Die American Diabetes Association (ADA) hat auf ihrem Jahreskongress in New Orleans offenbar eine revolutionäre Behandlungsmethode vorgestellt: Wer zu viele kritische Gedanken zur Politik der US-Regierung entwickelt, bekommt nicht Insulin, sondern die Polizei geschickt.
Ausgerechnet auf einer der weltweit wichtigsten Diabeteskonferenzen kam es zu Szenen, die eher an eine politische Demonstration als an einen Wissenschaftskongress erinnerten. Mehrere renommierte Diabetesforscher hatten es gewagt, Kopien eines bereits veröffentlichten Fachartikels zu verteilen. Darin wurde kritisiert, dass die Trump-Regierung milliardenschwere Kürzungen bei der medizinischen Forschung vorgenommen habe.
Ein gefährlicher Stoff also: Papier.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Statt einer fachlichen Diskussion oder einer höflichen Bitte, die Flyer einzupacken, wurden Sicherheitskräfte und Polizeibeamte aktiv. Einige der bekanntesten Diabetologen des Landes wurden kurzerhand aus dem Kongresszentrum eskortiert. Berichten zufolge drohten sogar Festnahmen.
Man muss der ADA zugutehalten: Wer behauptet, Wissenschaftskonferenzen seien langweilig, wurde hier eindrucksvoll widerlegt.
Unter den „Gefährdern“ befanden sich ausgerechnet ehemalige ADA-Präsidenten, Chefredakteure wissenschaftlicher Fachzeitschriften und andere Größen der Diabetesforschung. Menschen also, die normalerweise eher mit Insulinwerten als mit Polizeieinsätzen Schlagzeilen machen.
Besonders bemerkenswert: Der beanstandete Text war nicht etwa ein geheimes Manifest. Er war bereits Wochen zuvor in einer ADA-eigenen Fachzeitschrift veröffentlicht worden. Offenbar gilt inzwischen die Regel: Man darf Kritik veröffentlichen – aber bitte nicht lesen.
Die Veranstaltung sollte ursprünglich von NIH-Chef Jay Bhattacharya eröffnet werden, einem umstrittenen Vertreter der aktuellen Gesundheitspolitik. Als dieser kurzfristig absagte, blieb den Protestierenden nur noch ihr Papierstapel. Doch selbst der erwies sich offenbar als zu brisant für das Kongressmanagement.
Während Wissenschaftler weltweit über neue Medikamente gegen Diabetes forschen, beschäftigt sich die ADA nun mit einer anderen Herausforderung: Wie viele Rücktritte verträgt eine Fachgesellschaft, bevor sie selbst intensivmedizinisch betreut werden muss?
Mehrere führende Funktionäre haben inzwischen ihren Rückzug angekündigt. Die Diabetesforschung diskutiert deshalb nicht mehr nur über Blutzuckerwerte, sondern auch über Meinungsfreiheit.
Immerhin hat der Kongress gezeigt: In den USA kann man heute offenbar problemlos über Diabetes sprechen. Kritisch über Forschungspolitik zu sprechen, scheint dagegen deutlich höhere Risiken für die Gesundheit zu bergen. Insbesondere, wenn die Polizei in der Nähe ist.
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