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Australiens Kriegsheld? Vielleicht eher ein Kriegsverbrecher mit Orden

jorono (CC0), Pixabay
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Ben Roberts-Smith war lange genau der Mann, den ein Land wie Australien liebt: groß, geschniegelt, dekoriert bis zur patriotischen Erregung, ein Elitesoldat zum Herzeigen, ein Krieger mit Victoria Cross, geschniegelt genug für Militärzeremonien und Medienporträts. Einer, den man vor Veteranenverbände stellt, damit das Publikum feuchte Augen bekommt und sich für einen Moment einbildet, Krieg habe etwas Edles. Nun steht genau dieser Mann wegen fünffachen Mordes vor Gericht. Der mutmaßliche Nationalheld soll in Afghanistan Gefangene exekutiert, Untergebene zum Töten angestiftet und Leichen mit Requisiten dekoriert haben, damit aus Kriegsverbrechen soldatische Pflichterfüllung wird.

Es ist die Art Fall, bei der nicht nur ein Angeklagter auf der Anklagebank sitzt, sondern gleich ein ganzes nationales Selbstbild.

Denn Roberts-Smith ist nicht bloß irgendein Veteran. Er ist das glänzende Symbol jener westlichen Kriegsromantik, die seit Jahrzehnten zuverlässig funktioniert: Spezialkräfte als moderne Ritter, irgendwo zwischen Actionfilm, Nationalfeiertag und Rekrutierungsplakat. Männer, die angeblich in dunklen Ecken der Welt das Böse erledigen, damit wir zuhause in Ruhe Kaffee trinken und in Talkshows über Werte reden können. Das Problem ist nur: Manchmal sitzen die Monster nicht auf der anderen Seite des Zielfernrohrs.

Was die australische Justiz nun vorträgt, ist kein Fall von „umstrittener Einsatzsituation“ oder „tragischer Fehleinschätzung im Gefecht“. Es sind Vorwürfe, die nach Sadismus, Machtdemonstration und verrotteter Truppenkultur klingen. Ein behinderter Gefangener mit Prothese soll aus einem Tunnel gezogen, weggebracht und mit einem Maschinengewehr erschossen worden sein. Ein anderer Mann soll – gefesselt – an den Rand einer Klippe gebracht und hinuntergetreten worden sein, bevor unten Schüsse fielen. Junge Soldaten sollen gezwungen worden sein, Gefangene zu erschießen, damit sie „eingeführt“ werden. Der Militärjargon dafür: blooding. Als wäre das Ganze ein archaisches Jagdritual und nicht die mögliche Ermordung Wehrloser.

Allein dieses Wort ist ein Denkmal des moralischen Bankrotts. „Blooding“. Nicht Trauma, nicht Disziplinversagen, nicht Exekution. Sondern ein fast jovialer Begriff aus der Männerwelt des Tötens, geschniegelt mit Kameradschaft und interner Folklore. Wenn sich das bestätigt, dann reden wir nicht über einzelne Ausraster. Dann reden wir über eine Kultur, in der Gefangene nicht mehr Menschen sind, sondern Material. Über ein System, in dem ein Rookie nicht lernt, wie man schützt, sondern wie man gehorcht, wenn das Gewissen längst „Nein“ schreit.

Besonders widerlich ist dabei der Vorwurf der sogenannten throwdowns: Funkgeräte, Waffen oder andere Gegenstände, die nach einer Tötung neben Leichen platziert werden, damit aus einem hingerichteten Gefangenen nachträglich ein bewaffneter Feind wird. Das ist nicht nur Gewalt. Das ist Gewalt mit Drehbuch. Das ist nicht nur Töten, sondern auch das bewusste Fälschen der moralischen Bilanz. Ein Kriegslügenbaukasten für Profis.

Natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Das muss man in einem Rechtsstaat sagen, und es stimmt auch. Roberts-Smith bestreitet alle Vorwürfe. Er habe immer im Rahmen seiner Werte, seiner Ausbildung und der Einsatzregeln gehandelt. Das ist juristisch sein gutes Recht. Aber gesellschaftlich ist längst etwas passiert, das sich nicht mehr zurückdrehen lässt: Der Mann, der als strahlendes Gesicht militärischer Tugend verkauft wurde, steht nun als mögliches Symbol für das Gegenteil da. Und das ist nicht einfach nur ein persönlicher Absturz. Es ist eine nationale Blamage.

Denn Australien hat diesen Mann nicht nur geehrt. Es hat ihn inszeniert. Es hat ihn als Erzählung gebraucht. Als Beweis dafür, dass man auch im Dreck des Krieges sauber bleiben könne. Als Maskottchen der Behauptung, dass westliche Demokratien zwar brutal kämpfen, aber moralisch immer auf der richtigen Seite stehen. Genau deshalb ist der Fall so explosiv. Wenn Roberts-Smith fällt, fällt nicht nur ein Veteran. Dann fällt die bequeme Lüge, dass Orden Charakter ersetzen.

Die größte Ironie ist: Australien hat noch nie einen eigenen Soldaten wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt. Und nun beginnt diese historische Premiere mit dem am höchsten dekorierten lebenden Soldaten des Landes. Das ist, als würde man das erste Dopingverfahren gegen den Nationalsport ausgerechnet gegen den Rekord-Olympiasieger führen. Man kann sich schwer einen symbolischeren Kollaps vorstellen.

Und man muss sich fragen: Wie viele wollten all das eigentlich nicht wissen?

Denn die Gerüchte über Kriegsverbrechen in Afghanistan fielen ja nicht plötzlich vom Himmel. Jahre lang gab es Hinweise, Berichte, interne Warnungen, journalistische Recherchen. Es gab den Brereton-Report. Es gab Aussagen, die nicht ins Heldenbild passten. Es gab einen spektakulären Verleumdungsprozess, in dem ein Richter 2023 bereits feststellte, dass wesentliche Mordvorwürfe gegen Roberts-Smith im Kern wahr seien – jedenfalls nach zivilrechtlichem Maßstab. Trotzdem blieb da noch immer diese zähe Reflexreaktion: Man müsse doch „unsere Jungs“ schützen, dürfe Veteranen nicht „verraten“, dürfe Feinden keine Munition liefern. Mit anderen Worten: Man sollte lieber die Wahrheit beschädigen als das Heldenposter.

Das ist die übliche patriotische Feigheit, wenn sich Kriege nicht mehr mit Fahnenmusik übertönen lassen. Solange ein Soldat Medaillen bringt, wird alles verklärt: Härte wird zu Tapferkeit, Rücksichtslosigkeit zu Effizienz, toxische Männlichkeitsrituale zu Kameradschaft. Erst wenn die Leichen Namen bekommen und die Zeugen reden, entdeckt man plötzlich, dass hinter der Kriegerpose auch einfach ein Mann stehen kann, der sich an Wehrlosen vergreift.

Der Fall ist deshalb so unangenehm, weil er den westlichen Mythos vom „sauberen Spezialkräftekrieg“ zerlegt. Spezialkräfte werden gern wie Priester einer geheimen Moralordnung behandelt: Sie tun harte Dinge, damit wir nicht hinsehen müssen. Sie operieren im Dunkeln, also erklären wir das Dunkel zur Tugend. Geheimhaltung wird mit Professionalität verwechselt, Härte mit Charakter, Gewalt mit Verantwortung. Bis irgendwann jemand den Vorhang wegzieht und darunter nicht Ritter erscheinen, sondern Männer, die Gefangene misshandeln, töten und die Szenerie danach für die Akten frisieren.

Das alles heißt nicht, dass jede Eliteeinheit verrottet ist. Es heißt aber, dass jede Gesellschaft, die ihre Soldaten verklärt, blind wird für genau jene Exzesse, die aus Elitetruppen geschlossene Parallelwelten machen können. Wer ständig erzählt bekommt, er sei außergewöhnlich, mutiger als andere, härter als andere, moralisch unersetzlich – der ist irgendwann versucht zu glauben, auch für ihn gälten andere Regeln. Und genau dort beginnt der Abstieg vom Soldaten zum Täter.

Die bittere Pointe: Roberts-Smiths Orden hängen noch immer im Australian War Memorial. Ein Land schaut also auf Vitrinen voller Ruhm, während die Justiz prüft, ob der Mann dahinter womöglich Gefangene hinrichten ließ. Man könnte sich kaum ein treffenderes Bild für die Schieflage ausdenken. Bronze, Glas, Samt, patriotische Gravur – und dahinter vielleicht Blut, Lüge und Angst.

Das Verfahren wird Jahre dauern. So hat es der Richter selbst gesagt. Nicht Wochen, nicht Monate, sondern womöglich viele Jahre. Das ist juristisch nachvollziehbar, politisch unerquicklich und für die Opfer unerquicklich hoch zehn. Aber die Langsamkeit der Justiz ändert nichts daran, dass die eigentliche Zerstörung bereits begonnen hat. Der Mythos ist beschädigt. Und das ist vielleicht das einzig Gesunde an diesem Fall.

Denn Demokratien beweisen ihre moralische Reife nicht dadurch, dass sie ihre Soldaten bedingungslos feiern. Sondern dadurch, dass sie ihnen Grenzen setzen. Dass sie Orden nicht mit Freisprüchen verwechseln. Dass sie den Satz „Er hat für unser Land gekämpft“ nicht als Blankoscheck für alles akzeptieren, was irgendwo fernab der Kameras passiert ist.

Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, dann war Ben Roberts-Smith nie der Held, als den Australien ihn verkaufen wollte. Dann war er das, was Staaten besonders ungern zugeben: kein Beschützer der Zivilisation, sondern ein Mann, der sich in der Anonymität des Krieges über jedes Gesetz stellte. Einer, der vielleicht nicht trotz des Systems so wurde, sondern weil das System zu lange wegsah.

Und vielleicht liegt darin die eigentliche Schande dieses Falls. Nicht nur, dass ein dekorierter Soldat womöglich Kriegsverbrechen beging. Sondern dass ein ganzes Land so lange lieber die Medaillen betrachtete als die Möglichkeit, dass darunter ein Täter steckt.

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