Minutenlanger Applaus, stehende Ovationen und ein Bundeskanzler, der plötzlich erleben musste, dass die größte Begeisterung nicht ihm galt: Der CSU-Parteitag in München wurde zur politischen Bühne für Ilse Aigner. Bayerns Landtagspräsidentin soll nach dem Willen der Christsozialen die nächste Bundespräsidentin werden. Doch Friedrich Merz hat möglicherweise ganz andere Pläne.
Als Merz die 61-jährige Ilse Aigner am Samstag während seiner Parteitagsrede begrüßte, erhoben sich die Delegierten von ihren Plätzen. Der Beifall wollte kaum enden.
Die Botschaft war unüberhörbar: Die CSU möchte endlich eine eigene Politikerin an der Spitze des deutschen Staates sehen.
Markus Söder macht Druck
CSU-Chef Markus Söder hatte bereits am Freitag ausdrücklich für Aigner geworben. Sie verfügt über jahrzehntelange politische Erfahrung, war Bundesministerin und steht seit 2018 an der Spitze des Bayerischen Landtags.
Doch die Entscheidung über die Kandidatur fällt nicht allein in München.
Denn auch die CDU erhebt Anspruch darauf, den Nachfolger beziehungsweise die Nachfolgerin von Frank-Walter Steinmeier zu stellen.
Und genau hier beginnt das machtpolitische Problem.
Hat Merz noch eine eigene Kandidatin im Ärmel?
Während Söder seine Wunschkandidatin öffentlich feiern lässt, vermeidet Merz bislang jede Festlegung.
In der CDU gibt es Stimmen, die ausdrücklich eine Kandidatin oder einen Kandidaten aus den eigenen Reihen bevorzugen.
Für Merz entsteht damit ein schwieriger Interessenkonflikt: Unterstützt er Aigner, könnte er Widerstand in seiner CDU provozieren. Präsentiert er eine andere Persönlichkeit, drohen neue Spannungen mit der CSU.
Hinzu kommt, dass auch die SPD bei der Besetzung des höchsten Staatsamtes politisch mitreden möchte.
Warum die Entscheidung politisch brisant ist
Am 30. Januar 2027 soll die Bundesversammlung das neue Staatsoberhaupt wählen. Steinmeiers zweite Amtszeit endet im März.
Die Bundesversammlung besteht aus 630 Bundestagsabgeordneten und ebenso vielen Delegierten der Bundesländer.
Eine erfolgreiche Kandidatur setzt deshalb ausreichende politische Unterstützung voraus. Ein großer Applaus auf einem Parteitag allein reicht nicht.
Unser Kommentar: Es geht längst um mehr als Ilse Aigner
Die Aigner-Debatte zeigt, wie schwierig die Machtverteilung zwischen CDU und CSU werden kann, sobald ein besonders prestigeträchtiges Amt zu vergeben ist.
Markus Söder hat seine Wunschkandidatin öffentlich positioniert. Friedrich Merz dagegen hält sich sämtliche Optionen offen.
Die entscheidende Frage lautet nun: Wird Ilse Aigner tatsächlich die erste Bundespräsidentin Deutschlands – oder präsentiert Merz überraschend eine eigene Kandidatin?
Bis dahin dürfte hinter den Kulissen der Union intensiv verhandelt werden.
Fest steht: Der Beifall in München war eindrucksvoll. Ob daraus am Ende eine Mehrheit in der Bundesversammlung wird, ist allerdings noch völlig offen.
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