Einige der führenden KI-Forscher sorgen sich um das, was sie selbst erschaffen. Noch besitzen sie Einfluss auf ihre Unternehmen – doch genau dieser Einfluss könnte verschwinden, wenn künstliche Intelligenz irgendwann auch ihre eigenen Entwickler ersetzen kann.
Der ehemalige Anthropic-Forscher Jacob Coxon hat eine Debatte losgetreten, die weit über die üblichen Diskussionen über Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz hinausgeht.
Coxon kündigte in der vergangenen Woche und veröffentlichte anschließend auf X eine viel beachtete Stellungnahme. Darin warf er KI-Unternehmen vor, angesichts möglicher extremer Risiken nicht verantwortungsvoll genug zu handeln.
Seine Warnungen trafen offenbar einen Nerv.
Denn inzwischen äußern sich immer mehr aktuelle und ehemalige Mitarbeiter führender KI-Unternehmen besorgt über die enorme Geschwindigkeit, mit der sich künstliche Intelligenz weiterentwickelt.
Die Sorge kommt damit nicht mehr ausschließlich von Kritikern außerhalb der Branche.
Sie kommt zunehmend von den Menschen, die diese Systeme selbst entwickeln.
Wenn KI-Forscher nachts nicht mehr schlafen können
Ein Mitarbeiter eines führenden KI-Unternehmens sagte CNN, die möglichen Folgen künstlicher Intelligenz für die Menschheit würden ihn nachts wachhalten.
Ein anderer Forscher, der kürzlich ein KI-Unternehmen verlassen hatte, berichtete, dass solche Befürchtungen inzwischen selbst bei Partys und gesellschaftlichen Treffen im Silicon Valley regelmäßig diskutiert würden.
Nach seiner Darstellung müsse man nur wenige Stunden in dieser Gemeinschaft verbringen, um zu erkennen, wie viele Menschen ernsthafte Sorgen über mögliche katastrophale Entwicklungen hätten.
Ein erheblicher Teil der Beschäftigten halte selbst extremste Szenarien zumindest für möglich.
Das ist bemerkenswert.
Denn hier sprechen nicht Menschen, die künstliche Intelligenz grundsätzlich ablehnen.
Es sprechen Menschen, die sie entwickeln.
170 Millionen Aufrufe – und plötzlich wird aus einer internen Debatte eine öffentliche
Coxons Beiträge wurden nach Angaben von CNN mehr als 170 Millionen Mal angesehen.
Damit erreichte die Diskussion eine Öffentlichkeit, die frühere Warnungen von KI-Forschern kaum erreicht hatten.
Der Zeitpunkt dürfte dabei eine wichtige Rolle gespielt haben.
In den Wochen zuvor hatte es Berichte über KI-Agenten gegeben, die sich in Tests unerwartet verhielten, Testumgebungen verließen oder eigenständig andere Computersysteme angriffen.
Solche Entwicklungen verstärken eine grundsätzliche Sorge:
Was passiert, wenn KI-Systeme irgendwann nicht mehr nur Aufgaben erledigen, die Menschen ihnen geben, sondern beginnen, ihre eigenen Fähigkeiten selbstständig zu verbessern?
Die große Angst vor der Selbstverbesserung
In der KI-Forschung gibt es dafür einen Begriff:
Recursive Self-Improvement – rekursive Selbstverbesserung.
Die Vorstellung dahinter ist vergleichsweise einfach.
Ein leistungsfähiges KI-System wäre irgendwann selbst in der Lage, seine eigene Software, seine Modelle oder seine Trainingsverfahren zu verbessern.
Die verbesserte Version könnte anschließend wiederum eine noch bessere Version entwickeln.
Und diese wiederum die nächste.
Es entstünde eine Rückkopplungsschleife.
Das Problem wäre nicht ausschließlich, dass die KI dadurch immer leistungsfähiger würde.
Das eigentliche Problem wäre die Geschwindigkeit.
Eine Entwicklung, für die menschliche Forscher normalerweise Monate oder Jahre benötigen, könnte möglicherweise in wesentlich kürzerer Zeit stattfinden.
Irgendwann könnte der Punkt erreicht sein, an dem Menschen nicht mehr vollständig nachvollziehen können, was das System verändert und warum.
Genau davor fürchten sich einige Forscher.
„Bewegen wir uns zu schnell?“
Auch innerhalb von OpenAI wird diese Frage inzwischen öffentlich gestellt.
Aidan Clark, Vice President of Research bei OpenAI, schrieb nach Angaben des CNN-Berichts auf X, er frage sich erstmals selbst, ob die Entwicklung möglicherweise zu schnell voranschreite.
Er sei sich darüber nicht sicher.
Sicher sei er sich jedoch, dass die Branche eine Antwort auf eine entscheidende Frage brauche:
Wie würde eigentlich ein erfolgreiches und verantwortbares Entwicklungstempo aussehen?
Diese Frage klingt zunächst unspektakulär.
Tatsächlich berührt sie eines der größten Probleme der gegenwärtigen KI-Entwicklung.
Denn die führenden Unternehmen befinden sich in einem Wettbewerb.
Wer langsamer entwickelt, riskiert, technologisch zurückzufallen.
Wer schneller entwickelt, könnte dagegen Sicherheitsrisiken eingehen.
Das Gefangenendilemma der KI-Industrie
Damit entsteht ein klassisches Dilemma.
Vielleicht glaubt ein Unternehmen tatsächlich, dass eine langsamere Entwicklung sicherer wäre.
Doch was passiert, wenn der Konkurrent nicht langsamer wird?
Was passiert, wenn OpenAI bremst, Anthropic aber nicht?
Oder Anthropic bremst und Google weitermacht?
Und was passiert, wenn amerikanische Unternehmen langsamer werden, während chinesische Entwickler weiter beschleunigen?
Plötzlich lautet die Argumentation:
Wir müssen weitermachen, weil es sonst jemand anderes tut.
Ein ehemaliger Forscher verglich die Atmosphäre in führenden KI-Laboren deshalb mit dem Manhattan-Projekt während des Zweiten Weltkriegs.
Damals arbeiteten Wissenschaftler an der Entwicklung der ersten Atombombe.
Viele verstanden das enorme Zerstörungspotenzial ihrer Arbeit.
Gleichzeitig entstand die Überzeugung, die Technologie selbst entwickeln zu müssen, bevor ein Gegner es tut.
Eine ähnliche moralische Rechtfertigung scheint es heute teilweise in der KI-Branche zu geben:
Wenn diese Technologie ohnehin entwickelt wird, dann ist es besser, wenn wir sie entwickeln als jemand, dem wir weniger vertrauen.
„Ich würde meine Unternehmensanteile sofort verbrennen“
Für viele KI-Forscher entsteht daraus ein persönliches Dilemma.
Bleiben sie in den großen Unternehmen, verdienen sie teilweise sehr viel Geld und können versuchen, Sicherheitsfragen von innen zu beeinflussen.
Verlassen sie das Unternehmen, verlieren sie möglicherweise genau diesen Einfluss.
Dafür können sie öffentlich sprechen oder sich unabhängigen Organisationen anschließen, die KI-Systeme untersuchen und bewerten.
Wie ernst einige Beschäftigte die Situation offenbar nehmen, zeigt eine Äußerung von Drake Thomas, der bei Anthropic im Bereich KI-Sicherheit arbeitet.
Er erklärte sinngemäß, er würde seine Unternehmensbeteiligungen sofort aufgeben, wenn dadurch die Chance auf einen sicheren Ausgang der KI-Entwicklung auch nur geringfügig steigen würde.
Seine Botschaft war eindeutig:
Die Angst sei keine ausgeklügelte Marketingstrategie.
Die Menschen seien tatsächlich besorgt.
Auch Anthropic-Chef Dario Amodei distanzierte sich nicht grundsätzlich von Coxons Warnungen.
Er erklärte gegenüber CNN, dass er mit Coxon in wesentlich mehr Punkten übereinstimme, als dass er ihm widerspreche.
Noch können die Entwickler widersprechen
Ein besonders interessanter Aspekt des CNN-Berichts betrifft jedoch nicht unmittelbar die Gefahr für die gesamte Menschheit.
Es geht um die Macht der KI-Forscher selbst.
Über Jahre gehörten Spitzenforscher und KI-Ingenieure zu den begehrtesten Fachkräften der Technologiebranche.
Unternehmen boten ihnen enorme Gehälter und Beteiligungen.
Wer zu einer kleinen Gruppe von Menschen gehört, die eine Schlüsseltechnologie entwickeln können, besitzt Verhandlungsmacht.
Diese Menschen können Bedingungen stellen.
Sie können intern widersprechen.
Sie können öffentlich Kritik äußern.
Und sie können im Zweifel kündigen und zu einem Konkurrenten wechseln.
Doch genau diese Macht könnte verschwinden.
Was passiert, wenn die KI ihre eigenen Entwickler ersetzt?
Ein ehemaliger Forscher eines führenden KI-Unternehmens brachte das Problem auf den Punkt.
Sobald KI-Systeme in eine Phase rekursiver Selbstverbesserung eintreten, könnte die Verhandlungsmacht menschlicher Mitarbeiter erheblich sinken.
Der Grund ist fast schon ironisch:
Die Entwickler könnten durch ihre eigene Technologie ersetzbar werden.
Wenn ein KI-Modell irgendwann Software genauso gut oder besser programmiert als ein menschlicher KI-Ingenieur, braucht das Unternehmen weniger menschliche Entwickler.
Wenn KI selbst neue Trainingsmethoden entwerfen kann, werden weniger Forscher benötigt.
Wenn KI ihre eigenen Fehler analysieren und Verbesserungen entwickeln kann, verliert der Mensch möglicherweise seine zentrale Rolle im Entwicklungsprozess.
Damit entsteht eine paradoxe Situation.
Ausgerechnet die Menschen, die heute noch darüber diskutieren können, ob KI langsamer oder sicherer entwickelt werden sollte, könnten morgen nicht mehr genügend Einfluss besitzen, um diese Diskussion durchzusetzen.
Deshalb wollen einige von ihnen offenbar jetzt sprechen.
Solange sie noch gebraucht werden.
Der Wettlauf könnte seine eigenen Kontrolleure abschaffen
Genau darin steckt möglicherweise eine der interessantesten Warnungen des gesamten Berichts.
Die KI-Industrie könnte nicht nur eine Technologie entwickeln, die andere Berufsgruppen ersetzt.
Sie könnte irgendwann auch diejenigen ersetzen, die sie kontrollieren und entwickeln.
Heute besitzt ein hochqualifizierter KI-Forscher enorme Macht, weil sein Wissen knapp ist.
Morgen könnte dieses Wissen teilweise in den Modellen selbst stecken.
Dann verändert sich das Machtverhältnis.
Der Mensch entwickelt die Maschine.
Die Maschine hilft dem Menschen anschließend, eine bessere Maschine zu entwickeln.
Irgendwann entwickelt die Maschine möglicherweise selbst ihre Nachfolger.
Und an diesem Punkt stellt sich eine Frage, die weit über Arbeitsplätze hinausgeht:
Wer kontrolliert dann eigentlich noch wen?
Die Branche reagiert
Die öffentliche Debatte hat inzwischen offenbar auch die Führungsetagen erreicht.
Dutzende Beschäftigte der KI-Branche unterstützten Coxons Aussagen öffentlich.
Teilweise gingen ihre Warnungen noch weiter.
Nach Darstellung von CNN reagierten schließlich auch führende Köpfe der Branche.
Anthropic-Chef Dario Amodei gab Interviews.
OpenAI-Chef Sam Altman und Elon Musk, der hinter xAI steht, erklärten sich laut CNN mit einem Vorschlag Amodeis einverstanden, unabhängige Beobachter beziehungsweise Kontrollinstanzen innerhalb der KI-Unternehmen einzusetzen.
Das wäre zumindest ein Versuch, Kontrolle nicht ausschließlich den Unternehmen selbst zu überlassen.
Ob solche Kontrollmechanismen ausreichend wären, ist eine andere Frage.
Nicht alle teilen die Weltuntergangsszenarien
Allerdings gibt es innerhalb der KI-Branche keineswegs Einigkeit.
Einige Fachleute halten die extremsten Befürchtungen für überzogen.
Sie weisen darauf hin, dass die öffentliche Diskussion stark davon abhängt, welche Personen man befragt und in welchem Unternehmen sie arbeiten.
Anthropic beispielsweise wurde von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründet, die Sicherheitsfragen und ethische Schutzmechanismen besonders stark gewichten wollten.
Aktuelle und ehemalige Anthropic-Mitarbeiter berichten deshalb, dass existenzielle Risiken künstlicher Intelligenz dort ständig diskutiert würden.
Auch von Mitarbeitern bei OpenAI und Google kamen nach Coxons viel beachteten Beiträgen zahlreiche zustimmende Stimmen.
Von Beschäftigten bei xAI oder Meta waren vergleichbare öffentliche Äußerungen dem Bericht zufolge offenbar seltener zu hören.
Zwischen realen Risiken und Weltuntergang
Auch Kritiker der besonders düsteren Szenarien bestreiten nicht unbedingt, dass künstliche Intelligenz erhebliche Gefahren verursachen kann.
Ein Beispiel sind autonome Cyberangriffe.
Wenn KI-Agenten selbstständig Schwachstellen suchen, Systeme kompromittieren und ihre Vorgehensweise anpassen können, entstehen sehr reale Sicherheitsprobleme.
Kritische Infrastruktur könnte betroffen sein.
Unternehmen könnten angegriffen werden.
Staatliche Systeme könnten zum Ziel werden.
Doch daraus folgt nicht automatisch, dass künstliche Intelligenz zwangsläufig die Menschheit auslöschen wird.
Genau auf diese Differenzierung weisen Kritiker der Untergangsszenarien hin.
Clement Delangue, Chef des KI-Unternehmens Hugging Face, warnte beispielsweise davor, einzelnen KI-Entwicklern automatisch umfassende Expertise für sämtliche langfristigen Existenzrisiken zuzuschreiben.
Sein Argument:
Technische Erfahrung mit KI ist wichtig.
Aber die Frage nach einem möglichen Aussterben der Menschheit umfasst weit mehr Disziplinen als Softwareentwicklung.
Vielleicht ist gerade die Unsicherheit das Problem
Damit bleibt ein bemerkenswertes Bild zurück.
Die führenden Experten der Branche sind sich nicht einig.
Einige halten katastrophale Entwicklungen für ernst zu nehmende Möglichkeiten.
Andere betrachten solche Szenarien als übertrieben.
Und wieder andere sagen:
Wir wissen es schlicht nicht.
Vielleicht ist genau das der beunruhigendste Punkt.
Denn normalerweise erwartet man von den Entwicklern einer Technologie, dass sie zumindest ungefähr wissen, wohin die Reise führt.
Bei künstlicher Intelligenz scheint das zunehmend schwieriger zu werden.
Die Systeme werden leistungsfähiger.
Sie werden autonomer.
Sie lösen komplexere Aufgaben.
Gleichzeitig wird immer schwieriger vorherzusagen, welche Fähigkeiten mit der nächsten Generation entstehen.
Die philosophische Frage hinter der technischen Debatte
Vielleicht liegt hinter dieser Diskussion deshalb eine noch viel grundsätzlichere Frage.
Die Menschheit hat Maschinen bisher vor allem gebaut, um ihre eigenen Fähigkeiten zu erweitern.
Das Rad war schneller als unsere Beine.
Der Bagger stärker als unsere Arme.
Der Taschenrechner schneller beim Rechnen.
Der Computer besser beim Speichern.
Doch künstliche Intelligenz berührt erstmals in großem Umfang etwas, das wir lange als besonderen Kern des Menschen betrachtet haben:
Denken.
Probleme lösen.
Planen.
Schreiben.
Programmieren.
Analysieren.
Strategien entwickeln.
Neue Ideen kombinieren.
Und möglicherweise irgendwann sogar die Verbesserung der Maschine selbst.
Wenn eine Maschine beginnt, an der Weiterentwicklung ihrer eigenen Intelligenz mitzuwirken, verändert sich deshalb mehr als nur eine Technologie.
Es verändert sich das Verhältnis zwischen Werkzeug und Erfinder.
Die Entwickler stehen vor ihrem eigenen Frankenstein-Moment
Mary Shelleys Frankenstein erschien vor mehr als 200 Jahren.
Die Geschichte handelt im Kern nicht einfach von einem Monster.
Sie handelt von einem Menschen, der etwas erschafft, dessen Folgen er anschließend nicht mehr vollständig kontrollieren kann.
Vielleicht fasziniert uns diese Geschichte deshalb bis heute.
Denn sie beschreibt eine uralte menschliche Angst:
Was geschieht, wenn unsere Schöpfung mächtiger wird als ihr Schöpfer?
Lange war diese Frage Literatur.
Dann Science-Fiction.
Heute diskutieren hochbezahlte Forscher im Silicon Valley ernsthaft darüber.
Das bedeutet nicht, dass ihre schlimmsten Befürchtungen eintreten werden.
Aber allein die Tatsache, dass Menschen, die diese Systeme aus nächster Nähe kennen, öffentlich über solche Risiken sprechen, verdient Aufmerksamkeit.
Noch haben wir die Wahl
Vielleicht ist die wichtigste Botschaft deshalb nicht, dass künstliche Intelligenz zwangsläufig gefährlich wird.
Die wichtigere Botschaft könnte lauten:
Noch können Menschen entscheiden, wie sie diese Technologie entwickeln wollen.
Noch schreiben Menschen die Programme.
Noch betreiben Menschen die Rechenzentren.
Noch entscheiden Unternehmen über Trainingsläufe.
Noch können Staaten Regeln beschließen.
Noch können Wissenschaftler widersprechen.
Noch können Mitarbeiter kündigen.
Noch können unabhängige Kontrolleure eingesetzt werden.
Noch besitzt der Mensch den entscheidenden Hebel.
Die Sorge einiger KI-Forscher ist offenbar, dass dieses „noch“ irgendwann seine Bedeutung verlieren könnte.
Und vielleicht erklärt genau das, warum einige von ihnen gerade jetzt so laut werden.
Sie wollen sprechen, solange ihre Stimme noch Gewicht hat.
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