinderprogramms, und sein ORF-Kollege Herbert Hauk suchten nach einem Nachfolger für „Wickie und die starken Männer“. Während der Taxifahrt kamen sie auf die Biene Maja.
Damit wurde eine der bekanntesten deutschsprachigen Fernsehfiguren gewissermaßen zwischen Rückbank, Taxameter und Münchner Stadtverkehr geboren.
Göhlen und Hauk überzeugten schließlich die Witwe des Autors von der Serienidee. Die Produktion wurde zu einem internationalen Projekt: Drehbücher und Figurenkonzepte entstanden unter Mitwirkung des Cartoonisten Marty Murphy und seines Teams in Los Angeles. Gezeichnet wurde bei Nippon Animation in Japan. ZDF und ORF begleiteten das Projekt von Europa aus.
Maja war also schon globalisiert, bevor dieser Begriff zum festen Bestandteil wirtschaftspolitischer Diskussionen wurde.
Eine Zehnjährige spricht die berühmteste Biene der Welt
Der deutschen Maja lieh Scarlet Cavadenti ihre Stimme. Sie war damals erst zehn Jahre alt. Willi wurde von Eberhard Storeck gesprochen, der dem gemütlichen Bienenjungen genau jene Mischung aus Müdigkeit, Hunger und freundlicher Überforderung verlieh, die ihn so beliebt machte.
Maja sollte bewusst keine brave Vorzeigebiene sein. Josef Göhlen wollte Kinder nicht ständig erziehen, sondern gut unterhalten. In der kleinen Heldin sah er eine Figur mit einem ähnlichen Freiheitsdrang wie Pippi Langstrumpf.
Tatsächlich haben beide einiges gemeinsam: Sie akzeptieren Regeln nur, wenn diese ihnen vernünftig erscheinen, begegnen Fremden ohne Vorurteile und besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit, Erwachsene beziehungsweise Erzieherinnen innerhalb weniger Minuten nervös zu machen.
Karel Gott wollte eigentlich nur einen Kaffee
Einen erheblichen Anteil am Erfolg der Serie hatte das Titellied. Gesungen wurde es vom tschechischen Sänger Karel Gott.
Der Weg ins Tonstudio soll eher zufällig gewesen sein. Gott traf seinen Freund, den Komponisten Karel Svoboda. Eigentlich wollte der Sänger an diesem Nachmittag lediglich einen Kaffee trinken. Stattdessen landete er im Studio und nahm eines der bekanntesten Kinderlieder des deutschsprachigen Fernsehens auf.
Die Aufnahme war bereits nach kurzer Zeit beendet. Was als spontane Nachmittagsbeschäftigung begann, wurde zu einem Lied, das Millionen Menschen noch Jahrzehnte später auswendig mitsingen können.
Das dürfte selbst Karel Gott überrascht haben. Schließlich rechnet kaum jemand beim Kaffeetrinken damit, wenig später für immer mit einer neugierigen Zeichentrickbiene verbunden zu sein.
Japan sah Maja zuerst
Obwohl die Serie im Auftrag europäischer Fernsehsender entstand, wurde sie zuerst in Japan gezeigt. Dort begann die Ausstrahlung bereits im April 1975. Deutschland und Österreich folgten 1976.
Zunächst entstanden 52 Folgen. In den Jahren 1979 und 1980 kamen jeweils 26 weitere Episoden hinzu. Als Maja erstmals im österreichischen Fernsehen auftauchte, war ihre literarische Vorlage bereits 64 Jahre alt.
Danach wurde die Serie unzählige Male wiederholt. Für viele Kinder gehörten Maja, Willi und Flip ebenso selbstverständlich zum Alltag wie Schulhefte, Pausenbrote und die Frage, warum das Wochenende immer viel kürzer war als eine Schulwoche.
Eine schlankere Biene sorgt für Aufregung
Im Jahr 2010 erhielt Maja eine umfassende Modernisierung. Aus der handgezeichneten Biene wurde eine computeranimierte 3-D-Figur. Zwischen 2013 und 2017 entstand eine neue Serienfassung. Das Titellied wurde nun von Helene Fischer gesungen.
Nicht alle Fans waren begeistert. Besonders Majas veränderte Figur sorgte für Diskussionen. Die einst rundliche Biene war plötzlich deutlich schlanker. Für manche Zuschauer war damit offenbar eine Grenze überschritten worden.
Dass ausgerechnet die Körperform einer gezeichneten Honigbiene eine öffentliche Debatte auslöste, zeigt, wie eng viele Menschen mit der ursprünglichen Serie verbunden sind. Wer mit der klassischen Maja aufgewachsen ist, betrachtet jede Veränderung offenbar so kritisch wie Willi einen unangekündigten Frühsport.
Die alte Zeichentrickserie und die moderne 3-D-Version werden inzwischen parallel gezeigt. So kann jede Generation ihre bevorzugte Maja sehen.
Eine bunte Wiese als Gegenentwurf
Die heutige Interpretation der Biene Maja steht im deutlichen Gegensatz zur menschenfeindlichen Haltung Waldemar Bonsels’. Auf der Klatschmohnwiese leben sehr unterschiedliche Figuren miteinander. Manche sind fleißig, manche eitel, manche ängstlich und manche heißen Willi und würden gern noch fünf Minuten liegen bleiben.
Trotz aller Unterschiede lernen die Bewohner, einander zu respektieren und gemeinsam Probleme zu lösen. Maja begegnet Neuem nicht mit Ablehnung, sondern mit Neugier. Sie hört zu, hilft anderen und übernimmt Verantwortung, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben.
Darin liegt vermutlich der Grund, warum die Figur bis heute funktioniert. Maja fordert Kinder dazu auf, Fragen zu stellen, eigene Wege zu gehen und Fremden offen zu begegnen.
Und sie beweist seit Jahrzehnten eine wichtige Wahrheit: Man kann freundlich, hilfsbereit und ausgesprochen liebenswert sein – und trotzdem regelmäßig aus dem Bienenstock ausbüxen.
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