Es ist wieder einer dieser Texte, bei denen man sich fragt, wie kaputt Menschen eigentlich sein müssen, um aus einem Fest mit Familien, Musik und Feierlaune binnen Sekunden ein Massenszenario für Rettungskräfte zu machen. Im US-Bundesstaat Louisiana raste am Samstag ein 57-jähriger Mann mit dem Auto in eine Menschenmenge bei einer Parade in New Iberia. Mindestens 15 Menschen wurden verletzt, einige davon schwer. Zwei mussten sogar per Hubschrauber ausgeflogen werden. Und weil Amerika ohne groteske Fußnoten offenbar nicht mehr auskommt, soll der Mann nicht nur betrunken gefahren sein, sondern laut Polizei auch noch eine offene Alkoholflasche im Fahrzeug gehabt haben. Man könnte sagen: Verantwortung war an diesem Tag nicht sein Beifahrer.
Der Vorfall ereignete sich während des Louisiana Lao New Year Festivals, also bei einer Veranstaltung, bei der Menschen eigentlich das neue Jahr feiern, zusammenkommen und für ein paar Stunden so tun, als wäre die Welt vielleicht doch nicht komplett irre. Stattdessen kam wieder die amerikanische Spezialdisziplin zum Einsatz: Ein Mann, ein Auto, mutmaßlich Alkohol, und plötzlich ist aus einem Straßenfest ein Großeinsatz geworden. Die Polizei nahm den Fahrer fest. Ihm werden unter anderem Trunkenheit am Steuer, 18 Fälle von fahrlässiger Körperverletzung ersten Grades und rücksichtsloses Fahren vorgeworfen. 18 Fälle. Das ist schon eine Anklageliste, bei der selbst der dümmste Stammtischheld kurz innehalten müsste – theoretisch zumindest.
Die Veranstalter reagierten erwartbar: Konzerte abgesagt, Alkoholverkauf gestoppt, Sicherheitskräfte zur Unfallstelle umgeleitet. Was in solchen Momenten immer besonders bitter ist, weil es zeigt, wie absurd das Ganze ist. Tausende planen ein Kulturfest, organisieren Musik, Ablauf, Sicherheit – und dann reicht ein einzelner offenbar besoffener Idiot mit Autoschlüssel, um den ganzen Abend zu ruinieren. Das ist die traurige Mathematik moderner Großveranstaltungen: Hundert Leute arbeiten daran, dass etwas schön wird. Einer reicht, damit es in den Nachrichten landet.
Natürlich folgte auch das inzwischen perfekt eingeübte politische Ritual. Der Gouverneur betet. Die Generalstaatsanwältin betet ebenfalls. Alle „beten für die Betroffenen“ und danken den Einsatzkräften. Das ist in den USA inzwischen fast schon ein offizielles Krisenprotokoll: Erst kracht es, dann kommt Facebook, dann kommen Gebete, dann die Dankbarkeit für Ersthelfer – und dann geht man möglichst schnell weiter zum nächsten Wahnsinn. Dabei wäre es manchmal erfrischend, wenn ein Politiker einfach ehrlich schreiben würde: „Ein betrunkener Volltrottel ist in eine Menschenmenge gefahren. Wir hoffen, dass er für sehr lange Zeit nie wieder ein Lenkrad sieht.“ Aber nein, stattdessen gibt es wieder das übliche Pathos-Menü aus Anteilnahme, Gebetsformeln und standardisierter Betroffenheitsrhetorik.
Immerhin: Die Rettungskräfte taten, was sie immer tun, wenn andere komplett versagen. 13 Menschen wurden mit Krankenwagen ins Spital gebracht, zwei per Hubschrauber ausgeflogen. Das örtliche Krankenhaus sprach von einer „dynamischen Lage“, was Krankenhaus-Sprache für „es ist gerade Chaos, wir tun alles“ ist. Und genau da liegt wie so oft der einzige wirklich beruhigende Teil solcher Meldungen: Während ein Mensch völlig verantwortungslos handelt, funktionieren wenigstens die anderen. Sanitäter, Ärzte, Polizei, Ersthelfer – also jene Leute, die nie auf Wahlplakaten groß genug abgebildet werden, aber am Ende den Laden zusammenhalten.
Was bleibt, ist ein weiterer dieser Fälle, die so banal wie erschütternd sind. Kein hochkomplexes Motiv, kein geopolitischer Irrsinn, kein elaborierter Plan – sondern mutmaßlich einfach Alkohol, Rücksichtslosigkeit und ein Mensch, der offensichtlich nie in die Nähe eines Autos gehört hätte. Und genau das macht solche Geschichten so unerquicklich: Sie sind nicht spektakulär im großen politischen Sinn. Sie sind einfach nur brutal dumm. Ein Fest wird zerstört, Menschen werden verletzt, Familien traumatisiert, Rettungskräfte arbeiten unter Hochdruck – und am Ende steht wieder ein Typ da, bei dem man sich nur fragt, warum manche Menschen überhaupt noch einen Führerschein haben.
Die Bewertung:
Nicht die Parade ist entgleist. Ein mutmaßlich betrunkener Fahrer ist entgleist – mit Ansage, mit offener Flasche und mit verheerenden Folgen.
Für die Opfer bleibt zu hoffen, dass sie sich erholen. Für den Täter bleibt zu hoffen, dass ihm ein Richter sehr unmissverständlich erklärt, dass „careless operation“ in diesem Fall noch die freundlichste Formulierung des Tages ist.
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