Wenig Hoffnung auf Deeskalation – aber jede Menge Größenwahn
Dienstagabend läuft also wieder einmal ein Ultimatum aus. Eines von vielen. US-Präsident Donald Trump hat dem Iran eine Frist gesetzt, der Iran hat darauf wie gewohnt mit Pathos, Drohungen und einer neuen Portion geopolitischer Selbstüberschätzung geantwortet. Willkommen in der nächsten Folge von „Weltpolitik für Pyromanen“.
Teheran will sich selbstverständlich nicht auf „Ultimaten und Fristen“ einlassen. Warum auch? Wenn man jahrzehntelang ein Regime aufgebaut hat, das wirtschaftlich ruiniert, international isoliert und innenpolitisch repressiv ist, dann sind ein paar weitere Drohungen von außen auch nur noch dekoratives Hintergrundrauschen.
Die Straße von Hormus als Mautstation der Apokalypse
Besonders originell gibt sich der Iran derzeit bei der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Schlagadern für den weltweiten Energiehandel. Die soll, so der neueste Einfall aus Teheran, künftig offenbar nicht einfach wieder geöffnet werden – jedenfalls nicht, bevor man nicht für den „aufgezwungenen Krieg“ entschädigt wird.
Mit anderen Worten:
Erst Öl und Gas als globale Geisel nehmen, dann noch Maut kassieren.
Die Revolutionsgarde ließ dazu verlauten, die Meerenge werde „niemals wieder in ihren früheren Zustand zurückkehren“. Das klingt ungefähr so, als hätte ein Brandstifter die Feuerwehr ausgesperrt und würde anschließend Parkgebühren verlangen.
15 Schiffe durften am Sonntag angeblich passieren. Wie großzügig. Offenbar gibt es jetzt im Persischen Golf eine Art islamische ASFINAG in Tarnuniform.
Trump beleidigt, Teheran beleidigt zurück – Diplomatie auf Kindergartenniveau
Donald Trump wiederum hob das Niveau wie gewohnt noch einmal an. Sollte Teheran bis Dienstagabend nicht einlenken, drohte er mit Angriffen auf Kraftwerke und Brücken. Auf Truth Social formulierte er das mit jener staatsmännischen Eleganz, für die man ihn kennt:
„Öffnet die Scheißstraße, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle landen.“
Man muss fair bleiben:
Wenn es darum geht, einen möglichen Flächenbrand im Nahen Osten mit der sprachlichen Finesse eines betrunkenen Wrestling-Managers zu begleiten, ist Trump nach wie vor Weltklasse.
Teheran reagierte empört. Trumps Sprecher in Iran nannte ihn ebenfalls einen „Bastard“, sprach von Wahnsinn und totalem Krieg. Das ist ungefähr der Moment, in dem zwei Männer mit Benzinkanistern sich gegenseitig vorwerfen, zu verantwortungslos mit Feuer umzugehen.
Russland fordert Verhandlungen – ausgerechnet Russland
Natürlich meldete sich auch Moskau zu Wort. Außenminister Sergej Lawrow mahnte, Washington solle die „Sprache der Ultimaten“ aufgeben und an den Verhandlungstisch zurückkehren.
Das ist besonders rührend.
Russland, das Land, das seine Außenpolitik seit Jahren mit Raketen, Annexionen und Kriegsverbrechen illustriert, erklärt plötzlich die Vorzüge diplomatischer Zurückhaltung.
Man wartet eigentlich nur noch darauf, dass Nordkorea einen Workshop zu Deeskalation anbietet.
Teheran entdeckt plötzlich das Völkerrecht
Der Iran wiederum wirft Trump nun offen vor, „Kriegsverbrechen“ anzukündigen, weil er essenzielle zivile Infrastruktur bedrohe. Das mag inhaltlich durchaus zutreffen – nur wirkt es aus dem Mund eines Regimes, das seit Jahrzehnten Terrornetzwerke finanziert, Nachbarstaaten destabilisiert, Oppositionelle einsperrt und die eigene Bevölkerung regelmäßig mit dem Knüppel an den Rand der Verzweiflung treibt, sagen wir: bemerkenswert selektiv.
Wenn autoritäre Regime das Völkerrecht entdecken, ist das oft kein moralischer Durchbruch – sondern nur ein Hinweis darauf, dass gerade die eigene Seite getroffen wird.
Letzte Chance vor der Eskalation – zum 37. Mal
Wie immer, wenn alle Seiten kurz davor sind, die Region endgültig in Brand zu setzen, berichten Insider plötzlich von einer „letzten Chance“. Diesmal soll es laut US-Medien einen Versuch geben, einen 45-tägigen Waffenstillstand auszuhandeln. Also jene klassische Formel internationaler Krisenpolitik:
Wir machen kurz Pause beim Eskalieren, um danach mit besserer PR weiterzumachen.
Pakistan soll vermitteln, ein Zweistufenplan sei im Umlauf, Telefonleitungen glühten, alle redeten mit allen. Natürlich betont Teheran gleichzeitig, keine Ultimaten zu akzeptieren. Trump wiederum rechnet mit einem „Deal“, weil Trump grundsätzlich mit einem „Deal“ rechnet – selbst wenn um ihn herum gerade Raffinerien brennen und die Welt nervös auf den Ölpreis starrt.
Die Revolutionsgarde verliert ihren Geheimdienstchef – und bleibt trotzdem überrascht
Parallel dazu meldete die iranische Revolutionsgarde den Tod ihres Geheimdienstchefs Madschid Chademi, getötet bei einem US-israelischen Angriff. Teheran spricht, wie immer, vom „verbrecherischen Terroranschlag des amerikanisch-zionistischen Feindes“.
Der übliche Jargon, die übliche Pose, das übliche Märtyrer-Theater.
Die Wahrheit ist brutaler:
Die Revolutionsgarde verliert erneut einen ranghohen Funktionär – und das in einem Moment, in dem sie gleichzeitig Stärke demonstrieren, Hormus kontrollieren, die Region einschüchtern und dem Westen die Stirn bieten will. Das Regime wirkt nach außen aggressiv, nach innen aber zunehmend wie eine Macht, die überall Härte inszenieren muss, weil sie längst spürt, wie brüchig ihre eigene Statik geworden ist.
Tote, zerstörte Infrastruktur, strategische Idiotie
Während all diese Herren in Uniformen, Anzügen und Ideologieblasen ihre Drohungen austauschen, sterben Menschen.
Im Iran durch Luftangriffe.
In Israel durch Raketen.
Im Libanon durch israelische Angriffe.
In den Golfstaaten durch Attacken auf Energie- und Wasserinfrastruktur.
Kuwait meldet beschädigte Erdölanlagen und eine Entsalzungsanlage. Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate berichten ebenfalls von Angriffen. Die Region bewegt sich also weiter mit hoher Geschwindigkeit in Richtung multinationaler Selbstzerstörung mit angeschlossener Energiekrise.
Was haben die Mullahs schon zu verlieren?
Und damit zur eigentlichen Frage.
Was haben die Mullahs noch zu verlieren?
Wirtschaftlich ist der Iran seit Jahren angeschlagen.
Gesellschaftlich ist das Regime von innen ausgehöhlt.
Politisch regiert es vor allem durch Repression, Angst und ideologische Starrheit.
International hängt es an Netzwerken der Eskalation, nicht an denen der Stabilität.
Ein solches System denkt nicht in Wohlstand, Reform oder Zukunft.
Es denkt in Kontrolle, Symbolik und Machterhalt.
Deshalb ist die eigentliche Gefahr nicht, dass Teheran zu irrational handelt.
Die eigentliche Gefahr ist, dass das Regime sehr rational innerhalb seiner eigenen Logik handelt:
Lieber die Region in Geiselhaft nehmen, als Schwäche zeigen.
Lieber Handelsrouten destabilisieren, als innenpolitisch angreifbar werden.
Lieber die Welt mit Hormus erpressen, als den eigenen Machtanspruch relativieren.
Denn wer nichts mehr zu gewinnen hat außer Zeit – und nichts mehr zu verteidigen glaubt außer Herrschaft –, für den wird Eskalation schnell zur letzten verbliebenen Währung.
Und genau deshalb gibt es derzeit so wenig Hoffnung auf Deeskalation.
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