Als Jeremiah Johnson im April in einen klapprigen Bus in den guatemaltekischen Bergen steigt, trägt er einen Blumenstrauß bei sich. Es ist ein Bild, das eher zu einem Roman passt als zur amerikanischen Einwanderungspolitik der zweiten Trump-Regierung. Doch Johnson, einst US-Einwanderungsrichter in San Francisco, ist nicht auf Urlaub. Er ist unterwegs zu einer Familie, deren Schicksal ihn nicht loslässt – Monate nachdem ihn das Justizministerium entlassen hat.
Fünf Monate nach seinem Rauswurf sitzt der 52-Jährige auf einer überfüllten Busbank, irgendwo südöstlich von Todos Santos, nahe der mexikanischen Grenze. Er hat keine Telefonnummer, keine genaue Adresse, nur einen Namen in einem Notizbuch. An seiner Seite: ein örtlicher Tierarzt, der Mam spricht, die indigene Sprache der Region. Johnson trägt Fischerhut. Und Fragen.
Fast zehn Jahre lang war Johnson Einwanderungsrichter in San Francisco, einem Gericht im liberalen 9. US-Berufungsbezirk, das in konservativen Kreisen längst als Symbol einer zu großzügigen Asylpraxis gilt. Hunderte Verfahren verhandelte er, hörte Berichte über Verfolgung, Folter, Vergewaltigung, religiösen Hass, politische Gewalt. In 89 Prozent der Fälle sprach er Asyl zu. Johnson ist überzeugt, dass genau diese Quote ihn für die Trump-Regierung zum Problem machte.
Denn während Donald Trump öffentlich mit groß angelegten Abschiebungsrazzien und verschärfter Migrationspolitik auftritt, arbeitet das Weiße Haus zugleich an einem Umbau im Hintergrund: der politischen Neuordnung der US-Einwanderungsgerichte. Seit Trumps Amtsantritt im Januar 2025 hat das Justizministerium nach Angaben der Gewerkschaft der Einwanderungsrichter mindestens 107 Richter entlassen, darunter rund zwei Dutzend allein in San Francisco. Weitere Dutzende verließen das System oder wurden ebenfalls abgesetzt. Das Ziel scheint klar: weg von einem Justizapparat, der Migranten in zu vielen Fällen Schutz gewährt.
Das Weiße Haus formulierte es Anfang April ungewöhnlich offen. Asyl werde unter Trump nur noch in sieben Prozent der Fälle gewährt, hieß es in einer Mitteilung – und: »Die Ära der Amnestie ist vorbei.« Kritiker verweisen allerdings darauf, dass in diese Statistik offenbar auch Verfahren einfließen, die schlicht eingestellt wurden, weil Antragsteller nicht erschienen. Im letzten Amtsjahr von Joe Biden lag die vergleichbare Quote inklusive solcher Fälle bei 36 Prozent.
San Francisco ist für diese Auseinandersetzung ein symbolischer Ort. Das dortige Einwanderungsgericht gehört zu den Gerichten mit den meisten Asylverfahren in den USA, nur New York und Miami liegen davor. Nun soll der Standort bis zum 1. Mai geschlossen werden. Ein Großteil der Verfahren wird in ein kleineres Gericht im Vorort Concord verlagert, etwa 50 Kilometer entfernt. Für die Trump-Regierung ist das mehr als eine organisatorische Maßnahme. Es ist ein politisches Signal.
»Die Leute verstehen nicht, dass diese Richter nicht den Schutz genießen, den normale Richter haben«, sagt der demokratische Kongressabgeordnete Mark DeSaulnier aus Kalifornien. Tatsächlich unterstehen Einwanderungsrichter in den USA nicht einer unabhängigen Justiz, sondern dem Justizministerium – also der Exekutive. Sie können eingestellt und entlassen werden wie Verwaltungsbeamte.
Johnson wurde ausgerechnet noch in Trumps erster Amtszeit von Ex-Justizminister Jeff Sessions auf den Richterstuhl berufen. Der Jurist aus New Jersey, Absolvent der University of San Francisco School of Law, hatte zuvor als Asylbeamter für die Einwanderungsbehörde gearbeitet. Sein Selbstverständnis, sagt er, sei stets von einem Satz seines Vaters geprägt gewesen: Man solle die Bedürfnisse anderer nie aus dem Blick verlieren.
Dass seine Asylquote höher lag als im Landesdurchschnitt, erklärt Johnson nicht mit politischer Haltung, sondern mit der Zusammensetzung der Fälle: mit der liberaleren Rechtsprechung des 9. Bezirks, mit einer im Vergleich hohen anwaltlichen Vertretung der Antragsteller und mit den Herkunftsländern der Schutzsuchenden. In San Francisco seien viele komplexe Verfahren gelandet, etwa von Sikhs aus dem indischen Punjab oder von indigener Bevölkerung aus Mittelamerika.
Einer dieser Fälle war der letzte, den Johnson entschied. Eine Familie aus Guatemala, Angehörige der indigenen Mam-Gemeinschaft, hatte in den USA Schutz gesucht. Ihr Schicksal war geprägt von einem Konflikt, der bis in den guatemaltekischen Bürgerkrieg zurückreicht. In ihrem Dorf, so schilderten sie es im Asylverfahren, eskalierte ein Streit um Wasser. Ein Brunnen, ursprünglich vom Großvater gebaut, wurde zum Zentrum eines tödlichen Konflikts zwischen indigenen Mam und den spanischsprachigen Ladinos der Region.
2017 wollten der Familienvater und sein Bruder Wasser aus dem Brunnen holen. Laut ihrem Asylantrag wurden sie von acht Ladino-Männern angegriffen. Der eine konnte fliehen, um Hilfe zu holen. Als er mit seiner Frau und seiner Mutter zurückkehrte, fand er seinen Bruder tot – zu Tode geprügelt. Später, als die Familie erneut versuchte, Wasser aus dem Brunnen zu holen, wurden der Mann, seine Frau und ihr kleiner Sohn erneut brutal attackiert. Verletzt und blutend seien sie zwei Stunden zur nächsten Polizeistation gelaufen, wo man sie verspottet habe, statt ihre Anzeige aufzunehmen.
Johnson hörte diese Geschichte im Gerichtssaal. Es war seine letzte Entscheidung als Richter. »Meine letzten Worte auf der Richterbank sprach ich über den Mam-Dolmetscher«, erinnert er sich. »Ihnen wurde in den Vereinigten Staaten Asyl gewährt. Diese Entscheidung ist endgültig.«
Kurz darauf kam seine Kündigung. Sie landete an dem Freitag vor Thanksgiving 2025 in seinem E-Mail-Postfach. Sein Zugang wurde so schnell gesperrt, sagt er, dass er nicht einmal Zeit hatte, das Schreiben auszudrucken.
Danach machte Johnson etwas, was kaum ein entlassener Richter tun dürfte: Er packte einen Rucksack und begann, der Migrationsroute rückwärts zu folgen. Während die Zahl der Menschen an der Grenze zuletzt sank, zog er los – nicht Richtung Norden, sondern in die andere Richtung. Im Januar traf er in Arizona humanitäre Helfer, sprach mit Ranchern, die Trump gewählt hatten, trank Kaffee mit einem pensionierten Grenzschützer und wurde schließlich auf Erdbeer-Crêpes zu ihm nach Hause eingeladen. Er machte sich Notizen. Es wirkt wie eine Mischung aus Recherche, Trauerarbeit und Gewissensprüfung.
In Guatemala führte ihn die Reise schließlich zu den Eltern des Mannes, dessen Bruder damals am Brunnen getötet worden war. Der Tierarzt fragte sich im Dorf durch, fand die Familie, klopfte an. »Sie sind zu Hause«, sagte er zu Johnson. »Sie empfangen Sie.«
Dann saß der ehemalige Richter plötzlich in einem Haus in den Bergen, reichte Blumen, erklärte, wer er war – und stellte die Frage nach dem toten Sohn. »Der Señora standen Tränen im Gesicht«, erzählt Johnson. Der Vater habe sich an die Brust gefasst. Danach wollten die beiden ihm das Grab zeigen.
Es ist eine Szene, die in ihrer stillen Wucht mehr über das amerikanische Asylsystem erzählt als jede Pressemitteilung. Auf der einen Seite eine Regierung, die mit harter Rhetorik und personellen Säuberungen demonstriert, dass Schutz für Migranten Ausnahme statt Regel sein soll. Auf der anderen Seite ein Richter, der aus dem System entfernt wurde und nun, jenseits seiner amtlichen Rolle, den Spuren eines seiner letzten Urteile folgt.
In den US-Einwanderungsgerichten stapeln sich inzwischen fast 3,8 Millionen offene Verfahren. Rund 2,4 Millionen davon sind Asylanträge. Die Überlastung ist enorm, die politische Einflussnahme offenkundig. Eine Gesetzesinitiative der demokratischen Abgeordneten Zoe Lofgren soll die Einwanderungsgerichte deshalb aus dem Justizministerium herauslösen und in ein unabhängigeres System überführen. Die Richtergewerkschaft unterstützt das Vorhaben. Ob es im derzeitigen politischen Klima eine Chance hat, ist fraglich.
Für die Trump-Regierung ist der Kurswechsel Teil einer ideologischen Mission. Stephen Miller, Trumps einflussreicher Berater für Heimatschutz und stellvertretender Stabschef, schrieb Anfang April auf X, jeder im Asylsystem wisse, dass die Anträge »alle gefälscht« seien – die Migranten, die Anwälte, die Richter, die Beamten. Es ist ein Satz, der weniger wie politische Polemik klingt als wie eine Generalanklage gegen das gesamte Schutzversprechen des US-Rechtsstaats.
Jeremiah Johnson steht dazu im scharfen Kontrast. Er ist kein Aktivist, zumindest keiner, der so auftrat. Eher ein Mann mit Aktenordnern, juristischen Standards und dem Glauben, dass ein Gericht Geschichten anhören muss, bevor es über Leben entscheidet. Nun reist er mit Blumen durch die Berge Guatemalas, um eine Familie zu besuchen, die dank seines letzten Urteils in Sicherheit lebt.
Vielleicht ist das Kitsch. Vielleicht ist es ein stiller Protest. Vielleicht auch nur der Versuch, in einer Politik der Zahlen und Quoten noch einmal einen einzelnen Menschen nicht zu vergessen.
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