Deutschland diskutiert seit Jahren über Reformen. Rentenreform, Bildungsreform, Verwaltungsreform, Steuerreform, Energiewende, Digitalisierung, Arbeitsmarkt, Infrastruktur. Das ganze Land lebt inzwischen praktisch in einer Dauer-Talkshow darüber, was „dringend passieren muss“.
Nur passieren darf bitte nichts.
Denn sobald irgendwo tatsächlich eine Veränderung konkret wird, verwandelt sich die Nation schlagartig in eine Mischung aus empörtem Stammtisch, wütender Facebook-Kommentarspalte und hochsensibler Besitzstandsschutzgemeinschaft.
Will man Bürokratie abbauen?
„Aber nicht bei meiner Behörde!“
Will man das Rentensystem reformieren?
„Ich habe aber 1987 schon eingezahlt!“
Will man Infrastruktur bauen?
„Ja, grundsätzlich schon – aber bitte nicht in Sichtweite meines Reihenhauses.“
Windräder? Zu laut.
Stromtrassen? Zu hässlich.
Wohnungsbau? Zu dicht.
Digitalisierung? Zu kompliziert.
Arbeitsmarktreformen? Zu unsozial.
Steuersenkungen? Zu teuer.
Sparen? Unmenschlich.
Investieren? Riskant.
Deutschland ist das einzige Land der Welt, das gleichzeitig Angst vor Reformen, vor Veränderungen und vor Stillstand hat – und sich dann wundert, warum nichts vorangeht.
Die Wahrheit ist doch: Dieses Land ist längst zu einer gigantischen Komfortzone geworden. Millionen Menschen verteidigen ihren aktuellen Zustand mit einer Leidenschaft, die man sonst nur von Fußball-Ultras kennt.
Besitzstandswahrung ist längst Volkssport.
Der deutsche Durchschnittsbürger möchte:
- sichere Rente,
- niedrige Steuern,
- perfekte Infrastruktur,
- billige Energie,
- funktionierende Bahn,
- starke Wirtschaft,
- soziale Sicherheit,
- keine Veränderungen,
- und möglichst vier Tage Homeoffice bei vollem Lohnausgleich.
Und wenn das mathematisch nicht aufgeht, wird eben „die Politik“ beschimpft.
Überhaupt dieses ewige deutsche Maulen:
Deutschland ist wirtschaftlich immer noch eines der reichsten Länder der Erde – aber der durchschnittliche öffentliche Grundton klingt oft, als würden wir seit acht Jahren in einer postapokalyptischen Endzeitlandschaft zwischen Schlaglöchern und Dosenravioli leben.
Die Bahn kommt zu spät?
Staatskrise.
Eine Wärmepumpe kostet Geld?
Systemversagen.
Das Faxgerät verschwindet aus dem Amt?
Kultureller Zusammenbruch.
Und gleichzeitig soll natürlich bitte alles exakt so bleiben wie 1998 – nur moderner, billiger und klimaneutral.
Das eigentliche Problem Deutschlands ist nicht fehlendes Geld. Nicht einmal fehlende Ideen. Sondern eine Gesellschaft, die jede Veränderung reflexartig erst einmal als persönlichen Angriff empfindet.
Reformen bedeuten immer:
Jemand verliert Gewohnheiten.
Jemand muss sich umstellen.
Jemand bekommt weniger Sonderrechte.
Jemand muss sich bewegen.
Genau daran scheitert Deutschland inzwischen regelmäßig.
Denn dieses Land liebt Debatten über Zukunft – aber hasst jede konkrete Konsequenz daraus.
Also macht man weiter wie bisher:
- kaputte Infrastruktur verwalten,
- demografische Probleme vertagen,
- Sozialsysteme mathematisch ignorieren,
- Digitalisierung verschlafen,
- Wirtschaftswachstum zerreden,
- und dabei möglichst laut jammern.
Vielleicht ist das inzwischen sogar das eigentliche deutsche Geschäftsmodell:
Nicht lösen. Sondern beklagen.
Denn solange alles langsam vor sich hin bröckelt, kann man sich wenigstens moralisch überlegen fühlen und jeden Abend sagen:
„Früher war das alles besser.“
Und genau deshalb fährt dieses Land viele Probleme lieber kontrolliert gegen die Wand, anstatt sich ehrlich zu verändern.
Denn der Deutsche verzichtet auf vieles.
Aber niemals freiwillig auf sein gutes altes Gewohnheitsrecht zum Dauerjammern.
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