Leipzig bereitet sich auf eine Naturgewalt vor, die selbst erfahrene Festivalbesucher nervös macht:
18.000 englische Fußballfans.
Noch gehört die Stadt den schwarz gekleideten Besuchern des Wave-Gotik-Treffens, die schweigend durch die Innenstadt ziehen und aussehen, als hätte Tim Burton einen Betriebsausflug organisiert. Doch in wenigen Tagen verändert sich das Stadtbild radikal.
Dann übernehmen Männer in Trikots, Sonnenbrand und Bierlaune die Kontrolle über Sachsen.
Der Flughafen erlebt seine persönliche Brexit-Krise
Besonders hart trifft es den Flughafen Leipzig/Halle.
Dort versucht man derzeit, innerhalb weniger Stunden eine Menge britischer Fans abzufertigen, die ungefähr dem jährlichen Bierverbrauch einer mittleren Kleinstadt entspricht.
Der Flughafen erklärt diplomatisch, die Herausforderung liege weniger an der Infrastruktur als an den „zeitlich stark verdichteten Zusatzverkehren“.
Übersetzt bedeutet das:
„Es landen plötzlich sehr viele Engländer gleichzeitig.“
Deshalb werden Maschinen inzwischen nach Dresden, Berlin und andere Flughäfen umgeleitet. Ganz Deutschland beteiligt sich also solidarisch an der internationalen Aufgabe, britische Fußballtouristen zu verteilen.
Leipzig rüstet auf – mit Bier
Die eigentliche Sicherheitsfrage lautet ohnehin nicht:
„Bleibt alles friedlich?“
Sondern:
„Reichen die Getränkevorräte?“
Denn englische Fußballfans gelten international ungefähr als das, was Meteorologen ein „aktives Wettersystem“ nennen würden.
Besonders vorbereitet zeigt sich deshalb der Wilhelm-Leuschner-Platz. Dort sollten ursprünglich zwei Getränkewagen stehen. Inzwischen wurden daraus fünf.
22.500 Liter Bier warten nun auf die Fans von Crystal Palace.
Das klingt weniger nach Sportveranstaltung und mehr nach humanitärer Großversorgung.
Deutschland begegnet England wie immer pragmatisch
Die deutsche Organisation beeindruckt dabei erneut.
Während andere Länder vielleicht zusätzliche Polizeikräfte schicken würden, reagiert Deutschland traditionell effizient:
mit Schankwagen.
Das Sicherheitskonzept basiert offenbar auf der uralten Erkenntnis:
Ein beschäftigter Fußballfan ist meistens ein friedlicher Fußballfan.
Die Engländer kommen – aber bitte geordnet
Interessant ist außerdem:
Einen klassischen Fanmarsch wird es diesmal nicht geben.
Die Verantwortlichen von Crystal Palace lehnten das offenbar ab. Vermutlich aus Sorge, dass 18.000 singende Engländer auf dem Weg zum Stadion versehentlich die Leipziger Innenstadt übernehmen und sich anschließend demokratisch zum Stadtrat erklären.
Stattdessen sollen die Fans „individuell“ zum Stadion gehen.
Das ist eine sehr optimistische Formulierung für:
„Wir hoffen einfach, dass alle ungefähr dieselbe Richtung einschlagen.“
Leipzig zwischen Gothics und Fußballfans
Besonders faszinierend bleibt der kulturelle Kontrast.
Auf der einen Seite:
Menschen in schwarzen Samtumhängen, die melancholisch mittelalterliche Musik hören.
Auf der anderen:
Engländer in Trikots, die bereits morgens um elf „Football’s coming home“ grölen und sich gegenseitig Bier über den Kopf schütten.
Leipzig erlebt damit innerhalb weniger Tage die vermutlich seltsamste kulturelle Mischung Europas.
Die Stadt bereitet sich innerlich vor
In Restaurants, Bars und Supermärkten herrscht inzwischen höchste Alarmbereitschaft.
Kellner lernen vorsorglich die wichtigsten englischen Sätze:
„Last order.“
„No, you cannot climb there.“
Und:
„Please stop singing on the table.“
Währenddessen prüfen Leipziger Bürger nervös ihre Heimwege und fragen sich, ob man Mittwochabend vielleicht doch besser zuhause bleibt.
Die Polizei beobachtet alles sehr aufmerksam
Offiziell rechnen die Behörden mit einer friedlichen Atmosphäre.
Die Polizei „hat die Lage im Blick“, was in Deutschland traditionell bedeutet:
Man ist vorsichtig optimistisch und hofft gleichzeitig, dass niemand versucht, einen E-Scooter als Trommelinstrument zu benutzen.
Das eigentliche Finale beginnt längst vorher
Das Fußballspiel selbst wirkt inzwischen fast nebensächlich.
Das wahre Spektakel findet ohnehin schon vorher statt:
am Flughafen,
an Bierständen,
in Kneipen
und in Leipziger Straßenbahnen, die plötzlich aussehen wie mobile Premier-League-Fankurven.
Leipzig erlebt also wieder einmal ein internationales Großereignis.
Und ganz Deutschland schaut gespannt zu, wie lange 22.500 Liter Bier tatsächlich reichen.
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