Die Ukraine hat ihre Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur in den vergangenen Tagen deutlich verstärkt. Hintergrund ist, dass Moskau derzeit von steigenden Rohölpreisen und einer teilweisen Lockerung westlicher Sanktionen profitiert – ein Umstand, der dem Kreml zusätzliche Einnahmen verschafft.
Ukrainische Drohnen trafen in der vergangenen Woche mehrere russische Raffinerien sowie wichtige Exportterminals. Damit beschleunigt Kiew eine Kampagne, die bereits im vergangenen Sommer begonnen hatte und gezielt auf eine der wichtigsten Einnahmequellen Russlands abzielt.
Während der Krieg im Nahen Osten und der deutliche Anstieg der Ölpreise dem Kreml einen finanziellen Zusatzgewinn bescheren, versucht die Ukraine, Russlands Energieproduktion und Exportkapazitäten spürbar zu schwächen.
Nach Angaben des ukrainischen Militärs wurden allein in diesem Monat zehn größere Angriffe auf russische Energieanlagen durchgeführt – teils tief im russischen Hinterland. Wie groß die tatsächlichen Schäden sind, lässt sich derzeit nur schwer unabhängig überprüfen. In Russland wird jedoch bereits über ein neues Verbot von Benzinexporten diskutiert beziehungsweise dieses wurde inzwischen angekündigt. Reuters berichtete am 27. März, dass Russland ab dem 1. April ein Benzinexportverbot bis Ende Juli einführen will.
Treffer gegen Raffinerien und Ostsee-Terminals
Der jüngste von der Ukraine beanspruchte Angriff richtete sich in der Nacht auf Samstag gegen eine große Ölraffinerie in Jaroslawl nordöstlich von Moskau. Nach Angaben des ukrainischen Militärs wurde die Anlage direkt getroffen, anschließend sei ein Feuer ausgebrochen.
Der Gouverneur der Region Jaroslawl, Michail Jewrajew, bestätigte Schäden an mehreren Wohngebäuden sowie an einer „gewerblichen Einrichtung“, erklärte jedoch zugleich, mehr als 30 Drohnen seien abgefangen worden.
Besonders im Fokus standen in den vergangenen Tagen die russischen Exportterminals an der Ostsee. Das Ölterminal Ust-Luga wurde innerhalb einer Woche gleich zweimal angegriffen. Laut ukrainischen Angaben wurden dabei Verladeeinrichtungen sowie Tanklager mit Öl und Ölprodukten beschädigt.
Geolokalisierte Videos zeigten einen Großbrand im Hafenbereich. Reuters berichtete zudem, dass der russische Energiekonzern Novatek den Betrieb seiner Anlage in Ust-Luga nach den Angriffen ausgesetzt habe. Betroffen seien die Verarbeitung von Gaskondensat und die Verladung von Naphtha; Schäden soll es an Prozessanlagen und Teilen der Treibstofflager gegeben haben.
Auch der nahegelegene Hafen Primorsk wurde in der vergangenen Woche attackiert. Reuters meldete, dass an beiden Ostseehäfen erhebliche Störungen auftraten und zeitweise ein Teil der Verladungen unterbrochen wurde.
Darüber hinaus wurde bereits am vergangenen Wochenende eine Raffinerie in Saratow im Süden Russlands getroffen, die vom Staatskonzern Rosneft betrieben wird.
Russische Exportkapazitäten massiv unter Druck
Nach Berechnungen von Reuters waren infolge ukrainischer Angriffe, Pipeline-Problemen und weiterer Störungen zeitweise mindestens 40 Prozent der russischen Ölexportkapazitäten beeinträchtigt. Das entspricht rund 2 Millionen Barrel pro Tag. Reuters bezeichnete dies als die schwerste Unterbrechung russischer Ölausfuhren in der modernen Geschichte.
Gleichzeitig sorgt die Lage im Nahen Osten für stark steigende Energiepreise. Vor Beginn der jüngsten Eskalation wurde russisches Rohöl auf dem Weltmarkt meist mit deutlichem Abschlag gegenüber anderen Referenzsorten gehandelt. Inzwischen profitiert Russland nach Einschätzung von Analysten teilweise sogar von höheren Verkaufspreisen.
Hinzu kommt, dass die USA zur Beruhigung der internationalen Ölmärkte einige Sanktionen gelockert haben. Dies verschafft Moskau zusätzlichen Spielraum auf den Energiemärkten.
Selenskyj: Schläge sind Antwort auf russische Angriffe
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am Samstag, die ukrainischen Langstreckendrohnen seien inzwischen deutlich wirksamer geworden. Gegenüber CNN sagte er, die Angriffe seien eine direkte Reaktion auf russische Attacken gegen die ukrainische Energieversorgung, die im Winter zu großflächigen Stromausfällen geführt hätten.
„Russland muss aufhören, unsere Energieinfrastruktur anzugreifen. Dann werden wir nicht gegen ihre Infrastruktur zurückschlagen“, sagte Selenskyj.
Zugleich kritisierte er die teilweise Lockerung von Sanktionen gegen Russland scharf. Er argumentierte, dass jeder zusätzliche Erlös aus dem Energiegeschäft letztlich Russlands Kriegsführung stärke.
Russland reagiert mit Exportstopp bei Benzin
Die russische Regierung reagiert auf die angespannte Lage im Energiesektor mit neuen Eingriffen in den Markt. Nach Angaben von Reuters wird Russland ab 1. April erneut ein Verbot von Benzinexporten verhängen. Die Maßnahme soll zunächst bis 31. Juli gelten und wird offiziell mit Instabilitäten auf den globalen Öl- und Kraftstoffmärkten begründet. Reuters verweist aber auch auf frühere Engpässe und Belastungen des Binnenmarktes infolge ukrainischer Angriffe auf Raffinerien.
Bereits im vergangenen Herbst hatte Moskau ein ähnliches Exportverbot verhängt, das im Januar wieder aufgehoben worden war.
Kurzfazit
Die Ukraine verschärft ihren Druck auf einen zentralen Nerv der russischen Kriegswirtschaft: die Öl- und Exportinfrastruktur.
Gleichzeitig profitiert Russland wegen der geopolitischen Lage von höheren Energiepreisen und teils gelockerten Sanktionen.
Das Ergebnis:
Während Kiew versucht, Russlands wichtigste Einnahmequelle zu treffen, reagiert Moskau bereits mit Notmaßnahmen wie einem neuen Benzinexportverbot – ein Hinweis darauf, dass die Angriffe wirtschaftlich Wirkung zeigen könnten, auch wenn das volle Ausmaß der Schäden noch unklar ist.
Kommentar hinterlassen