Liechtenstein hat ein Problem, und diesmal passt es nicht in ein diskretes Schließfach. Unbekannte Täter haben rund 31.000 Datenkopien von Gesellschaften, Stiftungen und Treuhandschaften aus einem staatlichen Register gestohlen.
Betroffen ist ausgerechnet das „Verzeichnis wirtschaftlich berechtigter Personen“. Dort ist dokumentiert, wer hinter Unternehmen und Vermögenskonstruktionen tatsächlich steht. Also genau jene Informationen, bei denen manche vermutlich gehofft hatten, dass sie vor allem eines bleiben: gut aufgehoben und möglichst wenig herumgereicht.
Wer die Daten entwendet hat, ist bislang unbekannt. Ebenfalls unklar ist, wessen Informationen betroffen sind und ob sich darunter österreichische Staatsbürger befinden. Mit anderen Worten: Man weiß, dass sehr viel gestohlen wurde – nur noch nicht genau von wem, über wen und mit welchem Ziel.
Der digitale Besucher kam nachts
Nach Angaben der Regierung verschaffte sich eine unbekannte Täterschaft in der Nacht zum 30. Juli widerrechtlich Zugang zum Register. Die Formulierung klingt fast so, als habe jemand versehentlich die falsche Tür geöffnet und dabei 31.000 Datensätze eingesteckt.
Im Laufe des Donnerstags bemerkte das Amt für Justiz Unregelmäßigkeiten. Daraufhin wurde das Amt für Informatik eingeschaltet, das das betroffene System vorsorglich vom Netz nahm. Der digitale Einbrecher war zu diesem Zeitpunkt allerdings offenbar schon wieder verschwunden – samt Kopien.
Die Regierung wurde am Freitag informiert. Am Samstag lagen erste bestätigte Ergebnisse vor, woraufhin ein Krisenstab einberufen wurde. Geleitet wird er von Regierungschefin Brigitte Haas und Justizminister Emanuel Schädler.
Oberstes Ziel sei es, den Vorfall schnell aufzuklären, Betroffene zu informieren und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Das ist nachvollziehbar, denn bei 31.000 gestohlenen Datensätzen dürfte die Liste der unangenehmen Telefonate etwas länger ausfallen.
Kein Lösegeld und noch kein Darknet-Auftritt
Immerhin gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass Daten verändert oder gelöscht wurden. Auch eine Lösegeldforderung sei nicht eingegangen. Im Darknet seien die Informationen ebenfalls noch nicht aufgetaucht.
Das bedeutet entweder, dass die Täter noch überlegen, was sie mit ihrer Beute anfangen, oder dass sie einfach deutlich geduldiger sind als die Behörden gehofft hatten.
Der Krisenstab will mögliche Betroffene aktiv informieren. Zusätzlich wurde eine Kontaktstelle eingerichtet. Wer also eine Stiftung, Treuhandschaft oder Gesellschaft in Liechtenstein besitzt und plötzlich ungewöhnlich viele Fragen erhält, sollte vielleicht nicht sofort von gesteigertem gesellschaftlichem Interesse ausgehen.
Auch deutsche Namen könnten betroffen sein
Da zahlreiche Deutsche Vermögensstrukturen in Liechtenstein nutzen, könnten auch ihre Daten unter den gestohlenen Informationen sein. Welche Personen oder Gesellschaften tatsächlich betroffen sind, ist bislang nicht bekannt.
Medial besonders bekannt ist die Ingbe-Stiftung aus dem Umfeld der Familie des früheren Immobilienunternehmers René Benko. Ob deren Daten entwendet wurden, ist offen.
Die Stiftung war zuletzt wegen zweier Schließfächer in den Schlagzeilen, in denen sich unter anderem Goldbarren im Wert von mehreren Millionen Euro befanden. Um den Zugriff auf diese Vermögenswerte wird weiterhin gestritten.
Einen Zusammenhang zwischen diesem Verfahren und dem Datendiebstahl gibt es nach aktuellem Stand nicht. Für Schlagzeilen eignet sich die Kombination aus Stiftungen, Goldbarren, Geheimdaten und Liechtenstein allerdings beinahe schon verdächtig gut.
Vaduz sucht Antworten
Am Montag will der Krisenstab über neue Erkenntnisse informieren. Bis dahin bleibt festzuhalten: Ein Land, das jahrzehntelang für diskrete Vermögensverwaltung bekannt war, muss nun erklären, wie 31.000 vertrauliche Datenkopien unbemerkt das Haus verlassen konnten.
Das Fürstentum hat sein Bankgeheimnis zwar modernisiert. Leider offenbar auch dessen Verlustrisiko.
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