Na endlich: Der Fußball wird gerettet.
Nicht durch schönere Spiele, bezahlbare Tickets, weniger Belastung für die Spieler oder transparente Verbände. Nein, gerettet wird er durch die Drohung, einfach nicht mehr mitzuspielen.
Die 55 Mitgliedsverbände der UEFA haben sich auf einen möglichen Boykott kommender Weltmeisterschaften verständigt. Sollte die FIFA Teile ihrer kommerziellen Rechte an private Investoren verkaufen, könnten Europas Nationalmannschaften zu Hause bleiben.
Dann gäbe es die Weltmeisterschaft der Männer 2030 womöglich ohne Spanien, England, Frankreich oder Deutschland. Auch die Frauen-WM im kommenden Sommer in Brasilien könnte betroffen sein.
Ein echtes Fußballfest also – nur möglicherweise ohne einen erheblichen Teil der besten Mannschaften.
Die FIFA entdeckt den Investor
FIFA-Präsident Gianni Infantino möchte mit dem Verkauf von Anteilen an kommerziellen Rechten offenbar eine Milliardensumme einnehmen.
Offiziell handelt es sich natürlich nicht einfach um den Verkauf eines weiteren Stücks Fußball. Es ist vielmehr eine „einmalige Chance, die weltweite Entwicklung des Fußballs deutlich zu beschleunigen“.
Diese Sprache kennt man.
Wenn etwas teurer, kommerzieller und undurchsichtiger wird, dient es grundsätzlich der Entwicklung. Wenn Investoren mitverdienen, profitieren selbstverständlich alle. Und wenn die Verbände schnell zustimmen, gibt es angeblich sogar noch eine Sonderzahlung.
So sieht moderne Überzeugungsarbeit aus:
Unterschreibt bis zum 19. September – dann gibt’s Geld.
Früher nannte man das Zeitdruck. Im Weltfußball heißt es vermutlich Solidaritätsbonus.
Die UEFA verteidigt plötzlich die Seele des Spiels
Die UEFA ist empört.
Ausgerechnet die UEFA, die selbst seit Jahren Wettbewerbe vergrößert, zusätzliche Spieltage erfindet, Fernsehpakete optimiert und kaum eine freie Woche unkommerzialisiert lässt, zieht nun die moralische Notbremse.
Das ist ungefähr so, als würde sich ein Spielhallenbetreiber öffentlich über einen zusätzlichen Geldautomaten beschweren.
Plötzlich geht es um Prinzipien, Unabhängigkeit und die Zukunft des Fußballs. Das klingt wunderbar. Fast könnte man vergessen, dass auch im europäischen Fußball das Geld normalerweise nicht gerade als störender Nebenaspekt behandelt wird.
Der entscheidende Unterschied scheint daher weniger zu sein, ob kommerzialisiert wird.
Entscheidend ist offenbar, wer dabei die Kassa bedient.
Ohne Europa keine richtige WM?
Die Boykottdrohung hat Gewicht. Eine Weltmeisterschaft ohne die großen europäischen Nationalmannschaften wäre sportlich deutlich geschwächt.
Die FIFA könnte das Turnier natürlich trotzdem austragen. Es gäbe Stadien, Sponsoren, Fernsehrechte, Maskottchen und vermutlich eine besonders bewegende Eröffnungsrede über die Einheit der Fußballfamilie.
Nur der Fußball selbst wäre möglicherweise ein wenig weniger weltmeisterlich.
Aber vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Solange ausreichend Werbebanden sichtbar sind und irgendein Investor die Rechte an der Zeitlupe besitzt, wird sich schon ein Sieger finden.
Dann heißt es am Ende:
„Historischer Weltmeistertitel – Europa war leider terminlich verhindert.“
Und was ist mit den Spielerinnen und Spielern?
Besonders bemerkenswert ist, dass über einen Boykott entschieden wird, dessen sportliche Folgen vor allem andere tragen würden.
Die Verbandsfunktionäre stimmen ab. Die Spieler verlieren möglicherweise die einzige WM-Teilnahme ihrer Karriere.
Die FIFA verhandelt über Milliarden. Die Nationalteams sollen aus Protest zu Hause bleiben.
Und die Fans dürfen anschließend erklären, warum sie jahrelang Qualifikationsspiele verfolgt, Trikots gekauft und Reisen geplant haben, wenn das Turnier am Ende wegen eines Streits über kommerzielle Beteiligungen möglicherweise ohne ihre Mannschaft stattfindet.
Der Fußballfan ist eben das zuverlässigste Mitglied der sogenannten Fußballfamilie.
Er darf zahlen, hoffen und am Ende Verständnis für die strategischen Interessen der Erwachsenen am Verhandlungstisch zeigen.
Der große Kampf um die Reinheit des Geldes
Natürlich ist die Kritik am geplanten Investoreneinstieg berechtigt.
Wer sich an den kommerziellen Rechten der FIFA beteiligt, wird eine Rendite erwarten. Private Investoren steigen nicht aus Liebe zur Viererkette ein. Sie wollen Einnahmen, Einfluss und langfristige Verwertungschancen.
Damit stellt sich die Frage, wer künftig über zentrale Bestandteile des Weltfußballs entscheidet. Werden Turniere noch stärker nach wirtschaftlichen Interessen ausgerichtet? Entstehen neue Abhängigkeiten? Und verkauft die FIFA langfristige Einnahmen, um kurzfristig besonders viel Geld einzunehmen?
Das sind wichtige Fragen.
Nur wirkt der Streit ein wenig absurd, wenn ausgerechnet jene Verbände den Ausverkauf beklagen, die den Fußball selbst seit Jahren wie ein ständig erweiterbares Medienprodukt behandeln.
Die FIFA möchte offenbar einen Teil des Geschäfts verkaufen.
Die UEFA möchte verhindern, dass jemand anderes daran verdient.
Und beide Seiten erklären, sie kämpften ausschließlich für den Fußball.
Wie praktisch.
Frauen-WM als Druckmittel
Dass auch die Frauen-Weltmeisterschaft in Brasilien betroffen sein könnte, macht die Sache besonders bitter.
Der Frauenfußball kämpft vielerorts weiterhin um bessere Strukturen, höhere Sichtbarkeit und verlässliche Finanzierung. Nun könnte ausgerechnet sein wichtigstes Turnier zum Druckmittel in einem Machtkampf zwischen Verbänden werden.
Man könnte die Spielerinnen natürlich fragen, was sie davon halten.
Aber womöglich würde das den reibungslosen Ablauf der Funktionärsdiplomatie stören.
Hat der Fußball damit gewonnen?
Noch hat niemand eine WM boykottiert. Noch handelt es sich um eine Drohung und damit um ein Mittel, um die FIFA zum Einlenken zu bewegen.
Vielleicht funktioniert der Druck. Vielleicht wird der Investorendeal gestoppt oder verändert. Dann könnten sich alle Beteiligten anschließend als Retter des Spiels feiern lassen.
Doch selbst dann bleibt ein schaler Eindruck.
Denn der aktuelle Streit zeigt erneut, dass der internationale Fußball weniger an einem Mangel an Geld leidet als an einem Mangel an Vertrauen.
Die FIFA traut den europäischen Verbänden nicht. Die UEFA traut der FIFA nicht. Die Verbände trauen möglichen Investoren nicht. Und die Fans trauen inzwischen fast niemandem mehr.
Alle reden von Entwicklung, Verantwortung und der Zukunft des Fußballs.
Gemeint sind jedoch erstaunlich oft Vermarktungsrechte, Milliardensummen und Machtverhältnisse.
Fazit
Ein WM-Boykott Europas würde die FIFA empfindlich treffen. Er würde aber ebenso Spieler, Fans und Gastgeber bestrafen.
Die Drohung kann deshalb ein wirksames Druckmittel sein. Ein Sieg für den Fußball wäre sie noch lange nicht.
Gewonnen hätte der Fußball erst dann, wenn seine Verbände transparent erklären würden, welche Rechte verkauft werden sollen, wer daran verdient, welche langfristigen Folgen entstehen und warum ständig neue Milliarden benötigt werden.
Bis dahin bleibt nur die berühmte Fußballweisheit:
Es geht um das Spiel – aber zuerst müssen wir noch klären, wem es gehört.
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