Deutschland kann jetzt offenbar auch ballistisch. In der Nacht wurde im Nordatlantik erstmals eine Rakete vom Typ LORA getestet – hergestellt von Israel Aerospace Industries und mit einer Reichweite von bis zu 500 Kilometern.
Der Test verlief nach Angaben des Verteidigungsministeriums erfolgreich. Marineinspekteur Jan Christian Kaack sprach von einem neuen Kapitel bei Abschreckung und Verteidigungsbereitschaft.
Oder anders gesagt: Deutschland hat jetzt nicht nur neue Kapitel, sondern möglicherweise bald auch deutlich längere Reichweiten.
500 Kilometer Reichweite – für deutsche Verhältnisse fast schon Fernverkehr
Die LORA-Rakete kann Ziele in bis zu 500 Kilometern Entfernung erreichen.
Damit stellt sich natürlich sofort die Frage, ob die Bundeswehr künftig auch eine App braucht:
„Ihr Ziel liegt 487 Kilometer entfernt. Möchten Sie die Route starten?“
Bisher war Deutschland militärisch eher für Dinge bekannt, die nach Beschaffungsvorhaben, Nachbestellung, Ersatzteilmangel oder Untersuchungsausschuss klangen. Nun also eine ballistische Rakete.
Das ist zumindest technisch ein deutlicher Sprung.
Im Verteidigungsministerium dürfte jemand vorsichtig formulieren:
„Sehr schön. Jetzt bitte noch prüfen, ob wir auch genug davon bestellen dürfen, bevor der Haushalt merkt, was passiert.“
Noch ist nichts gekauft
Wichtig ist: Der erfolgreiche Test bedeutet noch nicht automatisch, dass Deutschland die Rakete tatsächlich beschafft.
Aber sollte Berlin sich dafür entscheiden, wäre LORA die erste ballistische Rakete der Bundeswehr.
Deutschland hätte dann offiziell eine neue Kategorie im Arsenal.
Neben:
Panzer.
Flugzeuge.
Schiffe.
Drohnen.
Und Dingen, bei denen man in parlamentarischen Unterlagen vorsichtshalber „Fähigkeitsaufwuchs“ schreibt.
Abschreckung bekommt ein Softwareupdate
Marineinspekteur Kaack bezeichnete den Test als wichtigen Schritt für den Schutz Deutschlands und seiner Verbündeten.
Das Wort „Abschreckung“ erlebt ohnehin gerade eine bemerkenswerte Renaissance.
Früher klang es nach Kaltem Krieg, Betonbunkern und Schwarz-Weiß-Fernsehen.
Heute klingt es nach:
„Wir bestellen davon vielleicht 40 Stück, aber zunächst brauchen wir eine Machbarkeitsstudie.“
Seit Russlands Angriff auf die Ukraine bemühen sich Deutschland und andere westliche Staaten verstärkt um Langstreckenwaffen.
Militärisch folgt dahinter eine recht klare Logik: Wer einen Gegner davon abhalten will, bestimmte Ziele anzugreifen, möchte im Zweifel selbst Ziele in größerer Entfernung erreichen können.
Politisch klingt das etwas eleganter:
„Stärkung der strategischen Handlungsfähigkeit.“
Das ist die Formulierung, bei der niemand im Ministerium „Raketen bis 500 Kilometer“ in die Überschrift schreiben muss.
Test im Nordatlantik – Nachbarn können also beruhigt bleiben
Getestet wurde sinnvollerweise im Nordatlantik.
Das hat mehrere Vorteile.
Viel Platz.
Wenig Verkehr.
Und vor allem muss niemand in Niedersachsen morgens aus dem Fenster schauen und feststellen:
„Helga, ich glaube, die Bundeswehr testet wieder.“
Der Test sei erfolgreich gewesen.
Was bei Raketentests übrigens eine dieser Nachrichten ist, bei denen man sich über Erfolg freut und gleichzeitig froh ist, dass man nicht genauer erfahren musste, wie ein Misserfolg ausgesehen hätte.
Deutschland rüstet auf – diesmal mit Reichweite
Hinter der satirischen Oberfläche steckt allerdings ein ernster Wandel.
Deutschland investiert erheblich in militärische Fähigkeiten, die vor wenigen Jahren politisch kaum diskutiert worden wären. Langstreckenwaffen gehören inzwischen ausdrücklich dazu.
Der russische Angriff auf die Ukraine hat die europäische Sicherheitsordnung grundlegend verändert. Die Bundeswehr soll deshalb nicht nur verteidigen können, was unmittelbar vor ihr steht, sondern potenzielle Angreifer bereits durch entsprechende Fähigkeiten abschrecken.
LORA könnte Teil dieses Konzepts werden.
Ob sie tatsächlich beschafft wird, ist noch offen.
Aber der erste Test ist erledigt.
Und Deutschland hat damit zumindest bewiesen:
Wenn es darauf ankommt, bekommt die Bundeswehr etwas tatsächlich 500 Kilometer weit.
Jetzt muss nur noch verhindert werden, dass das dazugehörige Beschaffungsverfahren dieselbe Strecke in Aktenordnern zurücklegt.
Kommentar hinterlassen