Als am 24. Juni 2026 zwei schwere Erdbeben Venezuela erschütterten, änderte sich das Leben der zwölfjährigen Fabiana Blanco innerhalb weniger Sekunden. Das zweite Beben erreichte eine Stärke von 7,5 und zählt zu den stärksten Erdstößen, die das südamerikanische Land seit rund 100 Jahren erlebt hat. Während Tausende Menschen ums Leben kamen, überlebte Fabiana unglaubliche 32 Stunden unter den Trümmern ihres eingestürzten Wohnhauses – mit nichts weiter als einer Flasche Ketchup und etwas geriebenem Käse.
Sekunden später lag das Wohnhaus in Trümmern
Fabianas Mutter Karina Blanco arbeitete gerade als Fitnesstrainerin und wollte eine Spinning-Stunde beginnen, als die Erde plötzlich zu beben begann. Als die Erschütterungen immer heftiger wurden, verließ sie gemeinsam mit anderen Menschen das Gebäude und raste anschließend sofort zu ihrer Wohnung in Caraballeda im Bundesstaat La Guaira.
Dort bot sich ihr ein Bild der Verwüstung.
„Ich sah ein Gebäude, dann eine Lücke, wo eigentlich unser Haus stehen sollte, und dahinter das nächste Gebäude“, erinnert sie sich.
Das zehnstöckige Wohnhaus war vollständig eingestürzt.
„Ich dachte, ich werde sterben“
Fabiana befand sich zum Zeitpunkt des Bebens allein in der Wohnung im ersten Stock. Zunächst hielt sie sich im Schlafzimmer ihrer Mutter auf, lief dann jedoch in die Küche. Während sie sich an der Arbeitsplatte festhielt, brachen um sie herum die Wände zusammen.
„Ich sah alles wackeln und einstürzen. Dann dachte ich nur noch: Ich werde sterben. Niemand wird mich retten“, erzählt sie.
Die herabstürzenden Trümmer begruben das Mädchen vollständig. Sie lag auf dem Rücken eingeklemmt, umgeben von Beton und Schutt. Die Decke befand sich nur wenige Zentimeter über ihrem Gesicht.
Eine unerwartete Ruhe
Obwohl Fabiana nach eigenen Angaben normalerweise unter Platzangst leidet, verspürte sie in dieser Situation eine ungewöhnliche Gelassenheit.
„Ich weiß bis heute nicht warum. Vielleicht stand ich einfach unter Schock.“
Kurze Zeit später hörte sie die Stimme einer Krankenschwester, die ebenfalls unter den Trümmern eingeschlossen war und nach weiteren Überlebenden rief. Fabiana antwortete ihr.
Die Frau sprach ihr Mut zu und forderte sie auf, ruhig zu bleiben.
Rund sechs Stunden nach dem Erdbeben konnte die Krankenschwester gerettet werden. Bevor sie aus den Trümmern gebracht wurde, berichtete sie den Helfern, dass sich ein zwölfjähriges Mädchen namens Fabiana noch lebend im Gebäude befinde.
Für Karina Blanco war dies der erste Hoffnungsschimmer.
„Ich hatte Gott bereits um Kraft gebeten, ein Leben ohne meine Tochter zu beginnen. Dann sagte plötzlich jemand zu mir: Ihre Tochter lebt.“
Ketchup und geriebener Käse hielten sie am Leben
Unter den Trümmern konnte Fabiana zunächst keinerlei Stimmen mehr hören. Dennoch verlor sie die Hoffnung nicht.
Als eines ihrer Beine schmerzhaft eingeklemmt war, schob sie kleinere Trümmerteile beiseite, um es strecken zu können. Dabei entdeckte sie eine Flasche Ketchup sowie etwas geriebenen Käse.
„Davon habe ich gegessen. Das hat mich bei Bewusstsein gehalten“, erzählt sie heute.
Feuerwehr hörte sie zunächst nicht
Am nächsten Morgen suchten Feuerwehrkräfte das zerstörte Gebäude ab und riefen nach möglichen Überlebenden. Fabiana antwortete nach eigenen Angaben, doch ihre Rufe wurden nicht wahrgenommen.
Für ihre Mutter begann erneut eine Phase zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
„Man sagte mir, man könne nichts mehr tun.“
Eine Videobotschaft aus den Trümmern
Zwischen Beton und Schutt fand Fabiana schließlich ihr Mobiltelefon. Obwohl das Mobilfunknetz ausgefallen war, nahm sie ein Video auf.
Darin erklärte sie, dass sie sich noch immer im eingestürzten Wohnhaus befinde, zahlreiche Nachbarn ebenfalls verschüttet seien und dringend Hilfe benötigten.
Sie hoffte, die Aufnahme später verschicken zu können, falls sie überleben sollte.
Freiwilliger entdeckt das Mädchen
Erst ein freiwilliger Helfer namens Viktor verschaffte sich Zugang zu den Trümmern und begann erneut nach Überlebenden zu rufen.
Diesmal hörte Fabiana seine Stimme und antwortete.
Viktor informierte sofort ihre Mutter, die die Nachricht lautstark an alle Anwesenden weitergab.
Immer mehr Freiwillige eilten daraufhin zur Unglücksstelle und brachten Werkzeuge mit. Dennoch erklärten einige Einsatzkräfte zunächst, eine Rettung sei praktisch unmöglich.
Erst eine später eintreffende Feuerwehrmannschaft setzte die Bergung konsequent fort.
Rettung nach 32 Stunden
Als die Rettungskräfte aus Caracas eintrafen, war es bereits dunkel geworden. Bewohner der Umgebung stellten Motorräder und Autos so auf, dass deren Scheinwerfer die Trümmer ausleuchteten.
Stück für Stück arbeiteten sich die Helfer durch den Beton.
Schließlich entstand eine Öffnung, durch die sie Fabiana sehen konnten.
Ein Video dieses Augenblicks verbreitete sich anschließend in ganz Venezuela. Es zeigt das lächelnde Mädchen, das nach mehr als einem Tag erstmals wieder Tageslicht sieht.
„Als ich sie gesehen habe, wusste ich, dass ich gerettet werde“, erinnert sich Fabiana.
Gegen zwei Uhr morgens – rund 32 Stunden nach dem Erdbeben – gelang es den Einsatzkräften schließlich, einen Tunnel zu graben und das Mädchen aus den Trümmern zu befreien.
Sie wurde von den Helfern gestützt und fiel anschließend ihrer Mutter in die Arme.
„Als ich herauskam und das komplett eingestürzte Gebäude sah, fühlte sich alles an wie eine Fernsehsendung. Es wirkte völlig unwirklich.“
Tausende Todesopfer
Nach Angaben ihrer Mutter überlebten von den rund 50 Bewohnern des Wohnhauses lediglich drei Menschen.
Die Erdbeben forderten nach offiziellen Angaben bislang mindestens 3.342 Todesopfer. Zehntausende Menschen gelten weiterhin als vermisst.
Fabiana erlitt lediglich einen Bruch am linken Fuß sowie einige Schürfwunden und Prellungen.
Ein neues Leben – mit schweren Erinnerungen
Inzwischen lebt das Mädchen bei seiner Großmutter.
Anfangs habe sie sich kaum getraut, sich auf den Rücken zu legen, weil sie sich sofort an die Stunden unter den Trümmern erinnert habe.
Vor ihrem neuen Zuhause sind noch immer zahlreiche eingestürzte Gebäude zu sehen.
„Es herrscht große Traurigkeit. Ich denke ständig an unsere Nachbarn und Freunde“, sagt ihre Mutter Karina.
Trotz aller Verluste überwiegt für sie ein Gedanke:
„Es wird lange dauern, bis wir uns davon erholen. Aber wir werden weitermachen. Was kann sich eine Mutter mehr wünschen? Meine Tochter lebt.“
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