Das ZDF hat den Musiker Danger Dan kurzfristig aus der Jubiläumsausgabe der Satiresendung „Die Anstalt“ ausgeladen. Begründung: Sein Lied könnte als Aufruf zu Gewalt verstanden werden.
Damit hat der Sender eine wichtige Sicherheitslücke geschlossen. Ausgerechnet in einer Satiresendung bestand die Gefahr, dass ein Künstler etwas Zuspitzendes sagt.
ZDF-Intendant Norbert Himmler räumte inzwischen ein, dass die Absage etwas spät gekommen sei. Man hätte die grundsätzliche Frage besser schon vor der Einladung klären sollen.
Das ist nachvollziehbar. Normalerweise prüft man schließlich zuerst, ob man einen Künstler auftreten lassen möchte, und lädt ihn erst danach ein. Beim ZDF wurde dieses Verfahren offenbar versuchsweise umgedreht.
Erst einladen, dann Lied entdecken
Danger Dan sollte gemeinsam mit dem Pianisten Igor Levit sein neues Lied „Keine Angst“ präsentieren. Die 100. Ausgabe der Sendung beschäftigt sich mit Radikalisierung und der Wehrhaftigkeit der Demokratie.
Kurz vor der Aufzeichnung fiel dem Sender jedoch auf, dass der Text politisch, unbequem und möglicherweise interpretationsbedürftig ist.
Drei Eigenschaften, die in einer politischen Satiresendung natürlich völlig unerwartet auftreten.
Himmler sieht in dem Lied eine „Gebrauchsanweisung“ für linken, gewaltbereiten Widerstand. Offenbar genügt beim ZDF inzwischen bereits ein Klavierstück, um eine revolutionäre Untergrundbewegung zu gründen.
Igor Levit sitzt am Flügel, Danger Dan singt – und irgendwo wird vorsorglich schon einmal der Verfassungsschutz informiert.
Völlig unabhängig entschieden
Den Verdacht, das ZDF könne politischem Druck von rechts nachgegeben haben, wies Himmler zurück. Programmentscheidungen würden unabhängig, souverän und nach den eigenen Qualitätsrichtlinien getroffen.
Das ist beruhigend. Die Absage erfolgte also nicht aus Angst vor politischer Kritik, sondern vollkommen selbstständig aus Angst vor politischer Kritik.
Auch die Kunstfreiheit sei vermutlich nicht betroffen. Danger Dan darf sein Lied schließlich weiterhin singen – nur eben nicht dort, wo er eingeladen war, es zu singen.
Gefahr durch freundliche Grüße
Besonders problematisch findet der ZDF-Intendant offenbar jene Textstelle, in der Grüße an Personen aus der linken Szene ausgerichtet werden.
„Freundliche Grüße“ gelten beim Sender damit möglicherweise bald als sicherheitsrelevante Formulierung. Wer künftig einen Brief mit „Mit solidarischen Grüßen“ beendet, sollte vorsichtshalber mit einer kurzfristigen Ausladung rechnen.
Danger Dan bestreitet, zu Gewalt aufzurufen. Er wolle über wirksame antifaschistische Strukturen sprechen und lehne Gewalt ab. Das Problem sei, dass politische Gewalt längst Realität sei.
Eine komplizierte Aussage. Wesentlich einfacher ist da die ZDF-Lösung: Lied weg, Problem weg.
Ersatzkonzert statt Fernsehabend
Danger Dan und Igor Levit wollen den gestrichenen Auftritt nun bei einem eigenen Konzert in Berlin nachholen.
Das ZDF hat damit unbeabsichtigt genau das erreicht, was öffentlich-rechtliche Sender normalerweise verhindern möchten: Der abgesagte Beitrag bekommt vermutlich mehr Aufmerksamkeit als die eigentliche Sendung.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: „Die Anstalt“ darf sich mit Radikalisierung und einer wehrhaften Demokratie beschäftigen – solange niemand dabei ein Lied singt, das die Wehrhaftigkeit allzu ernst nimmt.
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