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Vier VW-Werke ohne Zukunft? Dann geht es längst nicht mehr nur um Volkswagen

geralt (CC0), Pixabay
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Sollten sich die aktuellen Berichte über die Zukunft von Volkswagen bestätigen, dann steht Deutschland vor einer industriepolitischen Auseinandersetzung, deren Dimension weit über vier Werkstore hinausgeht.

Nach einem Bericht der „WirtschaftsWoche“ plant der Volkswagen-Vorstand, die Fahrzeugproduktion in Emden und Zwickau 2031, in Hannover 2032 und am Audi-Standort Neckarsulm 2034 auslaufen zu lassen. Das Papier soll dem Aufsichtsrat vorgelegt werden. Volkswagen selbst hat die Inhalte bislang nicht bestätigt und erklärt, interne Unterlagen nicht zu kommentieren.

Diese Unterscheidung ist wichtig:

Ein geplantes Produktionsende ist noch nicht automatisch die endgültige Schließung eines gesamten Standortes.

Es könnten neue Nutzungen entstehen, andere Produkte angesiedelt oder Teile der Werke weiterbetrieben werden.

Aber genauso wenig darf man die Meldungen kleinreden.

Denn wenn ein Automobilkonzern bereits Jahre im Voraus plant, die Nachfolger heutiger Modelle nicht mehr an deutschen Standorten zu produzieren, fällt eine strategische Entscheidung über deren Zukunft.

Und für Zehntausende Beschäftigte bedeutet das zunächst einmal etwas ganz Einfaches:

Unsicherheit.

Rund 44.700 Menschen arbeiten direkt an diesen vier Standorten

Die Zahlen zeigen, worüber wir eigentlich reden.

Im Volkswagen-Werk Emden arbeiten derzeit mehr als 7.700 Beschäftigte.

In Zwickau sind es rund 8.000 Stammbeschäftigte.

Im Nutzfahrzeugwerk Hannover-Stöcken arbeiten rund 13.500 Menschen.

Und Audi beschäftigt in Neckarsulm 15.509 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Zusammengerechnet sind das rund:

44.700 Menschen.

Aber auch diese Zahl muss man richtig einordnen.

Sie bedeutet nicht, dass bei einem Auslaufen der heutigen Fahrzeugproduktion automatisch 44.700 Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren würden.

Bis 2031, 2032 oder 2034 gehen Beschäftigte in Rente. Es gibt Altersteilzeit, natürliche Fluktuation, mögliche Versetzungen, andere Unternehmensbereiche, neue Geschäftsfelder und vielleicht auch völlig neue Produkte.

Aber genauso falsch wäre die Behauptung, ein Ende der Fahrzeugproduktion hätte für diese Menschen kaum Auswirkungen.

Denn die wichtigste Frage eines Automobilwerks lautet irgendwann:

Was bauen wir danach?

Und wenn darauf keine Antwort mehr existiert, beginnt das eigentliche Problem.

Hinter jedem Arbeitsplatz steht eine Familie

Bei solchen Diskussionen wird schnell mit Zahlen hantiert.

7.700.

8.000.

13.500.

15.509.

Aber hinter jeder einzelnen Zahl steht ein Mensch.

Da arbeitet vielleicht jemand seit 28 Jahren im Werk.

Das Haus ist noch nicht abbezahlt.

Die Tochter studiert.

Der Sohn beginnt gerade eine Ausbildung.

Der Partner arbeitet möglicherweise ebenfalls in einem Unternehmen, dessen Aufträge wiederum von Volkswagen abhängen.

Und plötzlich liest diese Familie morgens in der Zeitung, dass das Werk vielleicht in fünf oder acht Jahren keine Autos mehr bauen soll.

Da hilft auch der Satz wenig:

„Bis dahin ist ja noch Zeit.“

Gerade diese Zeit kann psychologisch besonders belastend sein.

Denn Menschen müssen Entscheidungen treffen.

Kaufe ich noch ein Haus?

Bleibe ich in der Region?

Beginnt mein Kind seine Ausbildung bei Volkswagen?

Muss ich mich mit 50 noch einmal beruflich komplett neu orientieren?

Hat der Standort überhaupt eine Zukunft?

Solche Unsicherheit verändert Unternehmen bereits lange bevor das letzte Fahrzeug vom Band läuft.

Emden: Wenn Volkswagen hustet, bekommt Ostfriesland eine Erkältung

Besonders deutlich wird die regionale Abhängigkeit in Emden.

Volkswagen selbst bezeichnet das Werk als größten Arbeitgeber westlich von Bremen und nördlich des Ruhrgebiets. Kommunalpolitiker nennen VW den größten Industriearbeitgeber Ostfrieslands.

Hier geht es also nicht um irgendeine Fabrik.

VW ist Teil der wirtschaftlichen Struktur einer ganzen Region.

Die Industrie- und Handelskammer für Ostfriesland und Papenburg spricht von rund 8.000 direkten Beschäftigten und zahlreichen weiteren Arbeitsplätzen bei Zulieferern und Dienstleistern.

Und was bedeutet das praktisch?

Wenn ein großes Werk weniger produziert, betrifft das den Logistiker.

Den Teilelieferanten.

Die Reinigungsfirma.

Den Sicherheitsdienst.

Den Maschinenbauer.

Das Ingenieurbüro.

Den Bäcker morgens vor der Frühschicht.

Das Restaurant.

Den Autohändler.

Den Immobilienmarkt.

Und irgendwann auch die kommunalen Steuereinnahmen.

Ein Industriearbeitsplatz existiert eben niemals isoliert.

Zwickau: Erst Milliarden in die Elektromobilität – und dann Schluss?

Zwickau wäre vielleicht sogar der symbolisch problematischste Fall.

Dieses Werk wurde zum großen Vorzeigeprojekt der deutschen Elektromobilität umgebaut.

Hier sollte gezeigt werden:

Transformation kann funktionieren.

Heute produziert Zwickau ausschließlich Elektrofahrzeuge verschiedener Konzernmarken. Rund 8.000 Menschen arbeiten dort direkt.

Und nun soll ausgerechnet dieser Standort nach dem Bericht ab 2031 seine Fahrzeugproduktion verlieren?

Das wäre industriepolitisch erklärungsbedürftig.

Die sächsische Landesregierung warnt entsprechend vor weitreichenden Auswirkungen. Das Wirtschaftsministerium spricht davon, dass neben den rund 8.000 direkten Beschäftigten Zehntausende weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern und im regionalen Umfeld mit dem Standort verbunden seien.

Ob jede dieser Zahlen am Ende tatsächlich unmittelbar gefährdet wäre, lässt sich heute nicht seriös sagen.

Aber die grundsätzliche Aussage ist richtig:

Zwickau ist kein isoliertes Werk. Zwickau ist Mittelpunkt eines industriellen Netzwerkes.

Wenn dieser Mittelpunkt verschwindet, werden auch Investitionsentscheidungen von Zulieferern neu getroffen.

Und irgendwann entsteht ein gefährlicher Kreislauf:

Ein großer Hersteller reduziert seine Aktivitäten.

Zulieferer reduzieren ihre Aktivitäten.

Fachkräfte verlassen die Region.

Neue Investoren finden weniger qualifiziertes Personal und weniger bestehende Infrastruktur.

Weitere Unternehmen investieren deshalb ebenfalls woanders.

So beginnt industrielle Erosion.

Nicht mit einem großen Knall.

Sondern Stück für Stück.

Hannover: Der Bulli gehört zur Stadt

Auch Hannover ist keine kleine Produktionsstätte.

Im VW-Nutzfahrzeugwerk Stöcken arbeiten rund 13.500 Menschen. Volkswagen bezeichnet es als größten industriellen Arbeitgeber der Region Hannover und mit knapp 600 Auszubildenden und dual Studierenden zugleich als größten industriellen Ausbildungsbetrieb der Region.

Das bedeutet:

Hier reden wir nicht nur über heutige Beschäftigung.

Hier reden wir über die Ausbildung der nächsten Generation.

Was geschieht mit Ausbildungsplätzen, wenn langfristig keine Fahrzeugproduktion mehr vorgesehen ist?

Wie viele Werkzeugmechaniker, Elektroniker, Mechatroniker oder Produktionsfachkräfte bildet ein Standort aus, dessen Zukunft ungeklärt ist?

Das ist die zweite Ebene der Diskussion.

Industrie bedeutet nicht nur aktuelle Arbeitsplätze.

Industrie bedeutet Weitergabe von Wissen.

Neckarsulm: 15.509 Beschäftigte und eine ganze Wirtschaftsregion

Noch größer ist die unmittelbare Beschäftigtenzahl bei Audi in Neckarsulm.

15.509 Menschen arbeiten dort.

Audi selbst bezeichnet sich als einen der größten Arbeitgeber der gesamten Wirtschaftsregion Heilbronn-Franken. Produziert werden derzeit unter anderem A5, A6, A8 und e-tron GT.

Auch hier wäre ein Auslaufen der Fahrzeugproduktion also kein lokales Randereignis.

Zum Standort gehören hochqualifizierte Fachkräfte, Entwicklungskompetenz, Produktionswissen, Dienstleister, Zulieferer und spezialisierte mittelständische Unternehmen.

Genau solche industriellen Ökosysteme entstehen über Jahrzehnte.

Und genau deshalb kann man sie nicht innerhalb von zwei Jahren wieder aufbauen, wenn sie einmal verschwunden sind.

Die IG Metall wird das nicht einfach hinnehmen

Wer glaubt, Volkswagen könne vier Standorte einfach still und leise auslaufen lassen, unterschätzt vermutlich die deutsche Mitbestimmung.

Die IG Metall und der VW-Betriebsrat haben bereits im Juni unmissverständlich erklärt, dass sie entsprechende Pläne „mit aller Macht“ verhindern wollen.

Ihre zentrale Forderung lautet: Der Vorstand müsse wettbewerbsfähige Produkte, Technologien und Strukturen schaffen, statt Standorte infrage zu stellen.

In Zwickau kündigte die IG Metall ebenfalls an:

„Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen.“

Das darf man ernst nehmen.

Zumal Volkswagen und Arbeitnehmerseite erst Ende 2024 die Vereinbarung „Zukunft Volkswagen“ geschlossen hatten.

Damals wurde bereits ein sozialverträglicher Abbau von mehr als 35.000 Arbeitsplätzen bis 2030 vereinbart. Gleichzeitig sollte die technische Produktionskapazität der deutschen Werke um 734.000 Fahrzeuge reduziert werden.

Mit anderen Worten:

Die Arbeitnehmerseite hat bereits erhebliche Einschnitte akzeptiert.

Genau deshalb dürfte die Argumentation der Gewerkschaft lauten:

Wir haben unseren Beitrag geleistet – jetzt ist das Management an der Reihe.

Der heiße Herbst ist praktisch vorprogrammiert

Sollte Volkswagen die berichteten Pläne tatsächlich bestätigen, wird der Herbst 2026 politisch und gewerkschaftlich ausgesprochen unruhig.

Die IG Metall mobilisiert ohnehin bereits gegen den Arbeitsplatzabbau in der deutschen Metall- und Elektroindustrie.

Für den 21. September sind Aktionen vor Betrieben angekündigt. In der Tarifbewegung des IG-Metall-Bezirks Mitte laufen gleichzeitig die Vorbereitungen für die kommende Tarifrunde. Dort könnten nach Ende der Friedenspflicht ab November Warnstreiks möglich werden.

Das bedeutet nicht automatisch, dass genau deshalb sämtliche VW-Werke bestreikt werden.

Die tarifrechtlichen Voraussetzungen unterscheiden sich.

Aber die politische Atmosphäre ist eindeutig.

Volkswagen.

Mercedes.

Bosch.

ZF.

Zulieferer.

Stahlindustrie.

Chemieindustrie.

An vielen Stellen wird gleichzeitig über Stellenabbau, Produktionsverlagerungen und Kosten gesprochen.

Wenn nun auch noch vier prominente VW-Standorte offen infrage stehen, entsteht daraus sehr schnell eine größere gesellschaftliche Diskussion über die Zukunft der deutschen Industrie.

Dann wird es politisch

Denn spätestens bei Werksschließungen hört die Sache auf, ein reines Unternehmensproblem zu sein.

Emden liegt in Niedersachsen.

Hannover ebenfalls.

Das Land Niedersachsen hält rund 20 Prozent der Stimmrechte an Volkswagen und verfügt über zwei Sitze im Aufsichtsrat.

Zwickau liegt in Sachsen.

Neckarsulm in Baden-Württemberg.

Damit stehen plötzlich Ministerpräsidenten, Wirtschaftsminister, Bundestagsabgeordnete, Bürgermeister und Landräte vor derselben Frage:

Was können wir tun?

Und dann beginnt der übliche politische Konflikt.

Die eine Seite fordert staatliche Unterstützung.

Die andere niedrigere Unternehmenssteuern.

Die nächste niedrigere Energiepreise.

Andere wollen längere Arbeitszeiten.

Wieder andere protektionistische Maßnahmen gegen chinesische Hersteller.

Und die Gewerkschaften werden davor warnen, die gesamte Rechnung den Beschäftigten zu präsentieren.

Aber nun kommt die unbequeme Gegenfrage

So berechtigt die Kritik an möglichen Werksschließungen ist:

Man darf es sich auch nicht zu einfach machen.

Denn die andere Seite der Geschichte existiert ebenfalls.

Was ist eigentlich die wirtschaftliche Alternative, wenn alles bleibt, wie es heute ist?

Genau diese Frage muss auch die IG Metall beantworten.

Wenn ein Werk dauerhaft deutlich teurer produziert als konkurrierende Standorte und gleichzeitig zu wenig Fahrzeuge verkauft werden, hilft irgendwann auch die schönste Standortgarantie nicht mehr.

Ein Automobilwerk kann nicht dauerhaft Fahrzeuge bauen, für die keine ausreichende Nachfrage besteht.

Und Volkswagen kann nicht jedem Werk einfach irgendein neues Modell geben.

Denn auch dieses Modell muss entwickelt werden.

Es braucht eine Plattform.

Werkzeuge.

Produktionsanlagen.

Zulieferketten.

Milliardeninvestitionen.

Und vor allem:

Kunden, die das Auto kaufen.

Volkswagen hat ein echtes Wettbewerbsproblem

Laut dem der „WirtschaftsWoche“ vorliegenden Strategiepapier erwartet Volkswagen für 2026 weltweit nur noch rund 8,5 Millionen verkaufte Fahrzeuge. Gleichzeitig sollen nach dem Bericht Nachfolgemodelle aus deutschen Werken teilweise nach Tschechien, die Slowakei und Polen verlagert werden.

Genau hier liegt der Kern des Konflikts.

Wenn derselbe Konzern zu dem Ergebnis kommt, dass ein Modell in Bratislava, Poznań oder Mladá Boleslav wirtschaftlicher produziert werden kann als in Deutschland, reicht es nicht, moralisch zu erklären:

„Dann baut es trotzdem in Deutschland.“

Ein Unternehmen muss international wettbewerbsfähig bleiben.

Tut es das nicht, verliert es Marktanteile.

Verliert es Marktanteile, sinken Gewinne.

Sinken Gewinne dauerhaft, fehlen Investitionen.

Und irgendwann sind noch viel mehr Arbeitsplätze gefährdet.

Das ist die Realität, die man in der Debatte nicht verschweigen darf.

Aber Kosten sind nicht nur Löhne

Genauso falsch wäre allerdings, daraus den simplen Schluss zu ziehen:

Die deutschen Arbeitnehmer sind zu teuer.

Produktionskosten bestehen aus wesentlich mehr.

Energie.

Steuern.

Sozialabgaben.

Bürokratie.

Regulierung.

Logistik.

Investitionskosten.

Auslastung.

Produktivität.

Managementstrukturen.

Entwicklungskosten.

Modellvielfalt.

Einkauf.

Softwareprobleme.

Und selbstverständlich auch Löhne.

Die Beschäftigten allein für strukturelle Fehler eines Konzerns oder für politische Standortprobleme verantwortlich zu machen, wäre deshalb genauso unseriös wie die Behauptung, Arbeitskosten spielten überhaupt keine Rolle.

Was wären realistische Alternativen?

Wenn man Werksschließungen wirklich verhindern will, braucht es deshalb mehr als Demonstrationen.

Für die vier Standorte müssten konkrete wirtschaftliche Konzepte entstehen.

Neue Fahrzeugmodelle wären eine Möglichkeit.

Andere Produktionsaufgaben innerhalb des Konzerns eine zweite.

Batterie- oder Komponentenfertigung könnte an einzelnen Standorten eine Rolle spielen.

Zwickau hat bereits Perspektiven im Bereich Circular Economy diskutiert.

Denkbar sind auch neue industrielle Partnerschaften, Auftragsfertigung, Software-, Entwicklungs- oder Recyclingbereiche.

Gleichzeitig müssten möglicherweise Produktionsstrukturen flexibler und kostengünstiger werden.

Und auch die Politik müsste ihren Beitrag leisten:

Energiepreise.

Unternehmenssteuern.

Lohnnebenkosten.

Genehmigungsverfahren.

Bürokratie.

Infrastruktur.

Investitionsbedingungen.

Über all das muss gesprochen werden.

Einfach alles so lassen funktioniert vermutlich nicht

Das ist vielleicht die unangenehmste Erkenntnis der gesamten Diskussion.

Der Status quo dürfte keine Alternative sein.

Wenn Volkswagen tatsächlich zu dem Ergebnis kommt, dass vier deutsche Werke nach 2030 keine wirtschaftlich tragfähige Nachfolgeproduktion besitzen, muss irgendetwas verändert werden.

Die Frage lautet nur:

Was?

Werke schließen?

Produktion verlagern?

Kosten reduzieren?

Arbeitszeiten verändern?

Neue Produkte entwickeln?

Staatliche Rahmenbedingungen verbessern?

Werke für andere Geschäftsfelder umbauen?

Vermutlich braucht es eine Kombination aus mehreren Punkten.

Der Vorstand trägt genauso Verantwortung

Und hier darf sich auch das Management nicht wegducken.

Denn Arbeitnehmer entwickeln keine Fahrzeugstrategien.

Sie entscheiden nicht darüber, welche Modelle produziert werden.

Sie bestimmen nicht die Softwarearchitektur.

Sie entscheiden nicht über milliardenschwere Plattformprojekte.

Sie legen keine internationalen Produktionsnetzwerke fest.

Diese Verantwortung trägt das Management.

Deshalb ist die Forderung der Arbeitnehmerseite legitim:

Bevor man ein Werk abschreibt, muss überzeugend erklärt werden, welche Alternativen geprüft wurden.

Nicht theoretisch.

Sondern mit Zahlen.

Wie groß ist der tatsächliche Kostenunterschied?

Welche Investition wäre nötig?

Welche Produktivität wäre erreichbar?

Welche Zugeständnisse wären erforderlich?

Und unter welchen Voraussetzungen könnte ein Standort wettbewerbsfähig bleiben?

Erst dann kann eine ehrliche Diskussion stattfinden.

Deutschland steht vor einer Grundsatzentscheidung

Am Ende geht es deshalb um viel mehr als Volkswagen.

Es geht um die Frage, welche industrielle Basis Deutschland künftig noch haben möchte.

Ein Industrieland kann nicht jedes Werk um jeden Preis erhalten.

Aber ein Industrieland kann es sich genauso wenig leisten, jeden Produktionsverlust mit einem Achselzucken hinzunehmen.

Denn Industriearbeitsplätze sind schwer zu ersetzen.

Ein verlorenes Werk kommt selten zurück.

Ein abgewanderter Zulieferer ebenfalls nicht.

Und eine Generation hochqualifizierter Facharbeiter lässt sich nicht per Förderprogramm innerhalb von zwei Jahren wieder aufbauen.

Deshalb wird dieser Herbst heiß

Sollten sich die Berichte bestätigen, werden wir Proteste erleben.

Wir werden Betriebsversammlungen erleben.

Wir werden harte Worte der IG Metall hören.

Wir werden politische Interventionen erleben.

Wir werden möglicherweise Arbeitskämpfe sehen, soweit die jeweiligen tarifrechtlichen Voraussetzungen vorliegen.

Und wir werden vor allem eine Diskussion erleben, die Deutschland seit Jahren vor sich herschiebt:

Wie wettbewerbsfähig ist unser Industriestandort eigentlich noch?

Die IG Metall muss erklären, wie Arbeitsplätze langfristig wirtschaftlich gesichert werden können.

Volkswagen muss erklären, warum ausgerechnet deutsche Werke keine Zukunftsprodukte erhalten sollen.

Die Politik muss erklären, weshalb Unternehmen zunehmend über Kosten und Standortnachteile klagen.

Und das Management muss sich fragen lassen, welchen Anteil eigene strategische Entscheidungen an der heutigen Situation haben.

Keine dieser Seiten kann die Verantwortung einfach bei der anderen abladen.

Die entscheidende Frage bleibt offen

Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage nicht:

„Darf Volkswagen vier Werke schließen?“

Sondern:

„Was muss sich ändern, damit Volkswagen diese Werke wirtschaftlich weiterbetreiben kann?“

Denn wenn die Antwort darauf lautet:

Gar nichts – alles soll bleiben, wie es ist,

dann muss man auch beantworten, wer dauerhaft die Kosten eines möglicherweise nicht wettbewerbsfähigen Produktionssystems tragen soll.

Die Beschäftigten?

Die Kunden?

Die Aktionäre?

Der Staat?

Oder am Ende der Steuerzahler?

Und wenn die Antwort lautet, dass sich etwas ändern muss, dann muss darüber ehrlich verhandelt werden – ohne Beschäftigte als bloßen Kostenfaktor zu behandeln, aber ebenso ohne wirtschaftliche Realitäten zu ignorieren.

Rund 44.700 Menschen arbeiten heute unmittelbar an den vier genannten Standorten.

Dahinter stehen Zehntausende weitere Existenzen in Zulieferbetrieben, Handel und Dienstleistungen.

Deshalb verdient diese Diskussion mehr als Schlagworte.

Sie verdient Zahlen.

Sie verdient Alternativen.

Sie verdient Verantwortung.

Und vor allem verdient sie Ehrlichkeit.

Denn einen heißen Herbst kann man überstehen.

Eine schleichende Deindustrialisierung wäre wesentlich schwieriger rückgängig zu machen.

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