Nach der spektakulären Entlassung von Starjournalist Scott Pelley herrscht bei CBS offenbar eine Mischung aus Schockstarre, Krisensitzung und Zweckoptimismus. Der neu ernannte Produzent Nick Bilton versucht derzeit, die legendäre Sendung „60 Minutes“ davon zu überzeugen, dass sie noch lebt.
In einem internen Memo versicherte Bilton den Mitarbeitern, dass die journalistische Unabhängigkeit selbstverständlich unangetastet bleibe. Die Geschichten seien weiterhin der „Nordstern“ der Sendung – und nicht Beziehungen, Politik oder andere störende Einflüsse.
Eine beruhigende Botschaft. Vor allem deshalb, weil derzeit viele Zuschauer, Journalisten und ehemalige Mitarbeiter genau das Gegenteil befürchten.
Die Belegschaft soll beruhigt werden
Bilton erklärte den Mitarbeitern, man werde auch künftig ohne Angst oder Gefälligkeiten berichten. Beobachter werteten die Mitteilung als klassischen Versuch, eine Redaktion davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung ist – nachdem mehrere prominente Journalisten und Produzenten die Redaktion verlassen mussten.
Besonders schwierig: Ausgerechnet die Personen, die die journalistische Unabhängigkeit infrage stellen, sind überwiegend ehemalige Spitzenkräfte der Sendung selbst.
Scott Pelley, Sharyn Alfonsi und Cecilia Vega werfen CBS-Führungskräften vor, redaktionell eingegriffen zu haben.
CBS bestreitet dies energisch.
Wie üblich in solchen Fällen behaupten daher beide Seiten, die Wahrheit zu verteidigen.
September wird zum Härtetest
Die eigentliche Bewährungsprobe steht im September an, wenn die neue Staffel startet.
Ein CBS-Insider formulierte die Lage bemerkenswert offen:
„Die Premiere muss ein Kracher werden.“
Übersetzt bedeutet das: Wenn die erste Sendung floppt, wird niemand mehr über Memos sprechen.
Die letzten Mohikaner von „60 Minutes“
Derzeit ist noch unklar, ob die verbliebenen Aushängeschilder Lesley Stahl, Bill Whitaker und Jon Wertheim überhaupt an Bord bleiben.
Die Senderführung bemüht sich intensiv um die drei Journalisten. Das überrascht wenig, denn eine Nachrichtensendung mit dem Titel „60 Minutes“ funktioniert deutlich besser, wenn zumindest einige bekannte Gesichter länger als 60 Minuten bleiben.
Bilton lobte die drei ausführlich und erinnerte daran, dass Zuschauer ihnen seit Jahrzehnten vertrauen.
Ein Vertrauensvorschuss, den CBS selbst derzeit gut gebrauchen könnte.
Keine politische Einflussnahme. Wirklich nicht.
Besonders heikel sind Spekulationen über den Einfluss des Mutterkonzerns Paramount und politische Motive hinter dem Umbau der Sendung.
CBS reagierte mit einer klaren Botschaft:
Es gebe keinerlei politische Einflussnahme.
Gar keine.
Überhaupt keine.
Die einzige Einflussnahme sei der normale Austausch zwischen Redakteuren und Reportern.
In Medienkreisen gilt die Regel: Je häufiger ein Unternehmen betont, dass es keine Einflussnahme gibt, desto länger werden die Artikel über mögliche Einflussnahme.
Trump-Geschichten ausdrücklich erwünscht
Interessanterweise sollen bereits neue Recherchen über Donald Trump und seine Regierung in Arbeit sein.
Bilton habe entsprechende Themenvorschläge ausdrücklich begrüßt.
Das dürfte helfen, Kritiker davon zu überzeugen, dass „60 Minutes“ weiterhin unabhängig arbeitet – oder zumindest den Eindruck erwecken möchte.
Die große Wiedergeburt einer Fernsehlegende
Hinter den Kulissen wird inzwischen fieberhaft geplant.
Produzenten entwickeln neue Recherchen.
Agenten schlagen mögliche neue Korrespondenten vor.
Redakteure bereiten Wiederholungen alter Beiträge vor.
Und irgendwo in den CBS-Büros versucht vermutlich jemand herauszufinden, wie man gleichzeitig eine journalistische Institution modernisiert, eine Redaktionsrevolte verhindert und einen Quotenerfolg landet.
Ein ehemaliger „60 Minutes“-Reporter zeigte sich skeptisch:
„Es ist für mich fast unvorstellbar, welche Sendung sie im September auf die Beine stellen wollen.“
Bei CBS sieht man das naturgemäß optimistischer.
Dort lautet die offizielle Strategie offenbar:
Volle Kraft voraus – und hoffen, dass niemand merkt, wie viele Teile des Schiffes gerade ausgetauscht werden.
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