China wird inzwischen in vielen Ländern positiver wahrgenommen als die Vereinigten Staaten. Das geht aus einer neuen Studie des Pew Research Center hervor. Zum ersten Mal seit Beginn der Erhebungen liegt Peking damit in einer Art globalem Beliebtheitswettbewerb vorne – einem Wettbewerb, bei dem viele Befragte offenbar weniger begeistert als vielmehr auf der Suche nach der am wenigsten beunruhigenden Großmacht waren.
Mehr als 42.000 Menschen in 36 Ländern wurden zwischen Februar und Mai gefragt, ob sie China und die USA eher positiv oder negativ sehen. In 25 Ländern schnitt China besser ab.
Die gute Nachricht für Peking lautet damit: China ist beliebter als die USA. Die weniger gute Nachricht: Besonders viel Vertrauen genießen weder Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping noch US-Präsident Donald Trump.
Die Welt hat sich also nicht plötzlich kollektiv in China verliebt. Sie scheint lediglich zunehmend unzufrieden mit den Vereinigten Staaten zu sein.
China gewinnt, weil die USA verlieren
Die positiven Bewertungen Chinas erreichten in mehreren Ländern neue Höchststände. Gleichzeitig verschlechterte sich das Ansehen der USA deutlich.
Besonders große Verschiebungen zugunsten Chinas gab es unter anderem in Spanien, Indonesien, Italien, Griechenland und Kanada. Dort scheinen viele Menschen zu dem Ergebnis gekommen zu sein, dass eine vorhersehbare autoritäre Großmacht möglicherweise beruhigender wirkt als eine demokratische Großmacht, bei der die Außenpolitik regelmäßig den Eindruck einer spontanen Pressekonferenz vermittelt.
Nur sechs der untersuchten Länder bewerteten die USA weiterhin positiver als China: Polen, die Philippinen, Südkorea, Indien, Japan und Israel. Die meisten davon sind enge Partner Washingtons – oder haben zumindest strategische Gründe, den amerikanischen Präsidenten nicht unmittelbar nach seiner Ansprache wegzuklicken.
Die globale Stimmung gegenüber den USA war bereits früher eingebrochen, etwa am Ende der Präsidentschaft von George W. Bush und zu Beginn von Trumps erster Amtszeit. Damals lag China jedoch meist gleichauf oder noch hinter den Vereinigten Staaten.
Nun hat Peking erstmals klar die Nase vorn. Nicht unbedingt, weil China plötzlich alles richtig macht, sondern weil Washington offenbar beschlossen hat, seinen internationalen Ruf als Belastungstest zu behandeln.
Persönliche Freiheit weiterhin amerikanischer Exportschlager
In einer Kategorie liegen die USA laut Umfrage noch deutlich vor China: beim Respekt vor persönlichen Freiheiten.
Das ist für Washington beruhigend. Zumindest solange niemand fragt, ob persönliche Freiheit auch die Freiheit anderer Staaten umfasst, nicht militärisch, wirtschaftlich oder diplomatisch unter Druck gesetzt zu werden.
Viele Befragte betrachteten China als weniger einmischend als die Vereinigten Staaten. In mehreren Ländern mit mittlerem Einkommen erklärten im Durchschnitt 75 Prozent, die USA mischten sich stark oder zumindest merklich in die Angelegenheiten anderer Staaten ein. Bei China sagten dies 45 Prozent.
Washington könnte diese Zahlen als Beleg dafür verstehen, dass es international besonders engagiert ist. Andere würden möglicherweise von Interventionen, Sanktionen, Militärbasen oder politischen Einflussversuchen sprechen. Es handelt sich letztlich um eine Frage der Wortwahl – und darum, wer gerade die Pressemitteilung verfasst.
China verfolgt derweil den subtileren Ansatz: Kredite, Infrastrukturprojekte, wirtschaftliche Abhängigkeiten und die freundliche Erinnerung, dass manche politischen Themen bei gemeinsamen Pressekonferenzen besser nicht angesprochen werden sollten.
Xi gewinnt beim Wettbewerb der unbeliebten Staatschefs
Die Studie fragte außerdem, wie viel Vertrauen die Menschen in Xi Jinping und Donald Trump haben, in internationalen Angelegenheiten das Richtige zu tun.
Das Ergebnis fiel für beide überschaubar aus. In den meisten Ländern lagen die Vertrauenswerte unter 50 Prozent. Xi schnitt allerdings häufig besser ab als Trump.
Damit gewinnt Chinas Staatschef eine Disziplin, die sich ungefähr als „Politiker, dem weniger Menschen misstrauen“ beschreiben lässt.
Besonders hoch war das Vertrauen in Xi in Pakistan, wo 83 Prozent der Befragten ihm zutrauten, in der Weltpolitik richtig zu handeln. In Japan waren es dagegen nur sieben Prozent. Die geografische Nähe allein scheint also nicht automatisch zu politischer Zuneigung zu führen – manchmal sorgt sie sogar für besonders gute Sicht auf die Probleme.
Trump erreichte seinen besten Wert auf den Philippinen mit 68 Prozent. Im Westjordanland und in Ostjerusalem vertrauten ihm dagegen lediglich vier Prozent.
Die Unterschiede zeigen: Internationale Sympathie hängt oft weniger von universellen Werten als von regionaler Sicherheitspolitik, wirtschaftlichen Interessen und der Frage ab, welche Großmacht zuletzt mit Sanktionen, Kriegsschiffen oder einem besonders langen Gipfeltreffen aufgefallen ist.
Zu Trump hat fast jeder eine Meinung
Die Forscher stellten fest, dass viele Befragte zu Xi keine besonders starke persönliche Meinung haben. Bei Trump antworteten dagegen mehr Menschen – und häufig besonders eindeutig.
Xi wird international vor allem als kontrollierter, distanzierter Parteichef wahrgenommen. Trump hingegen sorgt dafür, dass auch Menschen ohne tiefere Kenntnisse amerikanischer Politik regelmäßig wissen, was er gerade über ein anderes Land, einen politischen Gegner oder eine strategisch interessante Insel gesagt hat.
Xi erscheint dadurch möglicherweise berechenbarer. Das bedeutet nicht zwingend, dass seine Politik beliebter ist. Es bedeutet zunächst nur, dass seine Aussagen seltener den Eindruck erwecken, die Weltordnung sei während einer längeren Autofahrt neu entworfen worden.
Trump bietet dagegen maximale Transparenz darüber, dass jederzeit alles passieren kann.
Wohlhabende Länder skeptisch, ärmere Länder freundlicher
Die Umfrage zeigt außerdem, dass China in Ländern mit mittlerem Einkommen häufig positiver bewertet wird. In wohlhabenderen Staaten überwiegt dagegen meist die Skepsis.
Eine Ausnahme bildet Singapur. Der wohlhabende Stadtstaat bewertete China vergleichsweise positiv. Singapur hat allerdings jahrzehntelange Erfahrung darin, wirtschaftlichen Pragmatismus, staatliche Kontrolle und internationale Geschäftsinteressen so miteinander zu verbinden, dass niemand beim Abendessen zu laut über Widersprüche spricht.
Besonders positiv fiel die Bewertung Chinas in Pakistan aus: Rund 90 Prozent der Befragten hatten eine günstige Meinung von dem Land. In Japan waren es lediglich elf Prozent.
Damit liegen die freundlichste und die ablehnendste Bewertung Chinas beide im asiatisch-pazifischen Raum. China ist dort zugleich wichtiger Handelspartner, mächtiger Nachbar, strategischer Konkurrent und regelmäßiger Anlass für diplomatische Formulierungen, die mit „ernste Besorgnis“ beginnen.
Pekings Imagekampagne zeigt Wirkung
China arbeitet seit Jahren daran, sein internationales Ansehen zu verbessern. Besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern präsentiert sich Peking als verlässlicher Handelspartner, Investor und Alternative zum Westen.
Im Angebot befinden sich Straßen, Häfen, Bahnstrecken, Telekommunikationsnetze und der unausgesprochene Vorteil, dass China bei politischen Gesprächen meist weniger Fragen zu Menschenrechten stellt – jedenfalls zu denen des jeweiligen Partnerlandes.
Kritische Fragen zu Chinas eigener Politik bleiben allerdings bestehen. Dazu gehören der Umgang mit Minderheiten, die Einschränkung politischer Freiheiten und Pekings zunehmend selbstbewusstes Auftreten gegenüber Nachbarstaaten.
Die relativ hohen Sympathiewerte für China bei gleichzeitig geringerem Vertrauen in Xi deuten darauf hin, dass viele Menschen zwischen dem Land und seinem Staatschef unterscheiden.
Technologische Fortschritte, wirtschaftliche Entwicklung und Infrastrukturprojekte werden eher China zugeschrieben. Repression, aggressive Außenpolitik und politische Kontrolle werden dagegen stärker mit Xi persönlich verbunden.
Das ist für die chinesische Führung eine praktische Arbeitsteilung: Erfolge gehören der Nation, Probleme offenbar dem Mann an ihrer Spitze – zumindest solange die Umfrage nicht in China durchgeführt wird.
Die berechenbarere Großmacht gewinnt
Experten führen Chinas bessere Werte vor allem auf die zunehmende Unberechenbarkeit der amerikanischen Politik zurück. Militärische Gewalt, wirtschaftlicher Druck und abrupte politische Kurswechsel hätten viele Staaten verunsichert.
Die Befragung fand in einer Zeit statt, in der Trump unter anderem seine Rhetorik über eine Annexion Grönlands verschärfte, die USA Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro gefangen nahmen und der Krieg gegen Iran begann.
Vor diesem Hintergrund könnte China auf viele Menschen weniger wie die sympathischere und mehr wie die berechenbarere Großmacht wirken.
Peking muss dafür nicht einmal besonders freundlich auftreten. Es reicht derzeit offenbar, nicht jeden Morgen eine neue geopolitische Überraschung anzukündigen.
Die Studie zeigt damit weniger einen eindeutigen globalen Triumph Chinas als ein wachsendes Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten. Die Welt wählt nicht begeistert zwischen zwei überzeugenden Angeboten.
Sie blickt auf zwei konkurrierende Supermächte, seufzt kurz – und kreuzt jene an, die ihr im Moment etwas weniger nervös erscheint.
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