Eine von einer zweifachen Mutter aus Texas aufgebaute Internetseite über Unternehmen, die mit der US-Einwanderungsbehörde ICE zusammenarbeiten, ist zum Ausgangspunkt einer landesweiten Protestbewegung geworden. Während Aktivisten die Datenbank als Instrument für mehr Transparenz nutzen, tauchte sie nach Recherchen von USA Today in einem internen Sicherheitsbulletin des US-Heimatschutzministeriums auf.
Hinter dem Projekt steht Laura Berlin. Sie begann sich mit den wirtschaftlichen Strukturen hinter der amerikanischen Abschiebepolitik zu beschäftigen, nachdem sie Bilder von Migranten gesehen hatte, die von US-Behörden festgenommen und in ein Gefängnis in El Salvador gebracht wurden.
Berlin wollte wissen, welche Unternehmen Flugzeuge für Abschiebungen bereitstellen, wer Haftzentren betreibt und welche privaten Firmen staatliches Geld für Dienstleistungen rund um die Einwanderungspolitik erhalten.
Aus dieser Recherche entstand eine interaktive Karte mit dem Titel „Who is Profiting from ICE?“. Darin führt Berlin Unternehmen, Behörden und weitere Akteure auf, die Verbindungen zur Einwanderungsbehörde Immigration and Customs Enforcement, kurz ICE, haben.
Milliardenaufträge für private Haftunternehmen
Besonders im Fokus ihrer Recherchen stehen die privaten Gefängnisbetreiber GEO Group und CoreCivic. Beide Unternehmen erhielten dem Bericht zufolge im ersten Jahr der verschärften Einwanderungspolitik 2025 zusammen ICE-Aufträge im Umfang von nahezu einer Milliarde Dollar.
Sie stellen unter anderem Personal und Plätze in Haftzentren bereit und sind an der elektronischen Überwachung von Personen beteiligt, die außerhalb der Einrichtungen auf ihre Anhörungen warten.
Berlin untersuchte anschließend, welche Banken diese Unternehmen finanzieren. Dabei stieß sie auf Citizens Bank, nachdem andere große Geldhäuser zuvor angekündigt hatten, ihre Zusammenarbeit mit GEO Group und CoreCivic einzuschränken beziehungsweise zu beenden.
Ihre Ergebnisse veröffentlichte Berlin im Internet und ergänzte sie um eine detaillierte Karte mit Verbindungen zwischen Unternehmen, Sicherheitsbehörden und politischen Akteuren.
Was zunächst nur wenige Menschen erreichte, entwickelte sich innerhalb weniger Monate zu einer viel beachteten Plattform.
Von einigen Tausend auf fast zehn Millionen Zugriffe
Einen entscheidenden Schub erhielt das Projekt Anfang 2026. Eine Gruppe aus Boston griff Berlins Recherchen auf und gründete die „De-ICE Citizens Bank Coalition“.
Nachdem ein ICE-Beamter im Januar in Minneapolis Renee Good erschossen hatte, stieg die Aufmerksamkeit für Berlins Seite sprunghaft. Aus einigen Tausend Besuchen wurden nach Angaben des Berichts nahezu zehn Millionen Seitenaufrufe.
Wenig später erschossen Beamte der Border Patrol den 37-jährigen Krankenpfleger Alex Pretti. Auch dieser Fall verstärkte die Proteste gegen die amerikanische Einwanderungspolitik.
Bis März waren rund 70 Protestaktionen gegen Citizens Bank geplant, bis Juni bereits etwa 140 in 17 US-Bundesstaaten. Kunden sagten zu, insgesamt rund 25 Millionen Dollar von der Bank abzuziehen.
Die Aktivisten beschränkten sich nicht auf Demonstrationen. Sie nahmen an der jährlichen Aktionärsversammlung teil, schalteten Plakatwerbung und ließen während des MLB-All-Star-Spiels in Philadelphia sogar ein Flugzeug mit einem Protestbanner über dem Stadion kreisen.
Städte ziehen Hunderte Millionen Dollar ab
Der wirtschaftliche Druck nahm schließlich erheblich zu.
Jersey City kündigte an, rund 265 Millionen Dollar von Citizens Bank abzuziehen. Als Grund nannten Vertreter der Stadt unter anderem die Verbindung der Bank zu GEO Group und dessen Betrieb der umstrittenen Abschiebehaftanstalt Delaney Hall in New Jersey.
Montclair beschloss anschließend den Abzug weiterer 90 Millionen Dollar.
Kurz darauf erklärte Citizens Bank, die Geschäftsbeziehungen zu GEO Group und CoreCivic beenden zu wollen. Die Bank wies allerdings zurück, dass die politische Kampagne ausschlaggebend gewesen sei. Sie bezeichnete den Schritt als geschäftliche Entscheidung aufgrund veränderter wirtschaftlicher Bedingungen.
Insgesamt hatten Kontoinhaber und öffentliche Stellen im Zusammenhang mit den Protesten Abzüge von mehr als 350 Millionen Dollar angekündigt.
Datenbank erfasst zahlreiche Großunternehmen
Berlin weitete ihre Recherche unterdessen aus. Ihre Datenbank enthält dem Bericht zufolge ICE-Verträge beziehungsweise Verbindungen zu zahlreichen bekannten US-Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen.
Damit wurde das Projekt zunehmend auch für die Bundesregierung interessant – allerdings aus einem völlig anderen Grund als für die Aktivisten.
Nach einem von USA Today eingesehenen internen Bulletin des Department of Homeland Security wurde Berlins Website im Zusammenhang mit möglichen Bedrohungen durch extremistische Akteure erwähnt.
Das Dokument warnt davor, dass Proteste gegen ICE von gewaltbereiten Personen für Sachbeschädigungen oder andere Straftaten genutzt werden könnten.
Besonders umstritten ist dabei die sicherheitsbehördliche Einstufung, unter der die Informationen verbreitet wurden. Laut dem Bericht wurde eine Kategorie verwendet, die in der Vergangenheit auch bei Informationen über schwere terroristische Bedrohungen zum Einsatz gekommen war.
Gleichzeitig räumt das Bulletin ausdrücklich ein, dass ein Teil der beschriebenen Aktivitäten durch den ersten Zusatzartikel der US-Verfassung und damit durch die Meinungs- und Versammlungsfreiheit geschützt ist.
Streit über Protest und Sicherheitsrisiken
Berlin selbst betrachtet ihre Datenbank als Transparenzprojekt, das öffentlich verfügbare Informationen leichter zugänglich macht. Von dem Sicherheitsbulletin habe sie zunächst nichts gewusst.
Kritiker des Vorgehens der Regierung werfen dem Heimatschutzministerium vor, legitimen politischen Protest zu schnell in die Nähe von Extremismus zu rücken.
Das Department of Homeland Security erklärte dem Bericht zufolge allgemein, Informationen lokaler Partner würden dazu beitragen, das nationale Lagebild über mögliche Bedrohungen zu verbessern.
Auch die Polizei in Philadelphia, von der Informationen an das Ministerium weitergegeben worden waren, betonte, solche Bulletins dienten dazu, neue Risiken und Gefahren frühzeitig zu erkennen. Rechtmäßige Aktivitäten oder verfassungsrechtlich geschützte Meinungsäußerungen sollten dadurch nicht kriminalisiert werden.
Die beteiligten Protestgruppen wiederum erklären, ihre Aktionen hätten zwei klare Regeln: friedlich bleiben und sich an geltendes Recht halten.
Auch Wahlkampfspenden geraten in den Fokus
Berlin beschränkt ihre Recherchen inzwischen nicht mehr auf Unternehmen und Banken. Sie untersucht auch, welche Politiker Wahlkampfspenden von großen ICE-Dienstleistern erhalten.
Nach ihren Daten sollen mehr als 450 Kandidaten im ganzen Land Zuwendungen von GEO Group, CoreCivic oder Management and Training Corporation erhalten haben.
Allein in Arizona seien nahezu 80 Wahlkampagnen unterstützt worden. Die Datenbank erfasst dabei nicht ausschließlich Republikaner. Auch demokratische Politiker tauchen unter den Empfängern auf.
2025 gab GEO laut dem Bericht 1,7 Millionen Dollar für Kandidaten auf Bundesebene und weitere 2,3 Millionen Dollar für politische Aktivitäten auf bundesstaatlicher und lokaler Ebene aus. CoreCivic meldete ebenfalls 1,7 Millionen Dollar auf Bundesebene sowie 1,6 Millionen Dollar für Lobbyarbeit auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen.
CoreCivic erklärte dazu, das Unternehmen unterstütze Politiker verschiedener Parteien, die offen für seine Lösungen bei nationalen Herausforderungen seien. Dazu zählt das Unternehmen auch die Unterbringung von Menschen während Einwanderungsverfahren.
Für die Gründerin ist das Projekt persönlich
Für Berlin hat die Recherche auch eine persönliche Dimension. Ihre Söhne haben guatemaltekische Wurzeln. Sie sagt, sie habe erlebt, dass ihre Kinder aufgrund ihres Aussehens unterschiedlich wahrgenommen und behandelt würden.
Deshalb will sie ihre Arbeit trotz der Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden fortsetzen.
Als Nächstes möchte Berlin Unternehmen untersuchen, die Daten sammeln oder bereitstellen, mit deren Hilfe Migranten identifiziert und lokalisiert werden können.
Dabei verweist sie darauf, dass viele der Informationen für ihr Projekt aus öffentlich zugänglichen Regierungsdatenbanken stammen.
Der Konflikt um ihre Website berührt damit eine grundsätzliche Frage, die weit über die amerikanische Einwanderungspolitik hinausgeht: Wo endet legitimer politischer Protest – und ab wann dürfen Sicherheitsbehörden darin eine potenzielle Gefahr sehen?
Für Berlin ist die Antwort klar. Sie versteht ihre Datenbank als Teil öffentlicher Kontrolle darüber, wie staatliche Gelder eingesetzt werden und welche privaten Unternehmen von politischen Entscheidungen profitieren.
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