Für die 19-jährige Ma Naw Phaw klang es wie die Chance ihres Lebens. Nach der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Myanmar sollte ein Ausbildungsplatz in Finnland den Weg in eine sichere Zukunft eröffnen. Stattdessen verlor ihre Familie ihr Erspartes – und sie selbst ihren Glauben an ein besseres Leben.
Finnische Behörden untersuchen derzeit die Aktivitäten einer Bildungsagentur, die zwischen 2022 und 2025 rund 350 junge Menschen aus Myanmar für Berufsbildungsprogramme in Finnland angeworben haben soll. Der Verdacht: Die Organisation kassierte hohe Summen für Sprachkurse, Visa-Anträge und Schulplätze, ohne die versprochenen Leistungen zu erbringen.
Ma Naw Phaw lebte nach ihrer Flucht aus Myanmar in der thailändischen Grenzstadt Mae Sot. Wie viele junge Menschen ihrer Generation verlor sie nach dem Militärputsch 2021 praktisch den Zugang zu einer regulären Schulbildung. Als sie von der Möglichkeit hörte, in Finnland eine Ausbildung zu absolvieren, schien sich eine Tür zu öffnen.
Rund 10.000 Euro zahlte ihre Familie an die Vermittlungsagentur Brighter Future Way (BFW). Dafür sollten Sprachunterricht, Bewerbungen für eine Krankenpflegeausbildung sowie die Beantragung einer Aufenthaltsgenehmigung organisiert werden. Um das Geld aufzubringen, verkaufte ihre Mutter sogar Landbesitz.
Doch die Hoffnung zerplatzte. Der Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung wurde abgelehnt. Als Ma Naw Phaw ihr Geld zurückfordern wollte, war die Agentur nicht mehr erreichbar. Kurz darauf wurde bekannt, dass der Gründer der Organisation, Min Min Soe Shwe, in Finnland festgenommen worden war.
Nach Angaben der finnischen Grenzschutzbehörden wird in einem groß angelegten Verfahren wegen möglicher schwerer Erpressung und finanzieller Ausbeutung ermittelt. Zahlreiche Betroffene sollen hohe Schulden aufgenommen haben, um die Gebühren bezahlen zu können.
Besonders bitter: Viele der jungen Menschen sahen in Finnland einen Ausweg aus Krieg, Armut und Perspektivlosigkeit. Das nordische Land galt für sie als Ort von Bildung, Sicherheit und wirtschaftlichen Chancen. Die Agentur warb mit einfachen Visa-Verfahren, hochwertiger Ausbildung und guten Arbeitsmöglichkeiten.
Statt professionellen Unterrichts fanden manche Teilnehmer jedoch Klassenräume ohne Lehrer vor. Mehrere Betroffene berichten, dass sie sich die finnische Sprache weitgehend gegenseitig beibringen mussten. Gleichzeitig wurden immer neue Gebühren verlangt.
Auch der 21-jährige Ko Myint gehört zu den Geschädigten. Seine Eltern lösten ihre Ersparnisse auf und verschuldeten sich zusätzlich, um seinem Traum von einer Ausbildung in Europa eine Chance zu geben. Obwohl er einen Ausbildungsplatz in Aussicht hatte, scheiterte das Vorhaben. Heute arbeitet er wieder in einer Fabrik in Thailand, um die Schulden seiner Familie abzutragen.
Finnlands Bildungsministerium zeigt sich besorgt über die Vorwürfe. Künftig sollen internationale Bewerber sich direkt bei Bildungseinrichtungen bewerben können, ohne den Umweg über Vermittlungsagenturen gehen zu müssen.
Für Ma Naw Phaw kommt diese Änderung zu spät. Sie lebt inzwischen in einer anderen Stadt in Thailand und versucht, ihr Leben neu aufzubauen. Der finanzielle Verlust belastete ihre Familie schwer. Erst nach der Verhaftung des Agenturgründers, sagt sie, habe ihre Mutter verstanden, dass sie Opfer eines Betrugs geworden seien.
Aus dem Traum vom Neuanfang in Finnland wurde für viele junge Flüchtlinge eine Geschichte von Schulden, Enttäuschung und verlorenen Hoffnungen.
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