Im Fall der verheerenden Brandkatastrophe von Crans-Montana scheint die Schweizer Justiz inzwischen jede Schraube, jede Rechnung und vermutlich bald auch jede Serviette der betroffenen Bar genauer unter die Lupe zu nehmen.
Nach den Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung hat die Staatsanwaltschaft nun eine weitere Anklage gegen Bar-Chefin Jessica Moretti erhoben. Der neue Vorwurf: Urkundenfälschung.
Im Mittelpunkt steht ausgerechnet eine Rechnung aus dem Jahr 2015. Nicht für Champagner, Feuerwerkskörper oder eine Nebelmaschine – sondern für Schaumstoff.
Ja, genau jener Schaumstoff, der nach Ansicht der Ermittler möglicherweise eine entscheidende Rolle bei der Brandkatastrophe spielte, bei der in der Silvesternacht 41 Menschen starben und weitere 115 verletzt wurden.
Mittlerweile hat der Fall eine bemerkenswerte Eigendynamik entwickelt. Während die Ermittler ursprünglich klären wollten, warum eine Bar überhaupt brennbaren Schaumstoff an der Decke hatte, beschäftigen sie sich inzwischen zusätzlich mit der Frage, ob die Rechnung für eben diesen Schaumstoff echt ist.
Der Anwalt von Jessica Moretti weist die Vorwürfe zurück. Die angebliche Fälschung habe nichts mit der Tragödie zu tun. Nach Medienberichten soll es dabei vielmehr um steuerliche Aspekte gehen.
Damit wird die Geschichte noch kurioser.
Denn offenbar reicht es nicht mehr aus, dass ein Feuer durch Feuerwerksfontänen, brennbaren Schaumstoff, fehlende Kontrollen und zahlreiche Versäumnisse begünstigt worden sein könnte. Nun diskutiert man zusätzlich darüber, ob die Buchhaltung der Bar ebenfalls ein Eigenleben entwickelt hatte.
Besonders unerquicklich für die Betreiber: Auch beim Kauf des Schaumstoffs gibt es offenbar Widersprüche. Während zunächst von einem Kauf im örtlichen Baumarkt die Rede war, soll das Material laut Ermittlungen möglicherweise von einem Versandhändler aus Deutschland stammen.
So führt die Spur der Katastrophe mittlerweile nicht nur durch die Schweiz, sondern auch über die deutsche Grenze. Fast könnte man meinen, der Schaumstoff habe eine spannendere Reise hinter sich als manche Touristen in Crans-Montana.
Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass die Verantwortung möglicherweise weit über die Betreiber hinausreichen könnte. Die Gemeinde hat bereits eingeräumt, dass vorgeschriebene Brandschutzkontrollen seit Jahren nicht durchgeführt wurden.
Am Ende entsteht das Bild einer Tragödie, bei der viele Beteiligte offenbar davon ausgegangen sind, dass schon nichts passieren werde.
Nun wird Jahre später jedes Detail rekonstruiert: die Feuerwerksfontänen, die Deckenverkleidung, die Kontrollen, die Lieferwege und sogar die Rechnungen.
Wenn die Ermittlungen in diesem Tempo weitergehen, dürfte am Ende nicht nur geklärt werden, wie das Feuer entstanden ist, sondern vermutlich auch, wer 2015 den Kugelschreiber für die Rechnung geliefert hat.
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