Ganz ehrlich: Wenn nach einem 3:1 gegen Elversberg am Ende ein 3:4 steht, dann brauche ich als Gladbach-Fan keine weichgespülten Floskeln über „Prozesse“, „Lerneffekte“ und „wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen“.
Dann brauche ich jemanden, der sagt, was Sache ist.
Und genau das hat Tim Kleindienst getan.
Ja, seine Worte waren scharf. Ja, die TikTok-Bemerkung war zugespitzt. Und ja, vielleicht war das eine oder andere aus der Emotion heraus formuliert.
Aber mal im Ernst: Wenn ein Kapitän nach so einem Spiel nicht emotional sein darf, wann denn dann?
Kleindienst hat nach dem 3:4 gegen Elversberg ausgesprochen, was vermutlich ein großer Teil der Nordkurve gedacht hat. Wie kann eine Mannschaft nach einer 3:1-Führung derart den Faden verlieren? Wie kann der Fokus derart wegbrechen? Und wie kann es sein, dass am Ende aus einem eigentlich kontrollierten Spiel ein kompletter Absturz wird?
Da darf ein Kapitän auch mal fragen, was in den Köpfen seiner Mitspieler passiert ist.
Bitte mehr davon, nicht weniger
Dass es anschließend ein klärendes Gespräch mit der sportlichen Führung gab, ist grundsätzlich völlig normal.
Rouven Schröder sagt, Kleindienst sei in einigen Aussagen „drüber“ gewesen. Eugen Polanski sieht es ähnlich, betont aber gleichzeitig, die Richtung seiner Kritik sei richtig gewesen.
Und genau dieser zweite Teil ist entscheidend.
Denn was wollen wir eigentlich?
Eine Mannschaft voller Profis, die nach Niederlagen artig dieselben fünf Mediensätze aufsagen?
„Wir müssen als Team zusammenstehen.“
„Wir müssen weiter hart arbeiten.“
„Wir schauen von Spiel zu Spiel.“
„Wir müssen die Basics auf den Platz bringen.“
Danke. Kennen wir inzwischen.
Ich möchte lieber einen Kapitän, dem eine solche Niederlage sichtbar wehtut.
Einen, der nicht erst drei Stunden später gemeinsam mit der Medienabteilung überlegt, welche Formulierung möglichst niemanden stört.
Wir brauchen mündige Spieler
Fußballprofis sind erwachsene Menschen.
Sie verdienen sehr gutes Geld, stehen in der Öffentlichkeit und tragen Verantwortung für die Leistung einer Mannschaft.
Dann darf man ihnen auch zutrauen, Kritik auszuhalten.
Gerade von einem Kapitän.
Mündige Spieler müssen miteinander Klartext reden können. Sie müssen sich gegenseitig antreiben, kritisieren und im Zweifel auch einmal öffentlich den Finger in die Wunde legen.
Natürlich gibt es Grenzen.
Niemand sollte Mitspieler persönlich beleidigen oder bloßstellen.
Aber Kleindienst hat nach einer sportlichen Katastrophe keine Namen genannt und niemanden öffentlich zum Abschuss freigegeben. Er hat mangelnden Fokus kritisiert.
Nach einem verspielten 3:1.
Gegen einen Aufsteiger.
Zu Hause.
Vielleicht sollte man sich deshalb weniger über den Tonfall aufregen und etwas mehr über das beschäftigen, was diesen Tonfall überhaupt ausgelöst hat.
Die Nordkurve hat schließlich auch nicht höflich applaudiert
Die Reaktion der Fans war eindeutig.
Pfiffe.
Frust.
Enttäuschung.
Und völlig zu Recht.
Gladbach ist kein Opernhaus, in dem nach einer misslungenen Vorstellung trotzdem höflich geklatscht wird.
Wer im Borussia-Park eine 3:1-Führung noch mit 3:4 verspielt, muss damit rechnen, dass es unangenehm wird.
Warum sollte dann ausgerechnet der Kapitän anschließend vor dem Mikrofon so tun, als sei eigentlich alles halb so wild?
Kleindienst hat genau die Emotion gezeigt, die ich von einem Spielführer sehen möchte.
Er hat sich geärgert.
Er hat die Niederlage nicht schöngeredet.
Und er hat deutlich gemacht: So etwas darf dieser Mannschaft nicht passieren.
Ein Kapitän ist kein Pressesprecher
Vielleicht liegt genau da das Missverständnis.
Ein Kapitän soll nicht der verlängerte Arm der Kommunikationsabteilung sein.
Er soll eine Mannschaft führen.
Dazu gehört auch, unbequeme Dinge anzusprechen.
Stefan Effenberg war nicht deshalb ein Anführer, weil er nach Niederlagen besonders geschmeidige Interviews gegeben hat. Auch andere große Kapitäne in der Bundesliga-Geschichte waren nicht immer diplomatisch.
Führung bedeutet manchmal, dass jemand sagt:
Leute, so geht es nicht.
Und Kleindienst hat genau das getan.
Natürlich hätte er das TikTok-Beispiel weglassen können. Aber wenn wir inzwischen schon jedes emotionale Wort eines Spielers so lange weichbügeln, bis nur noch sterile Fußballsprache übrig bleibt, brauchen wir uns anschließend auch nicht darüber zu beschweren, dass Profis angeblich keine Typen mehr seien.
Erst fordern wir Typen – dann rüffeln wir sie
Das ist ohnehin eine der großen Absurditäten im modernen Fußball.
Fans und Verantwortliche verlangen ständig nach „Führungsspielern“.
Nach „Charakteren“.
Nach „Typen“.
Nach Spielern, die Verantwortung übernehmen.
Und sobald einer tatsächlich einmal etwas sagt, das nicht durch drei Kommunikationsfilter gelaufen ist, beginnt die große Aufregung.
Dann war es „zu emotional“.
„Zu deutlich.“
„In der Wortwahl vielleicht drüber.“
Ja, was denn nun?
Wollen wir Charaktere oder Interviewautomaten?
Beides gleichzeitig funktioniert selten.
Kleindienst sollte Kapitän bleiben, gerade deshalb
Für mich hat Kleindienst mit diesem Interview eher gezeigt, warum er die Binde trägt.
Nicht trotz seiner deutlichen Worte.
Sondern wegen ihnen.
Rouven Schröder sagt selbst, Kleindienst sei ein Mann der deutlichen Worte und auch deshalb Spielführer.
Na also.
Dann sollte Borussia genau diese Eigenschaft nicht wegmoderieren.
Man kann intern darüber reden, ob eine Formulierung unglücklich war. Das ist völlig in Ordnung.
Aber bitte nicht den Fehler machen, daraus die Botschaft entstehen zu lassen:
Tim, sei beim nächsten Mal ein bisschen braver.
Nein.
Sei beim nächsten Mal genauso sauer.
Vielleicht ohne TikTok.
Aber bitte mit derselben Klarheit.
Das eigentliche Problem heißt nicht Kleindienst
Das eigentliche Problem von Borussia Mönchengladbach ist nicht, dass der Kapitän nach einer Niederlage zu deutlich gesprochen hat.
Das Problem ist, dass die Mannschaft eine 3:1-Führung gegen Elversberg verspielt hat.
Darüber sollten wir reden.
Warum bricht der Fokus weg?
Warum verliert die Mannschaft die Kontrolle?
Warum entsteht erneut dieses Gefühl, dass Borussia ein Spiel innerhalb weniger Minuten komplett aus der Hand geben kann?
Das sind die Fragen, die beantwortet werden müssen.
Nicht, ob Kleindienst seine Kritik zwei Dezibel leiser hätte formulieren können.
Lieber Klartext als Wohlfühl-Borussia
Ich möchte keine Borussia, in der nach solchen Spielen alle nett miteinander sind.
Ich möchte eine Mannschaft, in der Niederlagen wehtun.
In der Spieler sich gegenseitig fordern.
In der ein Kapitän nach einem solchen Zusammenbruch auch einmal deutlich wird.
Und in der man nicht jede Emotion sofort als Kommunikationsproblem behandelt.
Borussia braucht jetzt keine Wohlfühlzone.
Borussia braucht Fokus.
Borussia braucht Widerstandsfähigkeit.
Und Borussia braucht mündige Spieler, die den Mund aufmachen, wenn etwas schiefläuft.
Tim Kleindienst hat genau das getan.
Vielleicht war seine Wortwahl an einer Stelle zu scharf.
Die Botschaft war es nicht.
Und wenn wir ehrlich sind: Nach einem 3:4 nach 3:1-Führung war sie vermutlich sogar noch viel zu höflich.
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