Oliver Blume möchte das neue Sparpaket für Volkswagen noch in diesem Jahr beschließen lassen. Das klingt zunächst entschlossen. Bei VW bedeutet „entschlossen“ allerdings: Der Vorstandschef macht einen Vorschlag, anschließend reden Gewerkschaften, Arbeitnehmervertreter, das Land Niedersachsen, die Familien Porsche und Piëch sowie diverse Gremien mit – und am Ende darf Blume verkünden, worauf sich alle anderen geeinigt haben.
Man muss ihn fast bedauern. Auf dem Papier ist er Vorstandsvorsitzender eines der größten Autokonzerne der Welt. In der Praxis erinnert seine Rolle eher an die eines gut bezahlten Konferenzleiters: Er eröffnet die Sitzung, moderiert die Wortmeldungen und hofft, dass irgendwann tatsächlich eine Entscheidung fällt.
Vor zwei Wochen wurde das Sparprogramm erstmals ausführlich im Aufsichtsrat besprochen. Heraus kam erwartungsgemäß kein umfassender Beschluss. Blume sprach von „konstruktiven, aber auch kontroversen Diskussionen“. Das ist Konzernsprache für: Alle haben geredet, niemand wollte nachgeben und entschieden wurde vorsichtshalber nichts.
Im September folgt die nächste Sitzung. Vielleicht gelingt dann der große Durchbruch. Oder zumindest die Einigung auf einen Termin für die Sitzung, in der später möglicherweise ein Beschluss vorbereitet werden könnte.
Vier Werke und 50.000 Stellen stehen zur Debatte
Dabei ist die Lage alles andere als gemütlich. Vier Werke und bis zu 50.000 zusätzliche Arbeitsplätze könnten von den Sparplänen betroffen sein. Doch wer bei Volkswagen ernsthafte Einschnitte durchsetzen will, muss zunächst durch ein Geflecht aus Mitbestimmung, politischen Interessen, Eigentümerfamilien und regionalen Befindlichkeiten navigieren.
Jede dieser Gruppen besitzt Einfluss, Vetorechte oder zumindest ausreichend Lautstärke, um Entscheidungen zu verzögern. Das mag historisch gewachsen und politisch gewollt sein. Für eine schnelle Sanierung ist es ungefähr so hilfreich wie ein Lenkrad, an dem fünf Personen gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen ziehen.
Blume darf dabei den Vorstandsboss geben, tatsächlich aber vor allem moderieren. Ein echter Konzernchef würde entscheiden, Verantwortung übernehmen und die Folgen tragen. Bei Volkswagen entscheidet dagegen ein kompliziertes Machtgefüge – und der Vorstandsvorsitzende darf anschließend erklären, warum der Kompromiss alternativlos war.
Gewinneinbruch mit vertrauten Erklärungen
Der Nettogewinn sank im zweiten Quartal um 32,9 Prozent auf 1,54 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 2,29 Milliarden Euro. Vor allem der schwache Absatz in China belastete das Ergebnis.
Als Gründe nannte Blume geopolitische Krisen, Handelskonflikte, regulatorische Anforderungen, volatile Märkte und verschärften Wettbewerb. Es fehlten eigentlich nur noch schlechtes Wetter, ungünstige Sternenkonstellationen und überraschend zurückhaltende Autokäufer.
Natürlich sind die genannten Probleme real. Nur treffen Handelskonflikte, Regulierung und Wettbewerb nicht ausschließlich Volkswagen. Andere Hersteller müssen ebenfalls damit umgehen – manche sogar, ohne vorher einen politischen Vermittlungsausschuss einzuberufen.
Das eigentliche Volkswagen-Problem liegt deshalb nicht nur in China, im Elektroautomarkt oder bei den Kosten. Es liegt auch in einer Struktur, in der sehr viele Beteiligte Einfluss nehmen, aber kaum jemand allein die Verantwortung trägt.
Viele Köche, ein teurer Brei
Volkswagen ist das perfekte Beispiel für das alte Sprichwort: Viele Köche verderben den Brei. Nur handelt es sich hier um einen Brei mit mehreren Marken, Hunderttausenden Beschäftigten und milliardenschweren Zutaten.
Die Gewerkschaft will Arbeitsplätze schützen. Niedersachsen will Standorte erhalten. Die Eigentümerfamilien wollen Einfluss und Rendite. Das Management will Kosten senken und wettbewerbsfähiger werden. Jeder Wunsch ist für sich nachvollziehbar. Zusammen entsteht daraus jedoch ein Konzern, der selbst in einer akuten Krise noch monatelang darüber diskutiert, ob er sich eine Entscheidung zumuten darf.
Oliver Blume möchte bis Jahresende „ein großes Stück weiter“ sein. Bei einem normalen Unternehmen wäre das eine bemerkenswert bescheidene Zielsetzung. Bei Volkswagen könnte es bereits als Erfolg gelten, wenn bis dahin alle Beteiligten anerkennen, dass tatsächlich ein Problem existiert.
Ob anschließend auch gehandelt wird, entscheidet dann vermutlich die nächste Sitzung.
Kommentar hinterlassen