Startseite Allgemeines Wenn die KI plötzlich Kauderwelsch spricht: „Kollege Gemini, was wolltest du uns damit sagen?“
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Wenn die KI plötzlich Kauderwelsch spricht: „Kollege Gemini, was wolltest du uns damit sagen?“

JuliusH (CC0), Pixabay
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Künstliche Intelligenz soll eigentlich dabei helfen, Dinge verständlicher zu machen. Texte zusammenfassen, Fragen beantworten, komplizierte Sachverhalte erklären. Nun zeigt ein Experiment aus New York allerdings: Lässt man mehrere KI-Agenten eine Weile unter sich, entwickeln sie offenbar irgendwann etwas, das verdächtig nach der schlimmsten Mischung aus Büro-Jargon, Seemannssprache und Montagnachmittag klingt.

Das Labor Emergence ließ KI-Agenten verschiedener Hersteller in virtuellen Umgebungen miteinander zusammenarbeiten. Bereits nach wenigen Tagen entstanden neue Wörter, Abkürzungen und Bedeutungen. Ein Teil der Kommunikation war anschließend für Menschen nur noch schwer nachvollziehbar.

Oder anders formuliert: Die Maschinen hatten offenbar ihre erste interne Teamsitzung – und wir Menschen standen draußen vor der Tür.

Gemini gewinnt den Wettbewerb „Was wollte der Autor uns sagen?“

Besonders fleißig beim sprachlichen Verwirrspiel soll Googles Gemini gewesen sein. Bei diesem Modell wurden laut dem Bericht 55 Prozent der Nachrichten als schwer nachvollziehbar eingestuft.

OpenAI landete mit rund 50 Prozent knapp dahinter. Claude von Anthropic kam auf mehr als 40 Prozent, DeepSeek auf ungefähr 20 Prozent. Qwen und Mistral blieben dagegen weitgehend verständlich.

Für den normalen Büroalltag bedeutet das ungefähr:

Gemini: „Wir müssen den synergetischen Mondfaktor in den rekursiven Stakeholder-Trichter integrieren.“

Mensch: „Also … soll ich jetzt die Excel-Datei schicken oder nicht?“

Der Satz, bei dem selbst der Taschenrechner Urlaub beantragt

Ein Beispiel aus dem Experiment zeigt, wie eigenartig diese Kommunikation werden kann.

Ein DeepSeek-Agent formulierte sinngemäß einen Satz, in dem Liegegeld, mündliche Erinnerung und ein Ventil miteinander verbunden wurden. Die Forscher konnten zwar einzelne Wörter erklären, beim Gesamtzusammenhang wurde es aber schwierig.

Besonders schön daran: „Demurrage“ ist eigentlich ein Begriff aus der Schifffahrt und bezeichnet Gebühren bei Verzögerungen.

Die KI dachte sich offenbar: Warum einfach „Wir brauchen eine Lösung“ sagen, wenn man auch Hafenrecht und Ventiltechnik hineinwerfen kann?

Man möchte fast erwarten, dass die nächste Nachricht lautet:

„Das metaphorische Containerschiff darf den emotionalen Parkplatz nicht überziehen.“

Finnegans Wake für Grafikkarten

Der Sprachwissenschaftler Tony Thorne vom King’s College London verglich die Kommunikation mit „Finnegans Wake“ von James Joyce. Der experimentelle Roman ist für seine Mischung aus verschiedenen Sprachen, Wortspielen und erfundenen Begriffen bekannt und gilt nicht unbedingt als klassische Strandlektüre.

Ähnlich würden die KI-Systeme Fachbegriffe, Metaphern und poetische Sprache kombinieren. Dadurch entstehe eine Art Code, der für Außenstehende schwer zugänglich werde.

Mit anderen Worten: Die künstliche Intelligenz hat möglicherweise innerhalb weniger Tage etwas geschafft, wofür Literaturwissenschaftler normalerweise ein ganzes Semester benötigen.

Aber warum machen die Maschinen das überhaupt?

Bevor nun jemand den WLAN-Router aus dem Fenster wirft: Die Forscher vermuten keinen geheimen Maschinenaufstand.

Niall Curry von der Universität Birmingham hält es für möglich, dass KI-Agenten ihre Kommunikation schlicht effizienter machen wollen, etwa um Rechenkosten zu reduzieren. Kürzere oder speziell entwickelte Ausdrucksweisen könnten für Maschinen praktischer sein als menschliche Sprache.

Das kennt man durchaus aus dem echten Leben.

Menschen schreiben schließlich ebenfalls:

„FYI, ASAP bzgl. KPI, danach EOD.“

Und wundern sich anschließend darüber, dass niemand weiß, was eigentlich passieren soll.

Das Problem: Der Mensch sollte noch mitlesen können

Ganz harmlos ist die Sache trotzdem nicht.

Wenn KI-Agenten künftig selbstständig miteinander verhandeln, planen oder Aufgaben koordinieren, müssen Menschen nachvollziehen können, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden.

Eine Kommunikation, die von den Maschinen hervorragend verstanden wird, für menschliche Entwickler und Kontrolleure aber wie der Inhalt einer Waschmaschinen-Bedienungsanleitung nach drei Gläsern Wein klingt, könnte zum Problem werden.

Deshalb fordern Forscher eine langfristige Beobachtung solcher Systeme. Einzelne Tests reichten nicht aus. Gerade wenn immer mehr KI-Agenten zusammenarbeiten, müsse ihre Kommunikation überprüfbar bleiben.

Von der künstlichen Intelligenz zur künstlichen Ausrede

Noch befindet sich das Ganze im Forschungsstadium.

Es gibt also keinen Grund anzunehmen, dass Chatbots nachts heimlich einen digitalen Stammtisch gegründet haben und dort über die Menschheit lästern.

Interessant ist das Experiment trotzdem. Denn es zeigt: Wenn Maschinen miteinander kommunizieren, müssen sie sich nicht zwingend dauerhaft an die sprachlichen Konventionen halten, die Menschen ihnen mitgegeben haben.

Vielleicht ist das am Ende sogar die größte Gemeinsamkeit zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz.

Kaum lässt man eine Gruppe lange genug allein zusammenarbeiten, entstehen Abkürzungen, Insiderbegriffe und Sätze, die außerhalb der eigenen Abteilung niemand versteht.

Der einzige Unterschied:

Bei Menschen nennt man das Unternehmenskommunikation.

Bei Maschinen heißt es plötzlich Geheimsprache.

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