London. Morgens der erste Blick aufs Smartphone, abends der letzte – für viele Menschen gehört das längst zum Alltag. Doch für manche wird aus intensiver Nutzung eine echte Abhängigkeit. Therapeuten berichten von einer wachsenden Zahl von Patienten, die professionelle Hilfe suchen, weil sie ihr Handy kaum noch aus der Hand legen können.
Einer von ihnen ist der Londoner Fitnesstrainer Marios. Nach eigenen Angaben verbringt er an schlechten Tagen bis zu 14 Stunden vor dem Smartphone. Vor allem soziale Netzwerke ziehen ihn immer wieder in ihren Bann. Selbst während einer Therapiesitzung verspürt er den Drang, eingehende Nachrichten sofort zu beantworten. Er beschreibt das Gefühl, als trage er seine persönliche Droge ständig in der Hosentasche.
Offiziell gilt Handysucht bislang zwar nicht als eigenständige medizinische Diagnose. Dennoch beobachten Suchtexperten seit Jahren einen deutlichen Anstieg problematischer Smartphone-Nutzung. Nach Angaben britischer Therapieeinrichtungen entwickeln inzwischen viele Patienten neben anderen Suchterkrankungen auch eine starke Abhängigkeit von digitalen Geräten.
Therapeuten erklären das mit dem Belohnungssystem des Gehirns. Jede neue Nachricht, jedes „Gefällt mir“ oder jede neue Information kann kurzfristig Glücksgefühle auslösen. Mit der Zeit entsteht bei manchen Menschen das Bedürfnis, diesen Reiz immer häufiger zu erleben. Das Smartphone wird so zum ständigen Begleiter – und oft auch zum Fluchtort vor Einsamkeit, Stress oder belastenden Gefühlen.
Besonders problematisch wird es, wenn Betroffene ihren Alltag kaum noch ohne Bildschirm bewältigen können. Manche schlafen schlecht, vernachlässigen soziale Kontakte oder verlieren sich stundenlang in sozialen Netzwerken, Videos oder Nachrichtenportalen. Das eigentliche Vergnügen weicht dabei häufig einem zwanghaften Nutzungsverhalten.
In spezialisierten Therapiezentren lernen Betroffene deshalb, ihre Bildschirmzeit schrittweise zu reduzieren und die Ursachen ihrer Abhängigkeit besser zu verstehen. Neben Einzel- und Gruppengesprächen geht es darum, neue Strategien für den Umgang mit Stress, Langeweile oder Einsamkeit zu entwickeln.
Auch Selbsthilfegruppen gewinnen an Bedeutung. Nach dem Vorbild klassischer Suchthilfe unterstützen sich dort Menschen gegenseitig dabei, ihren digitalen Konsum dauerhaft unter Kontrolle zu bringen. Viele berichten, dass sie dadurch wieder mehr Freude an persönlichen Begegnungen, Sport oder anderen Freizeitaktivitäten gefunden haben.
Psychotherapeuten raten allen, die sich Sorgen um ihren eigenen Smartphone-Konsum machen, zunächst das eigene Nutzungsverhalten kritisch zu beobachten. Bildschirmzeit-Funktionen moderner Smartphones können dabei helfen. Ebenso sinnvoll sei es, bewusste handyfreie Zeiten einzuplanen und stattdessen Aktivitäten nachzugehen, die ohne Bildschirm auskommen – etwa Bewegung, Lesen oder Treffen mit Freunden.
Auch Marios sieht erste Fortschritte. Zwar greift er noch häufig automatisch zum Smartphone, doch mit jeder Woche falle es ihm leichter, den Impuls zu kontrollieren. Sein Ziel ist nicht der vollständige Verzicht auf digitale Technik, sondern ein gesunder Umgang damit. Denn für ihn steht fest: Das Smartphone soll wieder ein Werkzeug sein – und nicht länger den Alltag bestimmen.
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