Thomas Tuchel hat seine England-Auswahl in den vergangenen Wochen offenbar behandelt wie ein besonders großes Überraschungsei: Man wusste nie genau, was drinsteckt.
Beim 1:0-Testspielsieg gegen Neuseeland wurde munter rotiert, ausprobiert und experimentiert. Insgesamt kamen 22 verschiedene Spieler zum Einsatz – ein Wert, der eher an ein Probetraining erinnert als an die unmittelbare Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft.
Doch die Zeit der Experimente neigt sich langsam dem Ende zu.
Denn in wenigen Tagen wartet mit Kroatien der erste echte Prüfstein bei der WM. Bis dahin sollte Tuchel langsam wissen, welche Elf er tatsächlich ins Rennen schicken will. Schließlich gewinnt man Weltmeisterschaften eher selten mit einem ständig wechselnden Überraschungsmenü.
Immerhin gab es eine Konstante, auf die sich England seit Jahren verlassen kann: Harry Kane.
Während um ihn herum munter gewechselt, getestet und analysiert wird, macht Kane einfach das, was Kane immer macht – Tore schießen. Mit seinem Treffer gegen Neuseeland erzielte der Kapitän bereits sein 79. Länderspieltor. Die Botschaft ist klar: Solange Kane trifft, bleiben Englands WM-Träume am Leben.
Der Rest der Mannschaft lieferte dagegen eher eine Vorstellung der Kategorie „solide bemüht“. Gegen den Weltranglisten-85. Neuseeland hätte man sich etwas mehr Offensivfeuerwerk vorstellen können. Stattdessen erinnerte vieles an eine Trainingseinheit unter erschwerten Bedingungen – inklusive tropischer Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit in Florida.
Tuchel sieht das gelassen. Die Spieler müssten sich erst an Klima und Bedingungen gewöhnen. Zudem hätten viele Akteure seit Monaten nicht mehr gemeinsam gespielt. Verständliche Argumente – allerdings interessiert das spätestens gegen Kroatien niemanden mehr.
Besonders spannend bleibt die Frage nach der idealen Startelf. Wer übernimmt die Zehnerposition? Setzt Tuchel auf Jude Bellingham oder Morgan Rogers? Wer bildet die Innenverteidigung? Und wer darf neben Kane in der Offensive wirbeln? Antworten darauf dürfte das letzte Testspiel gegen Costa Rica liefern.
Die englischen Fans hoffen jedenfalls, dass die Phase des Experimentierens nun abgeschlossen ist. Denn bei einer Weltmeisterschaft möchte niemand hören, dass der Trainer noch „ein paar Dinge ausprobieren“ will.
Die gute Nachricht für England:
Keine Verletzungen.
Harry Kane trifft.
Und die wichtigen Spieler stehen rechtzeitig zur Verfügung.
Die schlechte Nachricht:
Ab jetzt zählen keine Ausreden mehr.
Wenn gegen Kroatien der Ball rollt, beginnt der Ernst des Lebens. Und dann wird sich zeigen, ob Tuchels große Testreihe tatsächlich der Auftakt zu einer erfolgreichen WM war – oder nur die teuerste Trainingseinheit des Jahres.
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