Die Lage im Gazastreifen wird immer dramatischer – und für tausende schwerkranke und verletzte Menschen womöglich noch aussichtsloser. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die medizinischen Evakuierungen aus Gaza nach Ägypten über den Grenzübergang Rafah vorerst ausgesetzt. Auslöser ist der Tod eines WHO-Vertragsmitarbeiters, der bei einem Einsatz im Süden des Gazastreifens von israelischen Truppen erschossen wurde.
Es ist eine Nachricht, die weit über einen einzelnen tragischen Vorfall hinausgeht. Denn mit der Aussetzung der Evakuierungen wird erneut deutlich, wie fragil selbst humanitäre Korridore in diesem Krieg geworden sind – und wie schnell am Ende wieder einmal die Schwächsten den Preis bezahlen.
WHO-Mitarbeiter bei Einsatz getötet
Nach Angaben von WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus kam der 54-jährige Vertragsmitarbeiter – vor Ort als Majdi Aslan identifiziert – bei einem „Sicherheitsvorfall“ ums Leben. Zwei weitere WHO-Mitarbeiter seien ebenfalls vor Ort gewesen, blieben jedoch unverletzt.
Das Gesundheitsministerium in Gaza erklärte, Aslan habe ein von der WHO angemietetes Fahrzeug gesteuert, als dieses im Süden des Gazastreifens von israelischen Kräften beschossen worden sei.
Die israelische Armee schildert den Vorfall anders. Demnach hätten Soldaten ein „nicht gekennzeichnetes Fahrzeug“ bemerkt, das sich der sogenannten Yellow Line, also einem von Israel kontrollierten Bereich, genähert habe und eine unmittelbare Bedrohung dargestellt habe. Zunächst habe man Warnschüsse abgegeben. Als das Fahrzeug weiter beschleunigt habe, sei gezielt geschossen worden. Der Vorfall werde überprüft.
Vor Ort in Gaza wird diese Darstellung allerdings klar bestritten. Kollegen des Getöteten berichten, das Fahrzeug sei deutlich mit dem WHO-Logo gekennzeichnet gewesen – auf allen Seiten. Es habe sich zudem an der Spitze eines abgestimmten Konvois befunden, der Patienten zum Grenzübergang Rafah bringen sollte.
Humanitärer Schlag mit schweren Folgen
Die WHO reagierte umgehend: Bis auf Weiteres werden keine medizinischen Evakuierungen mehr über Rafah durchgeführt.
Tedros forderte den Schutz von Zivilisten und humanitären Helfern. Die WHO-Regionaldirektorin Hanan Balkhy sprach von einem „verheerenden Verlust“ und warnte, die Aussetzung der Transporte kappe nun einen lebenswichtigen Rettungsweg für Patienten, die dringend auf Behandlungen außerhalb Gazas angewiesen sind.
Und genau hier liegt der eigentliche Skandal.
Denn laut WHO und Krankenhäusern in Gaza warten derzeit mehr als 18.000 palästinensische Patienten darauf, das Gebiet für dringend notwendige medizinische Behandlungen verlassen zu können. Viele von ihnen sind schwer verletzt, chronisch krank oder benötigen spezialisierte Eingriffe, die in Gaza schlicht nicht mehr möglich sind.
Mit der jetzigen Entscheidung wird dieser ohnehin fragile Hoffnungsschimmer erneut massiv beschädigt.
Rafah bleibt Nadelöhr des Überlebens
Der Grenzübergang Rafah war nach langen Schließungen und militärischen Eskalationen erst Anfang Februar wieder eingeschränkt geöffnet worden. Seitdem konnten nach Angaben der israelischen Behörde Cogat in den vergangenen zwei Monaten jeweils rund 1.150 Menschen Gaza verlassen und eine ähnliche Zahl wieder einreisen.
Doch schon diese Zahlen zeigen, wie begrenzt der Korridor ist – gemessen an zehntausenden Bedürftigen.
Der Übergang war bereits mehrfach dicht, zuletzt nach Beginn des US-israelischen Krieges gegen den Iran Ende Februar. Erst nach 20 Tagen wurde er wieder geöffnet. Jetzt droht erneut ein humanitärer Rückschlag.
Waffenruhe auf dem Papier – Tod im Alltag
Besonders bitter: All das geschieht trotz einer seit Monaten geltenden Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, die offiziell seit Oktober besteht. Beide Seiten werfen sich jedoch immer wieder Verstöße vor.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seit Beginn der Waffenruhe am 10. Oktober bereits mindestens 733 Palästinenser getötet. Die israelische Armee wiederum meldet fünf gefallene Soldaten im gleichen Zeitraum durch Angriffe palästinensischer Gruppen.
Das wirft erneut eine unangenehme, aber notwendige Frage auf:
Wie belastbar ist eine Waffenruhe, wenn selbst medizinische Transporte und humanitäre Helfer offenbar nicht sicher sind?
DieBewertung meint
Wenn selbst Fahrzeuge der WHO – ob nun nach israelischer Darstellung „nicht markiert“ oder nach Aussagen von Kollegen klar gekennzeichnet – in einem Evakuierungseinsatz unter Beschuss geraten, dann ist das nicht einfach nur ein „tragischer Zwischenfall“. Dann ist das ein Symptom eines Krieges, in dem humanitäre Räume immer weiter verschwinden. Die Folge ist brutal: Nicht Politiker, nicht Generäle, nicht Strategen zahlen den Preis – sondern Kranke, Verwundete und Helfer.
Die Aussetzung der medizinischen Evakuierungen ist deshalb mehr als eine Verwaltungsentscheidung. Sie ist ein Alarmsignal. Denn für tausende Patienten in Gaza bedeutet sie: Warten. Hoffen. Vielleicht zu lange.
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