Jeden Morgen dasselbe Ritual: Kaffee kochen, Handy entsperren, RB-Nachrichten öffnen – und anschließend erst einmal prüfen, ob die eigenen Nackenhaare noch vollständig vorhanden sind.
Denn momentan vergeht kaum ein Tag ohne die nächste Meldung, bei der sich ein RB-Fan fragt: Wer spielt hier in vier Wochen eigentlich noch?
Xaver Schlager ist zu Nottingham Forest gewechselt. Zuvor verabschiedeten sich bereits langjährige Gesichter wie Timo Werner, Kevin Kampl und Amadou Haidara. Nun könnte nach elf Jahren auch Péter Gulácsi gehen. Der FC Villarreal soll intensiv um den 36-Jährigen werben; sein Vertrag in Leipzig läuft eigentlich noch bis 2027. Ein Abschluss ist bislang zwar nicht offiziell bestätigt, die Gespräche gelten aber als weit fortgeschritten.
Man möchte inzwischen fast fragen:
Herr Schäfer, ist das noch ein Umbruch – oder läuft am Cottaweg bereits der Räumungsverkauf?
Elf Jahre Gulácsi – und dann vielleicht zurück zu Nyland?
Bei Péter Gulácsi geht es nicht nur um irgendeinen Ersatzkeeper. Es geht um einen Spieler, der Aufstiege, Champions-League-Nächte, Pokalsiege und ziemlich jede Entwicklungsstufe dieses Vereins erlebt hat.
Nun sollte er offenbar die Rolle der Nummer 1b hinter Maarten Vandevoordt übernehmen, einige Spiele bekommen und ansonsten als erfahrener Mentor die jungen Spieler an die Hand nehmen. Anders ausgedrückt: Er sollte hauptsächlich erklären, was RB Leipzig einmal ausgemacht hat, während er selbst auf der Bank sitzt.
Dass Gulácsi angesichts eines möglichen Zweijahresvertrags in Spanien und der Aussicht auf einen echten Konkurrenzkampf um die Nummer eins ins Grübeln kommt, dürfte niemanden überraschen. In Leipzig winkt die pädagogisch wertvolle Funktion als Kabinenonkel, in Villarreal möglicherweise Champions League.
Und als möglicher Nachfolger wird ausgerechnet Ørjan Nyland gehandelt, der bereits einmal kurz bei RB unter Vertrag stand und nun ablösefrei wäre.
Das wäre schon eine bemerkenswerte Personalplanung: Erst die langjährige Nummer eins zum Reservisten erklären, dann überrascht feststellen, dass sie möglicherweise gehen möchte, und anschließend einen 35-jährigen ehemaligen Ersatzkeeper zurückholen.
Das nennt man vermutlich nachhaltige Kreislaufwirtschaft im Tor.
Herr Schäfer, wo ist der erkennbare Plan?
Natürlich braucht ein Verein Veränderung. Natürlich kann man nicht jeden verdienten Spieler bis zum Renteneintritt behalten. Und selbstverständlich muss Vandevoordt irgendwann die Chance bekommen, dauerhaft die Nummer eins zu werden.
Doch das Problem ist nicht jede einzelne Entscheidung. Das Problem ist die Summe.
Die alte Achse verschwindet Stück für Stück. Gleichzeitig wurde Ole Werner entlassen, obwohl er RB nach dem großen Umbruch der Vorsaison auf den dritten Bundesliga-Platz und zurück in die Champions League geführt hatte. Sein Nachfolger Martín Demichelis ist bereits der achte dauerhafte Cheftrainer seit Leipzigs Bundesliga-Aufstieg.
Ein Trainer erfüllt die sportlichen Ziele – und muss trotzdem gehen.
Erfahrene Spieler sollen als Orientierungspunkte dienen – und verlassen anschließend den Verein.
Ein Torwart verlängert im Februar seinen Vertrag – und könnte im Juli bereits wieder wechseln.
Yan Diomande wird öffentlich für unverkäuflich erklärt – während gleichzeitig Berichte über Angebote im Bereich von 100 Millionen Euro und einen Wechselwunsch erscheinen.
Vielleicht gibt es intern einen glasklaren Plan. Von außen betrachtet sieht es allerdings derzeit eher aus wie eine PowerPoint-Präsentation, bei der jemand versehentlich die Folie mit der Mannschaftsaufstellung gelöscht hat.
Das „neue RB“: jung, talentiert – und wie lange hier?
Die Zugänge sind durchaus interessant. Rocco Reitz bringt Mentalität und Bundesliga-Erfahrung mit. Maxime Estève soll die Abwehr verstärken. Brajan Gruda besitzt viel Potenzial. Abdoul Koné gilt ebenfalls als großes Talent, fällt nach einer Schulterverletzung allerdings zunächst aus.
Aber reicht das?
RB Leipzig präsentiert seit Jahren gern junge, entwicklungsfähige Spieler. Das Modell ist bekannt: entdecken, verbessern, teuer verkaufen. Wirtschaftlich kann das hervorragend funktionieren.
Nur irgendwann möchte ein Fan nicht ständig hören, wie hoch der nächste Transfergewinn ausfallen könnte. Er möchte auch einmal wissen, ob eine Mannschaft entstehen darf, die länger als zwölf Monate zusammenspielt.
Ein Fußballverein ist kein Gebrauchtwagenhandel, bei dem jedes erfolgreiche Modell sofort ein neues Preisschild bekommt.
Bei RB entsteht zunehmend der Eindruck: Wer richtig gut wird, ist beinahe schon wieder weg. Wer lange bleibt, wird irgendwann als zu alt oder zu teuer betrachtet. Und wer dazwischensteht, wartet auf die nächste Kaderbereinigung.
So schafft man vielleicht Transfererlöse. Aber schafft man so auch Identifikation?
100 Millionen Euro einnehmen – aber bitte trotzdem Champions League spielen
Nach Medienberichten möchte RB in diesem Sommer Transfererlöse von rund 100 Millionen Euro erzielen – zunächst sogar ohne einen Verkauf von Diomande. Gleichzeitig war der Kader zum Trainingsauftakt so groß, dass zahlreiche Rückkehrer und mögliche Verkaufskandidaten auf ihre Zukunft warteten.
Das klingt nach einer schwierigen Gleichung:
Erfahrene Spieler abgeben, den Kader verjüngen, hohe Einnahmen erzielen, Gehaltskosten reduzieren, einen neuen Trainer integrieren, in der Bundesliga oben mitspielen und nebenbei in der Champions League bestehen.
Kein Problem. Man muss lediglich alles gleichzeitig richtig machen.
Und genau deshalb wächst bei den Fans die Verunsicherung. Nicht weil jeder Abgang grundsätzlich falsch wäre. Sondern weil bislang kaum zu erkennen ist, welche stabile Achse die Saison 2026/27 tragen soll.
Wer führt diese Mannschaft?
Wer fängt sie auf, wenn es sportlich nicht läuft?
Wer erklärt den vielen jungen Spielern, was in Dortmund, München oder bei einer hitzigen Champions-League-Auswärtspartie gefragt ist?
Und wer bleibt eigentlich lange genug, damit die Fans sein Trikot nicht bereits beim ersten Waschen als historisches Sammlerstück betrachten müssen?
Was erwartet Demichelis eigentlich?
Martín Demichelis spricht von Leidenschaft, Intensität und Aggressivität. Das hört sich gut an. Eigentlich genau nach dem Fußball, den viele Anhänger wieder sehen möchten.
Aber auch der beste Trainer benötigt einen ausgewogenen Kader. Junge Beine allein gewinnen keine Champions-League-Spiele. Es braucht Erfahrung, Hierarchie und Spieler, die in schwierigen Phasen nicht sofort nervös werden.
Sollte Gulácsi ebenfalls gehen, würde mit ihm ein weiterer wichtiger Teil der Vereinsgeschichte verschwinden. Willi Orbán und Lukas Klostermann gehören dann zu den wenigen verbliebenen Spielern, die den Aufstieg von RB zur deutschen Spitzenmannschaft über Jahre begleitet haben.
Man kann eine Mannschaft verjüngen. Man sollte dabei aber nicht ihr gesamtes Gedächtnis löschen.
Herr Schäfer, die Fans benötigen Antworten
Marcel Schäfer steht vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Er muss wirtschaftliche Interessen, sportliche Ambitionen und persönliche Wünsche der Spieler miteinander verbinden. Niemand behauptet, dass dies einfach wäre.
Aber die Fans dürfen erwarten, dass die Richtung erkennbar wird.
Soll RB Leipzig weiterhin dauerhaft um die Champions-League-Plätze kämpfen?
Soll eine Mannschaft aufgebaut werden, die mehrere Jahre zusammenbleibt?
Oder soll Leipzig vor allem eine internationale Entwicklungsstation sein, bei der jeder erfolgreiche Spieler irgendwann zum bestmöglichen Preis weiterzieht?
Beides gleichzeitig funktioniert nur begrenzt. Man kann nicht bei jeder Gelegenheit die sportlichen Ambitionen betonen und anschließend beinahe die komplette Führungsschicht austauschen.
Die Anhänger brauchen keine weiteren Begriffe wie „neue Ära“, „Aufbruch“ oder „nächster Entwicklungsschritt“. Sie möchten wissen, wer auf dem Platz steht und warum sie glauben sollen, dass dieses Team stärker und nicht nur jünger wird.
Noch ist kein Grund zur Panik – aber zum Zurücklehnen auch nicht
Das Transferfenster ist noch geöffnet. Gulácsi ist noch nicht offiziell weg. Diomande steht weiterhin unter Vertrag. Weitere Zugänge können kommen. Der übergroße Kader kann sich in den kommenden Wochen sortieren.
Vielleicht geht der Plan auf. Vielleicht entwickelt Demichelis aus den jungen Spielern eine begeisternde Mannschaft. Vielleicht werden Reitz, Gruda, Estève und die weiteren Talente schnell zu tragenden Kräften.
Doch Vertrauen entsteht nicht durch Ankündigungen. Es entsteht durch nachvollziehbare Entscheidungen.
Momentan fühlt sich die Kaderplanung für viele Fans eher an wie ein Fortsetzungsroman, bei dem jeden Morgen eine neue Hauptfigur verschwindet.
Darum noch einmal die Frage:
Wie sieht das neue RB Leipzig aus, Herr Schäfer?
Ist es jünger, schneller und hungriger?
Oder vor allem günstiger, unerfahrener und beim nächsten guten Angebot sofort wieder verhandelbar?
Die Saison 2026/27 rückt näher. Die Champions League wartet. Die Konkurrenz schläft nicht.
Und die RB-Fans würden sehr gern wieder über Fußball diskutieren – statt jeden Morgen nachzuschauen, wer den Verein diesmal verlassen könnte.
Dieser Bericht trifft den Nagel auf den Kopf und zu 100 Prozent die Gefühlswelt der meisten RB Fans.