Während die USA und Israel den militärischen Konflikt mit dem Iran offiziell als Erfolg darstellen, zieht man in Peking ganz andere Schlüsse. Aus chinesischer Sicht hat der Krieg vor allem gezeigt, dass die Vereinigten Staaten zwar weiterhin die stärkste Militärmacht der Welt sind, ihre Fähigkeit zur politischen Durchsetzung jedoch Grenzen hat.
Der Iran steht noch – und das zählt in Peking
Als die Angriffe auf den Iran begannen, befürchtete die chinesische Führung offenbar einen Zusammenbruch des Regimes in Teheran. Ein solcher Ausgang hätte einen wichtigen Partner Chinas im Nahen Osten geschwächt und den Einfluss Washingtons gestärkt.
Doch vier Monate später sitzt die iranische Führung weiterhin fest im Sattel. Statt eines Regimewechsels gab es Verhandlungen, einen Waffenstillstand und nun ein Übergangsabkommen zwischen Washington und Teheran.
Für China ist das ein wichtiges Signal: Selbst massive militärische Gewalt führte nicht zu dem politischen Ergebnis, das viele Beobachter erwartet hatten.
China inszeniert sich als Friedensmacht
Peking nutzte den Konflikt geschickt für die eigene Außendarstellung. Während die USA militärisch involviert waren, präsentierte sich China als Vermittler und Verfechter diplomatischer Lösungen.
Präsident Xi Jinping veröffentlichte einen Friedensplan, Außenminister Wang Yi führte zahlreiche Gespräche mit den Konfliktparteien, und eine Reihe internationaler Spitzenpolitiker reiste nach Peking.
Besonders bemerkenswert: Selbst Donald Trump lobte öffentlich Chinas Verhalten während der Krise und bedankte sich bei Xi Jinping für dessen angeblich konstruktive Rolle.
Energieversorgung als strategischer Vorteil
Ein weiterer Grund für Chinas Zufriedenheit liegt in der Energiepolitik.
Der Krieg löste massive Turbulenzen auf den Energiemärkten aus. Viele Staaten litten unter steigenden Preisen und Versorgungsängsten. China kam vergleichsweise glimpflich davon.
Dafür gibt es mehrere Gründe:
- große strategische Ölreserven
- weiterhin hohe Importe von iranischem Öl
- massiver Ausbau von Elektroautos
- zunehmende Nutzung erneuerbarer Energien
Dadurch war die chinesische Wirtschaft deutlich weniger verwundbar als viele Konkurrenten.
Debatte über einen amerikanischen „Suez-Moment“
In chinesischen Medien und Universitäten wird inzwischen eine spannende Frage diskutiert:
War der Iran-Krieg ein „Suez-Moment“ für die USA?
Der Begriff erinnert an die Suez-Krise von 1956, die als Symbol für den Niedergang des britischen Weltmachtstatus gilt.
Einige chinesische Experten argumentieren, dass der Krieg die Grenzen amerikanischer Macht sichtbar gemacht habe:
- kein Regimewechsel im Iran
- hohe wirtschaftliche Kosten
- begrenzte Unterstützung durch Verbündete
- Belastung von Munitionsbeständen
- zunehmende Zweifel an der globalen Führungsrolle Washingtons
Ob diese Einschätzung zutrifft, bleibt umstritten. Dennoch zeigt sie, wie die chinesische Elite die Entwicklung interpretiert.
Taiwan bleibt der eigentliche Prüfstein
Besonders aufmerksam verfolgt Peking, welche Lehren aus dem Konflikt für Taiwan gezogen werden können.
Einige chinesische Kommentatoren argumentieren, der Krieg habe gezeigt, dass die USA Schwierigkeiten hätten, große internationale Koalitionen gegen starke Gegner aufzubauen.
Für die chinesische Führung könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass Washington im Konflikt um Taiwan weniger Unterstützung erhalten würde als oft angenommen.
China will nicht Amerika ersetzen
Trotz aller Selbstzufriedenheit gibt es in Peking auch Zurückhaltung.
Viele chinesische Experten betonen, dass China nicht die Rolle einer klassischen Supermacht nach amerikanischem Vorbild übernehmen wolle. Stattdessen werbe man für eine multipolare Weltordnung, in der mehrere Machtzentren existieren.
Der entscheidende Punkt lautet daher:
China glaubt, dass der Iran-Krieg seine Position gestärkt hat. Gleichzeitig weiß die Führung, dass diplomatisches Prestige allein nicht ausreicht. Wenn Peking tatsächlich mehr Einfluss gewinnen will, muss es künftig nicht nur Kritik an den USA üben, sondern auch eigene Lösungen für internationale Krisen liefern.
Aus chinesischer Sicht lautet die Bilanz deshalb: Der Iran hat überlebt, die USA wirken weniger unantastbar und China konnte sein Image als alternative Ordnungsmacht stärken – ohne selbst einen einzigen Schuss abzugeben.
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