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521-mal Business Class – und ein Vielflieger sagt, wann sich der Luxus wirklich lohnt

Alexas_Fotos (CC0), Pixabay
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Richard Robinson zählt sein Leben nicht in Monaten oder Jahren, sondern in Flugnummern, Sitzplätzen und Zeitzonen. Seit 2010 hat der US-Amerikaner 945 Flüge absolviert, mehr als 1,58 Millionen Meilen zurückgelegt und 130 Flughäfen durchquert. 521-mal saß er dabei in der Business Class, elfmal in der internationalen First Class, einige wenige Male sogar im Privatjet. Vieles, was andere Reisende als Luxus feiern, lässt ihn inzwischen kalt. Champagner, Amenity Kits, Designerdecken? Nett, aber nebensächlich. Für ihn zählt etwas anderes: Schlaf, Platz, Luft.

Denn Robinson ist kein Flugzeugromantiker, sondern Geschäftsreisender. Wer so oft unterwegs ist wie er, lernt schnell, worauf es wirklich ankommt. Nicht das Menü entscheidet über einen guten Flug, sondern die Frage, ob sich der Sitz tatsächlich in ein brauchbares Bett verwandeln lässt. Wer nach einer Nacht über dem Pazifik direkt in ein Meeting muss, weiß, dass der Unterschied zwischen flach und fast flach enorm sein kann.

Robinson, 41, arbeitet heute als eine Art Chef-Evangelist für ein Softwareunternehmen in New York. Früher war er für S&P Global Market Intelligence unterwegs, und schon damals wurde Reisen für ihn schnell zum Dauerzustand. Erst Ostküste, dann Hongkong, London, Tokio, Singapur. Irgendwann, erzählt er, sei immer eine Tasche gepackt gewesen, weil aus einem Vormittagstermin mühelos ein Nachmittagsflug nach Asien werden konnte.

Wer so lebt, entwickelt klare Vorlieben. Robinsons oberstes Kriterium ist der Schlaf. Auf Langstrecken, vor allem bei Nachtflügen, ist für ihn ein echter Lie-Flat-Sitz nicht verhandelbar. Alles andere sei ein Fehler mit Ansage. Besonders unerquicklich blieb ihm ein Flug von Tokio nach Washington in Erinnerung, auf dem er in einem nur schräg abfallenden Pseudositz schlafen sollte. Das Resultat: 14 Stunden Mühsal, null Erholung, maximale Reue. Seitdem studiert er Sitzpläne mit fast wissenschaftlicher Genauigkeit.

Sein Blick geht dabei weit über die Frage hinaus, ob ein Sitz in der Business Class angeboten wird. Entscheidend ist die Geometrie der Kabine. Robinson bevorzugt Konfigurationen im 1-2-1-Layout, also solche, bei denen jeder Passagier direkten Zugang zum Gang hat. Das schafft Privatsphäre, Bewegungsfreiheit und vor allem das gute Gefühl, nicht über fremde Beine klettern zu müssen. Enge Konstruktionen, bei denen man dem Nachbarn beinahe auf dem Schoß sitzt, meidet er konsequent.

Einige Kabinen haben es ihm besonders angetan, andere sind für ihn fast schon persönliche Feindbilder. Früher ärgerte er sich über bestimmte ANA-Sitze, die nicht wirklich flach waren. Heute lobt er dort „The Room“, einen besonders breiten, vollständig flachen Sitz mit Tür. Auch Singapore Airlines gehört zu seinen Favoriten. Nicht nur wegen des Komforts, sondern auch wegen des Essens. Während viele Airlines kulinarisch bei „Rind, Huhn oder Pasta“ stehen bleiben, bestellt Robinson dort schon mal Hummer Thermidor vor – und war offenbar beeindruckt, dass man selbst in 10.000 Metern Höhe etwas servieren kann, das nicht nach Kompromiss schmeckt.

Doch nicht nur Sitz und Essen spielen für ihn eine Rolle. Auch Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Lärmpegel sind für Robinson zentrale Faktoren. Viele ältere Boeing-777-Maschinen mag er nicht besonders, weil dort oft persönliche Luftdüsen fehlen und die Kabine ihm zu warm erscheint. Lieber fliegt er mit Airbus A350 oder Boeing 787. Diese Maschinen sind aus Verbundmaterial gebaut, was meist für etwas höhere Luftfeuchtigkeit, weniger Austrocknung und eine spürbar leisere Kabine sorgt. Für Vielflieger ist das kein Detail, sondern Teil der Überlebensstrategie.

Trotz seiner Routine ist Robinson keineswegs jemand, der reflexartig immer zur teuersten Klasse rät. Im Gegenteil. Gerade bei der Frage, wann Business Class ihr Geld wirklich wert ist, bleibt er überraschend nüchtern. Für berufliche Langstrecken hält er den Aufpreis meist für gerechtfertigt – dann nämlich, wenn man nach der Landung sofort funktionieren muss. Wer morgens in Frankfurt aussteigt und mittags schon verhandeln, präsentieren oder Entscheidungen treffen soll, profitiert real davon, ein paar Stunden geschlafen zu haben.

Anders sieht es für Freizeitreisende aus. Robinson nennt das klassische Beispiel: New York nach Tokio. Economy für 2700 Dollar, Business für 5700 Dollar. Die Differenz von rund 3000 Dollar könne auch mehrere zusätzliche Hotelnächte finanzieren. Seine Frage lautet deshalb nicht: Wie luxuriös will man fliegen? Sondern: Wofür ist das Geld besser eingesetzt – für einen bequemeren Flug oder für mehr Zeit und Erholung am Zielort? Wer flexibel reisen kann, fährt womöglich besser damit, einen Tag früher anzukommen und sich in einem guten Hotel an die neue Zeitzone zu gewöhnen, statt das Doppelte für ein paar Stunden mehr Komfort in der Luft auszugeben.

Noch skeptischer ist Robinson bei First Class. Er ist sie zwar mehrfach geflogen, erkennt auch ihre Vorzüge an – breitere Sitze, mehr Privatsphäre, mehr Platz. Aber den oft drastischen Aufpreis hält er in den meisten Fällen für kaum zu rechtfertigen. Noch einmal 3000 Dollar mehr? Oder auf manchen Golf-Airlines sogar 10.000? Für ihn ist das schwer vermittelbar. Ein fliegendes Wohnzimmer, ein separates Schlafzimmer, eine Dusche an Bord – alles interessant, aber eben auch ein bisschen absurd. Schließlich wolle man reisen, nicht einziehen.

Besonders gnadenlos fällt sein Urteil über regionale Business Class aus, vor allem in Europa und auf vielen US-Inlandsflügen. Dort, sagt er, werde oft ein großer Name für ein sehr kleines Upgrade verkauft. In Europa bestehe „Business Class“ mitunter nur darin, dass der Mittelsitz frei bleibt, während man ansonsten in einer besseren Economy-Kulisse sitze. Wer dafür 150 Euro extra zahlt, kauft im schlimmsten Fall vor allem das gute Gefühl, nicht zufällig neben jemandem zu landen.

Trotzdem könne selbst das sinnvoll sein – etwa für größere oder breiter gebaute Reisende, Schwangere, Menschen mit Verletzungen oder alle, die schlicht mehr Platz brauchen. Robinson sagt offen, dass er als kräftiger gebauter Mann den zusätzlichen Raum schätzt, weil er sonst ständig mit dem Sitznachbarn kollidiert. Kleinere Passagiere dagegen könnten manchmal mit einem gut gewählten Exit-Seat in der Economy ähnlich gut fahren – deutlich billiger inklusive.

Wer Business Class buchen will, sollte nach Robinsons Erfahrung vor allem eines tun: recherchieren. Nicht jede Business Class ist gut, und nicht jedes Flugzeug hält, was der Preis verspricht. Sitzplan, Flugzeugtyp, genaue Kabinenversion – all das entscheidet. Bei ANA etwa erkennt Robinson an der Zahl der Business-Reihen, ob ihn ein echter Lie-Flat-Sitz oder ein veraltetes Produkt erwartet. So detailliert denkt nur jemand, der oft genug auf die falsche Weise enttäuscht wurde.

Auch beim Buchen mit Meilen geht Robinson strategisch vor. Er reserviert früh, beobachtet später bessere Verfügbarkeiten und nutzt Programme, bei denen sich Prämienflüge ohne Strafgebühren wieder stornieren lassen. Punkte löst er am liebsten direkt in Airline-Programmen ein, statt sie über Kreditkartenportale in Geldwerte umzuwandeln. Das sei komplizierter, aber meist deutlich lohnender.

Nach 521 Business-Class-Flügen ist Robinson also weder zynisch geworden noch verklärt. Er hat nur gelernt, Luxus auseinanderzunehmen. Für ihn ist Business Class kein Statussymbol mehr, sondern ein Werkzeug. Sie lohnt sich, wenn man Schlaf braucht, Leistung abrufen muss oder körperlich mehr Raum benötigt. Sie lohnt sich nicht, wenn sie nur Etikett ohne echten Mehrwert ist – oder wenn das Geld am Reiseziel sinnvoller eingesetzt wäre.

Am Ende bleibt von seiner Erfahrung eine erstaunlich unsentimentale Erkenntnis: Die beste Reiseentscheidung ist nicht immer die bequemste in der Luft. Manchmal ist es klüger, enger zu sitzen – und dafür länger anzukommen.

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