Mitten in der Autometropole Phoenix im US-Bundesstaat Arizona entsteht ein ungewöhnliches Stadtquartier: Culdesac in Tempe ist das erste vollständig neu geplante, autofreie Wohnviertel der Vereinigten Staaten. Statt Straßen, Parkplätzen und Autoverkehr stehen Fußgänger, Radfahrer und öffentliche Plätze im Mittelpunkt – ein Konzept, das weltweit zunehmend Beachtung findet. Wer Culdesac betritt, fühlt sich laut vielen Bewohnern eher an ein mediterranes Dorf als an eine amerikanische Vorstadt erinnert. Schmale Gassen, weiß gestrichene Häuser, begrünte Plätze und kleine Cafés schaffen eine Atmosphäre, die an Griechenland, Italien oder Südfrankreich erinnert. Autos sind innerhalb des Viertels nicht erlaubt. Stattdessen bestimmen Spaziergänger, Radfahrer und Begegnungen das Straßenbild.
Entworfen wurde das Quartier vom Architekten Daniel Parolek, der sich bei seinen Reisen durch mediterrane Städte inspirieren ließ. Sein Ziel war es, Wohnräume zu schaffen, die sich am Menschen orientieren und nicht am Auto. Historische Städte seien über Jahrhunderte für Fußgänger entstanden – lange bevor der motorisierte Individualverkehr das Stadtbild prägte. Genau dieses Prinzip wollte er in die Gegenwart übertragen.
Dass ein solches Projekt ausgerechnet im Großraum Phoenix verwirklicht wurde, erscheint zunächst überraschend. Die Region gilt als Paradebeispiel einer autoorientierten Stadtentwicklung. Große Entfernungen und ein vergleichsweise schwach ausgebauter öffentlicher Nahverkehr machen das Auto vielerorts nahezu unverzichtbar. Umso größer war die Skepsis, ob ein autofreies Wohnviertel hier überhaupt funktionieren könne.
Das Konzept setzt deshalb auf den Grundsatz „autofrei, aber mobil“. Eine Straßenbahn verbindet Culdesac direkt mit der Innenstadt von Phoenix sowie dem Flughafen. Ergänzt wird das Angebot durch Fahrradverleih, E-Bikes, Carsharing und selbstfahrende Robotaxis. Für längere Strecken stehen gemeinschaftlich genutzte Elektroautos zur Verfügung. Gleichzeitig befinden sich Geschäfte, Restaurants, Arztpraxis, Fitnessstudio, Coworking-Bereiche und weitere Einrichtungen direkt im Quartier und sind bequem zu Fuß erreichbar.
Auch der Klimaschutz spielt eine zentrale Rolle. Nach Angaben der Vereinten Nationen kann der Umstieg vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel, Fahrrad und Fußwege die persönlichen CO₂-Emissionen erheblich senken. Nach Fertigstellung des Quartiers mit rund 760 Wohnungen und etwa 1.000 Bewohnern könnten jährlich rund 3.000 Tonnen Treibhausgase eingespart werden. Besonders bemerkenswert ist zudem das Klimakonzept der Anlage.
Da Phoenix regelmäßig Temperaturen von weit über 40 Grad Celsius erreicht, wurden zahlreiche Maßnahmen gegen die Hitze umgesetzt. Weiß gestrichene Fassaden reflektieren die Sonneneinstrahlung, eng stehende Gebäude spenden gegenseitig Schatten, schmale Fußwege fördern die Luftzirkulation und eine angepasste Begrünung verbessert das Mikroklima. Messungen der Harvard University ergaben, dass die Oberflächentemperaturen innerhalb des Quartiers um bis zu 22 Grad Celsius niedriger liegen können als auf den umliegenden Asphaltflächen. Neben den ökologischen Vorteilen soll Culdesac vor allem das Gemeinschaftsgefühl stärken. Rund 20 kleine Unternehmen haben sich bereits angesiedelt, darunter Restaurants, Handwerksbetriebe, Fahrradgeschäfte und nachhaltige Einzelhändler. Regelmäßige Märkte, Konzerte und Veranstaltungen auf den öffentlichen Plätzen fördern den Austausch zwischen Bewohnern und Besuchern.
Viele Bewohner berichten, dass sie ihre Nachbarn deutlich häufiger treffen als in klassischen amerikanischen Vororten. Wo früher Straßen und Parkplätze dominierten, entstehen heute Begegnungsräume, Spielplätze und Plätze zum Verweilen. Das Quartier versteht sich damit als Gegenentwurf zu einer jahrzehntelang autozentrierten Stadtentwicklung. Der Erfolg des Projekts weckt inzwischen auch außerhalb Arizonas Interesse. Städteplaner, Kommunen und Investoren beobachten aufmerksam, ob sich das Modell auf weitere Regionen der USA übertragen lässt. Culdesac könnte damit zum Vorbild für eine neue Generation nachhaltiger Stadtquartiere werden – mit mehr Lebensqualität, weniger Verkehr und einem urbanen Alltag, der sich wieder stärker am Menschen orientiert.
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