Lange Zeit lief das Verhältnis zwischen Europa und China nach einem einfachen Prinzip:
China produzierte.
Europa kaufte.
Und Brüssel erklärte, warum das für alle eine Win-win-Situation sei.
Nun scheint man in der EU plötzlich festgestellt zu haben, dass der chinesische Drache nicht nur niedliche Exportartikel liefert, sondern gelegentlich auch ganze Industriezweige verspeisen möchte.
EVP-Chef Manfred Weber verkündet deshalb mit staatsmännischem Ernst:
„Die Zeit der Naivität ist vorbei.“
Eine bemerkenswerte Aussage.
Denn viele Bürger dürften sich nun fragen, wann die Zeit der Naivität eigentlich begonnen hat. Vermutlich irgendwann zwischen dem ersten Container voller Billigimporte und dem fünftausendsten.
Jetzt jedenfalls soll Schluss sein mit der Kuschelpolitik.
Die EU rüstet sich für einen möglichen Handelskrieg mit China. Hintergrund ist ein Handelsdefizit von fast einer Milliarde Euro – pro Tag.
Man muss sich diese Zahl einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Während normale Menschen überlegen, ob sie sich noch einen Kaffee für 3,50 Euro leisten können, verliert Europa täglich Summen, für die man mehrere Bundesländer kaufen könnte.
Besonders ärgerlich findet Weber, dass China mit Überproduktion und Dumpingpreisen europäische Unternehmen unter Druck setzt.
Übersetzt heißt das:
Chinesische Hersteller verkaufen Produkte so günstig, dass europäische Firmen daneben aussehen wie ein Gourmetrestaurant im Wettbewerb mit einer Tiefkühlpizza.
Dabei hat die EU in den vergangenen Jahren selbst fleißig mitgeholfen.
Ein besonders schönes Beispiel:
Mit europäischen Entwicklungshilfegeldern wurden Busse für den Senegal finanziert.
Gewonnen hat den Auftrag am Ende ein chinesischer Hersteller.
Man könnte sagen:
Europa spendet Geld, China kassiert den Auftrag.
Globalisierung kann manchmal erstaunlich effizient sein.
Nun sollen Zölle und Schutzmaßnahmen helfen.
Vorbild sind die Strafzölle auf chinesische Elektroautos.
Die Hoffnung lautet: Wenn China europäische Märkte braucht, kann Europa seine Marktmacht endlich nutzen.
Die Sorge lautet hingegen: China könnte mit Gegenmaßnahmen reagieren und beispielsweise wichtige Rohstoffe oder seltene Erden zurückhalten.
Das wäre ungefähr so, als würde man sich mit dem einzigen Supermarkt der Stadt streiten, kurz bevor man den Kühlschrank auffüllen möchte.
Trotzdem wächst in Brüssel die Erkenntnis, dass wirtschaftliche Abhängigkeiten nicht automatisch strategische Freundschaften bedeuten.
Eine Erkenntnis, die manche Beobachter schon vor Jahren hatten.
Aber wie heißt es so schön:
Besser spät als nie.
Oder anders formuliert:
Europa hat gerade festgestellt, dass der Panda zwar niedlich aussieht, aber ziemlich scharfe Krallen besitzt.
Und jetzt beginnt die spannende Frage:
Kann die EU tatsächlich Härte zeigen – oder endet der große Handelskrieg am Ende wieder mit einer weiteren Gesprächsrunde, einem Gipfelfoto und der gemeinsamen Erklärung, dass man den Dialog fortsetzen wolle?
Die Antwort dürfte selbst in Peking mit Interesse verfolgt werden.
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